Kultur und Wissen
08.02.2026

Der Schäfflertanz freut alle 

In ganz Südbayern gibt es die Tanzgruppen der „Schäffler“, wie die Fassmacher traditionell heißen. Die in München ist die älteste und geht auf Zeiten zurück, als wegen der Pest die Straßen der Landeshauptstadt leergefegt waren.
    

Die Schäffler kommen bei ihrem Tanz ganz schön in Bewegung. Die Schäffler kommen bei ihrem Tanz ganz schön in Bewegung. Foto: © SMB/Witte

Johannes Lindl lacht auf die Frage, was denn Spaß am Schäffler-Tanzen macht: „Wenn man aus dem Bus steigt, warten die Leute schon. Wenn wir dann tanzen, bekommen wir ganz viel Zuspruch und Jubel und die Kinder freuen sich. Dieses Freude-Verbreiten, das ist es wert, auch wenn’s mal kälter ist!“ Lindl ist 22 und einer der jüngsten Schäffler. Er ist gelernter Industriemechaniker. Nur noch ganz wenige Fassmacher sind unter den Tänzern, längst hat man aus Mangel an Kandidaten die Reihen für alle anderen Berufsgruppen öffnen müssen. 

Weit mehr als zehn Auftritte am Tag

An diesem Mittag sind die Männer mit den roten Jacken im Münchner Vincentinum zu Gast, dem ältesten Senioren- und Pflegeheim in der Landeshauptstadt. 3 Grad plus sind es im Innenhof der Einrichtung, aber ein schneidend kalter Wind lässt den Wintertag noch frostiger wirken. Für die Tänzer ist es heute bereits der vierte Auftritt. So beliebt sind die Schäffler, dass sie an manchen Tagen weit mehr als zehn Auftritte absolvieren und von früh bis spät unterwegs sind. Losgegangen ist es am Dreikönigstag, die letzten Figuren tanzen die Männer am Faschingsdienstag. Manche nehmen für die Auftrittswochen sogar ihren Jahresurlaub. 

Jetzt kommt Bewegung in die Gruppe, die geduldig im Innenhof des Vincentinums wartet. Die mitgebrachte Musikkapelle stimmt den Bayerischen Defiliermarsch an und die Schäffler ziehen im Gleichschritt in die Mitte des Platzes. Dann beginnt die bekannte, eigene Melodie des Schäfflertanzes (getanzt im sogenannten „Schleifschritt“) und Figur um Figur reiht sich an die nächste: eine genaue Choreografie, leicht und schwungvoll für den Zuschauer, in Wirklichkeit aber ein disziplinierter Tanz, bei dem jeder auf den anderen achtgeben muss. 
     

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Formationen mit Symbolcharakter 

In den Händen halten sie die typischen buchsbaumgeschmückten Reifen, die ihren Stand symbolisieren. Sie unterstreichen die getanzten Formationen, die alle ihren eigenen Symbolcharakter haben, wie Johannes Lindl später beschreibt: so zum Beispiel die „Schlange“, die den sagenhaften Lindwurm darstellt. Er kommt aus der Erde gekrochen und verbreitet den Pesthauch über der Stadt.  

Oder die Figur der „Krone“, eine Erinnerung an das Haus Wittelsbach, das den Schäfflern ihren regelmäßigen Auftritt alle sieben Jahre gestattete. Bei einer der letzten Figuren, dem „Changieren“, tanzt jeder seinem Kollegen zweimal entgegen, den eigenen Buchsbogen in der Hand. Ein Zeichen dafür, dass die Menschen wieder auf der Straße den anderen begegnen, ihr Leben nach dem Verschwinden des schwarzen Pest-Todes wieder in die Hand nehmen. 

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Historische Tanzfiguren erzählen
eigene Geschichte

Alle diese getanzten Symbolfiguren erinnern an ein Gelübde, das der Berufsstand der Schäffler, der Fassmacher also, 1517 in München abgelegt haben soll. Damals hatte die Pest die Stadt fest im Griff: Die Menschen blieben aus Angst vor dem Schwarzen Tod in ihren Häusern, öffentliches Leben und Handel kamen zum Erliegen, die Bürger litten Hunger. Da sollen Angehörige der Fassmacherzunft auf die Straßen gezogen und einen Rundtanz aufgeführt haben. „Die fröhliche Musik gab den Leuten Mut, machen ließen sich sogar draußen blicken und begleiteten den Zug der Schäffler!“ erklärt Johannes Lindl. So heißt es zumindest in der Legende.  

Auffällige Todeszahlen als Verweis auf eine Pestepidemie lassen sich aus den Sterberegistern für 1517 zwar nicht ableiten. Seit etwa 1350 war die Pest aber immer wieder durch die Landeshauptstadt gezogen, in schweren Jahren starb ein Drittel der Bevölkerung. Die Münchner sind mit ziemlicher Sicherheit die Erfinder der bis heute bestehenden Tänze zur Faschingszeit. Dass es gerade die Schäffler waren, die sich wieder auf die Straße trauten, ist wohl auch der Tatsache geschuldet, dass sie, wie die Zünfte der Bäcker und Metzger, für die Versorgung der Bevölkerung mit zuständig waren. Sie produzierten die Fässer für die Münchner Brauereien und wollten wohl auch den Handel wieder in Schwung bringen. 

Rätsel des Sieben-Jahres-Zyklus 

Nach ihrem schneidigen und mutmachenden Auftritt sollen die Schäffler versprochen haben, ihren Tanz alle sieben Jahre wieder aufzuführen, wenn München zukünftig von der Pest verschont bleibe. (Ausnahmen gibt es immer wieder, zuletzt 2022, als die Schäffler nach der Pandemie den Menschen Mut machen wollten.) Warum die Zahl sieben bei den Auftritten eine so große Rolle spielt, darüber gibt es verschiedene Vermutungen, das Gelübde selbst ist leider nur mündlich erhalten geblieben: Möglicherweise trat zur damaligen Zeit die Pest verstärkt im Sieben-Jahres-Rhythmus auf oder man berief sich auf die „7“ als Glückszahl. Oder aber, Herzog Wilhelm IV. wollte vermeiden, dass noch mehr Feste im Jahresablauf abgehalten würden, da ja auch andere Zünfte bereits ihre etablierten Feste feierten, und beschränkte die Zahl der Auftritte auf den Sieben-Jahres-Zyklus.  

Während die Tänzer ihre einstudierten Figuren tanzen, laufen auch ein paar Kasperl durch die Zuschauerreihen im Vincentinum, machen Scherze und malen den Besuchern schwarze Nasen. Das soll Glück bringen. Neben diesen Spaßmachern gehören auch die Reifenschwinger zum Schäffler-Team. Sie schwingen Holzreifen, in denen gefüllte Schnapsgläser stehen. Die Kunst: Kein Tropfen darf verschüttet werden. Und dann gibt es noch die Fassschlager, die im Musiktakt mit Hämmern auf Fässer klopfen. Bei aller Lebenslust soll damit signalisiert werden, dass die Arbeit nach der überstandenen Pest wieder zum Alltag gehören muss. 

Wie damals: ein Tanz der Freude und Zuversicht 

Nachgewiesen ist der Münchner Schäfflertanz zum ersten Mal im Jahr 1702, seit 1871 organisiert der Fachverein den Tanz und seit 1886 gibt es die Tanzmelodie für den „Neuen Schäfflertanz“, die auch heute noch gespielt wird. Während der Faschingszeit sind Musikkapelle und Tänzer damit im Großraum München unterwegs: auf Plätzen, in karitativen Einrichtungen, bei Veranstaltungen. „Wir wollen an die Zeit der Pest und der Not erinnern“, erläutert Schäffler Johannes Lindl, „und wir wollen, wie unsere Vorgänger, den Leuten Zuversicht und Freude bringen!“  

Damit sind die Tänzer beim Verein der Freunde und Förderer des Vincentinum an der richtigen Adresse. Dessen Vorsitzender Dieter Rippel will mit den Schäfflern Musik, Tradition und Brauchtum ins Vinzentinum holen. Damit sollen die Bewohner, die die Tradition oft seit ihrer Kindheit kennen, weiterhin daran teilhaben können, was in der Stadt passiert. Und das vor der Baustellenkulisse des Vincentinums: An Heiligabend 2024 hatte es in dem Senioren- und Pflegeheim einen verheerenden Brand gegeben. Der Auftritt der tanzenden Männer in ihren historischen Zunfttrachten ist ein bisschen so etwas wie ein Zeichen. „Das passt“, meint Dieter Rippel, „die Schäffler sind ja Ausdruck von Lebensfreude und Lebensmut, und so schauen wir voll Zuversicht auf die Zeit nach der Renovierung!“  

Auch deswegen freut die Senioren die Abwechslung durch die Schäffler an diesem grauen Wintertag. Gehört haben die meisten schon von den traditionellen Tänzen, live gesehen aber haben viele die Gruppe noch nicht. Begeistert sind alle: „Wunderbar!“ – „Ich muss diese Männer bewundern, bei der Kälte!“ Und eine alte Dame deutet lachend in Richtung Himmel: „Ich bin so froh, dass ich das nochmal sehen durfte! In sieben Jahren schaue ich wahrscheinlich von oben zu!“ 

Willi Witte
Artikel von Willi Witte
Redakteur und Channel-Manager
Entdeckt Brauchtum neu und kümmert sich um kirchenpolitische Themen.