Kultur und Wissen
27.07.2026

Platzverweise und Phantomtore 

Die Fußball-WM 1966 schrieb Geschichten: Deutschland konnte noch gewinnen; ein Argentinier ließ sich nicht des Platzes verweisen. Und England wurde zum einzigen Mal Weltmeister – weil das mit der Torlinie noch so eine Sache war. 
    

Kurz vor Ende der regulären Spielzeit im Wembley-Finale 1966 schoss Wolfgang Weber (links) den Ausgleich, der die Verlängerung erzwang. Dort kam es dann zum berühmten „Wembley-Tor“. Kurz vor Ende der regulären Spielzeit im Wembley-Finale 1966 schoss Wolfgang Weber (links) den Ausgleich, der die Verlängerung erzwang. Dort kam es dann zum berühmten „Wembley-Tor“. Foto: © imago/United Archives International

Wiederholt sich Geschichte? Nein. Aber sie gibt zumindest manchmal ein ähnliches Blatt aus, das die Akteure dann neu ausspielen müssen. Die Ergebnisse sind ... nun, sagen wir, dann doch recht unterschiedlich. Ein Beispiel gefällig? Nehmen wir die Fußball-WM 1966 und jene in Nordamerika 2026. Am 30. Juli 1966, vor 60 Jahren, fand im Londoner Wembley-Stadion das legendäre Finale statt, zwischen Gastgeber England und dem wenig geliebten Kriegsgegner Deutschland. 

Doch zunächst ein Blick in die Viertelfinals, die es wahrlich in sich hatten. Etwa Deutschland gegen Uruguay: Die Südamerikaner spielten rüde; ein bisschen vergleichbar vielleicht mit Paraguay in der Runde der letzten 32 zuletzt bei der WM in Nordamerika. Die Konsequenzen waren aber andere – wie auch das Ergebnis. Der Schiedsrichter ließ nicht alles gewähren, sondern stellte schon bald zwei Uruguayer vom Platz. So konnten die Deutschen durch ihre besten Spieler – Helmut Haller, Franz Beckenbauer und Uwe Seeler – ein letztlich ungefährdetes 4:0 einfahren. 

Der „Große Führer“ sieht ein 3:0 

Spektakulär war die Partie Portugal gegen Nordkorea. Der absolute Underdog aus Asien – der zuvor schon Italien aus dem Turnier geworfen und überhaupt gerade seine glanzvollste Zeit unter dem kommunistischen „Großen Führer“ Kim Il-sung hatte – ging sage und schreibe mit 3:0 in Führung; und alle im Stadion und an den Fernsehern rieben sich die Augen. 

Doch dann kam der „schwarze Panther“, wie ihn die Medien nannten: Eusébio, Portugals größtes Sportleridol überhaupt, bis heute nur angefochten durch „CR7“, Cristiano Ronaldo. Der maßlos elegante Eusébio schoss vier Tore in Folge und legte das fünfte noch auf. Eusébio legte also 1966 ein ähnliches Torfestival hin wie 60 Jahre später Kylian Mbappé, Lionel Messi und Erling Haaland – 5:3 hieß es am Ende standesgemäß, neun Turniertreffer standen am Ende für ihn insgesamt zu Buche.

Pelé brutal zusammengetreten  

Überhaupt stand 1966 Offensivfußball wieder höher im Kurs als noch in Chile 1962, wo Betonfußball und knüppelharte Defensive den Ton angegeben hatten. Allerdings setzten auch die Portugiesen erst in der Finalrunde auf Fußball – nachdem sie in der Vorrunde noch Weltstar Pelé brutal zusammengetreten und den so geschwächten amtierenden Weltmeister Brasilien nach Hause geschickt hatten. 

Auch das dritte Viertelfinale schrieb Geschichte – allerdings aus einem anderen Grund. Vor über 90.000 Zuschauern standen sich in Wembley Gastgeber England und Argentinien gegenüber. Und der deutsche Schiedsrichter Rudolf Kreitlein (1919–2012) hatte in der äußerst hitzigen Partie sehr gut zu tun. Noch in der ersten Halbzeit verwies er Argentiniens Kapitän Antonio Rattín des Feldes. 

Polizisten führten ihn vom Feld  

Die Hinausstellung wurde damals noch verbal verhängt. Doch der erst vor wenigen Tagen mit 89 Jahren gestorbene Riese der Argentinier dachte gar nicht daran, den Platz zu verlassen. Auch die Sprachbarriere – Kreitlein sprach nur Deutsch, Rattín nur Spanisch – mag dazu beigetragen haben, dass sich die Szene über zehn Minuten hinzog. Am Ende kamen mehrere englische Polizisten, „Bobbys“, zum Einsatz, die den Delinquenten schließlich vom Feld führten. England gewann das Spiel mit 1:0. 

Eine Folge des Vorfalls: Zur WM in Mexiko 1970 wurden gelbe und rote Karten als optische und unmissverständliche Strafen eingeführt. Bei der Leitfrage nach einer Wiederholung von Geschichte muss freilich die Nachfrage erlaubt sein: War die Tatsache, dass es für die enorme Härte und die regelrechten Wrestling-Einlagen südamerikanischer Mannschaften und auch und gerade Argentiniens bei der WM 2026 kaum Gelbe und Rote Karten gab, ein Zeichen von Geschichtsvergessenheit – oder gerade eine Hommage an die Vorfälle von 1966? Fakt ist: In einem ganz dreckigen Halbfinale siegte diesmal Argentinien gegen England mit 2:1. 

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Ohne Finale leider kein Titel 

Damit ist auch schon erklärt, warum aus einer anderen Wiederholung der Geschichte, die sich England 2026 so sehr gewünscht hatte, nichts geworden ist. Die Three Lions wollten diesmal unbedingt wieder Weltmeister werden – erstmals seit der Heim-WM 1966. Doch dazu hätten sie auch wieder im Finale stehen müssen, wie 1966 gegen Deutschland. 

Am 30. Juli 1966 in der Verlängerung – damals brauchte es mehr als die reguläre Spielzeit plus Trinkpausen, um 101 Minuten auf dem Platz zu stehen – zog der Engländer Geoff Hurst ab und traf die Unterkante der (damals noch eckigen) Latte. Der Ball prallte nach unten und war – drin oder nicht drin? Der deutsche Verteidiger Wolfgang Weber köpfte ihn ins Toraus, die Engländer jubelten – und ein Chaos begann. 

Rätsel wurde nie gelöst 

Der Schweizer Schiedsrichter Gottfried Dienst konsultierte seinen sowjetisch-aserbaidschanischen Linienrichter Tofiq Bahramov – und entschied auf Tor! Das Rätsel um das „Wembley-Tor“ wurde nie gelöst. Spätestens das 4:2 der Engländer am Ende der Verlängerung hätte jedenfalls nicht zählen dürfen; englische Fans hatten schon das Spielfeld geentert. Fazit: In der Summe wiederholt sich Geschichte nicht. Denn heute gibt es die Torlinientechnik. Und gelbe und rote Karten gibt es eigentlich auch. 

Alexander Brüggemann

KNA
Artikel von KNA
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