2015: Dieses Blutbad veränderte Europa
Am 13. November 2015 traf der Terroranschlag im „Bataclan“ Frankreich ins Herz. Weitere Attentate und Krisen folgten. 130 Menschen starben vor zehn Jahren mitten in Paris – laut Fachleuten ein „Game Changer“ für ganz Europa.
Dieser mit Blut besudelte Mann hat den Terroranschlag im Pariser Club „Bataclan“ überlebt. Foto: © imago/Bestimage
„Le Bataclan“: Über Jahrzehnte war dieser Name eher Nachtschwärmern und Konzertgängerinnen ein Begriff, Parisern und Paris-Enthusiasten. Vor zehn Jahren wurde der Club in der französischen Hauptstadt schlagartig weltbekannt: Terroristen ermordeten dort mindestens 89 Menschen. Schüsse fielen parallel auch in Cafés; am Stade de France, wo Frankreich und Deutschland gerade ein Freundschaftsspiel austrugen, kam es zu zwei Detonationen.
13. November 2015 – zu diesem Zeitpunkt galt die AfD noch als Partei für Leute, die den Euro ablehnten. Rechtspopulisten tummelten sich auf Pegida-Demos, schienen aber eine Splittergruppe zu sein, wenn auch eine lautstarke. Anfang des Jahres hatten europäische Spitzenpolitiker Arm in Arm mit Religionsvertretern demonstriert, nachdem die Redaktion des Satiremagazins „Charlie Hebdo“ von Terroristen attackiert worden war. Und in den Ohren klang vielen noch der Ausspruch „Wir schaffen das“ von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) – Anpacken statt Schwarzmalen.
Ein Tag, der vieles veränderte
Der Terror-Experte Michael E. Leiter bezeichnet die Anschlagsserie als „Game Changer“ für die westliche Welt. In Frankreich wurde im Herbst 2015 der Ausnahmezustand ausgerufen; mit Verlängerungen sollte er für zwei Jahre gelten. In Deutschland brachte spätestens die Kölner Silvesternacht 2015/16 die Stimmung zum Kippen: vor allem gegen geflüchtete Menschen, mitunter gegen „den Islam“, gegen vieles und viele, die irgendwie als „fremd“ wahrgenommen werden.
Die Bluttaten hielten an: Im folgenden Sommer traf es die Strandpromenade in Nizza; der Priester Jacques Hamel wurde bei Rouen während der Messe ermordet, 2020 der Lehrer Samuel Paty. Er hatte Mohammed-Karikaturen im Schulunterricht gezeigt, um über Meinungsfreiheit zu diskutieren. Der Ton vieler Debatten wurde schärfer, Sicherheitsmaßnahmen ebenfalls.
Mitnichten ein Feuerwerk
Doch damit rechnete man am 13. November noch nicht – beim ersten Knall am Stade de France dachten viele an Feuerwerkskörper, sowohl im Stadion als auch vor dem Fernseher. Doch am Ende verbrachten beide Teams die Nacht aus Sicherheitsgründen im Stadion, Lukas Podolski twitterte das Emoji der betenden Hände – und wenige Tage später wurde ein Spiel der deutschen Mannschaft abgesagt.
Zeitgleich zu den Irritationen beim Fußball fielen Schüsse in mehreren Pariser Restaurants. Am schlimmsten traf es die Konzerthalle, in der die Band „Eagles of Death Metal“ auftrat. Überlebende berichteten später, sie hätten die Angreifer zunächst für Statisten der Show gehalten. Insgesamt kamen an dem Abend 130 Menschen ums Leben – einer der schwersten Terrorakte auf europäischem Boden, verübt von Anhängern der Miliz „Islamischer Staat“ (IS).
Nicht allein gegen die Freiheit gerichtet
Der Radiojournalist Antoine Leiris, der bei den Anschlägen seine Frau verloren hatte, schrieb in einer Art offenem Brief an die Angreifer: „Ihr bekommt meinen Hass nicht.“ Der gleichnamige Netflix-Film über Leiris und seinen kleinen Sohn zeigt ihn als kritischen, aber nicht übermäßig sympathischen Zeitgenossen – und macht gerade dadurch das Gefühl greifbar, das viele Menschen damals erlebten: Es hätte jede und jeden von uns treffen können.
Zugleich wiesen Beobachter von Anfang an darauf hin, dass das Massaker nicht allein dem freiheitlich-westlichen Lebensgefühl galt. Das „Bataclan“ hatte bis kurz zuvor noch jüdische Betreiber gehabt und war bereits mehrfach antisemitischen Drohungen ausgesetzt gewesen, schrieb etwa die „Jüdische Allgemeine“: „Es war auch antisemitischer Terror.“
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Kleine Zeichen des Zusammenhalts
Satiriker Jan Böhmermann postete seinerzeit bei Facebook „100 Fragen nach Paris“. Eine lautete: „Wacht da gerade etwas auf, was besser nicht aufwachen sollte?“ Zehn Jahre später kann man festhalten, dass die Antwort offenbar „ja“ lautete. Und man kann vielleicht an die ermutigende Kampagne #PorteOuverte erinnern, die heute kaum noch vorstellbar wäre – unter diesem Schlagwort konnten Gestrandete ein Obdach finden. Das Magazin „Charlie Hebdo“ veröffentlichte eine trotzig-zuversichtliche Karikatur: „Ils ont les armes, on les emmerde, on a le champagne“, hieß es darauf: „Sie haben die Waffen, scheiß auf sie, wir haben den Champagner“.
Paula Konersmann



