Wenn Pfadfinder übergriffig werden
Eine Studie zeigt, dass es auch bei den katholischen Pfadfindern sexualisierte Gewalt gibt. Der Bundesvorstand gesteht ein Versagen des Verbandes ein – und überlegt, wie er Missbrauch künftig verhindern kann.
Pfadfinderlager können für Kinder und Jugendliche wunderbare Erfahrungen sein. Aber sie brauchen auch Schutzkonzepte, die verlässlich funktionieren. Foto: © imago/Funke Foto Services
„Der Verband ist durchsetzt von sexualisierter Gewalt.“ Sabine Maschke ist Professorin für Allgemeine Erziehungswissenschaftan der Universität Marburg und hat diesen Satz bewusst gewählt, als sie den Abschlussbericht zur Aufarbeitung sexualisierter und spiritueller Gewalt in der Deutschen Pfadfinder*innenschaft Sankt Georg (DPSG) vorstellte. Der Satz bedeute nicht, dass jeder Stamm gleichermaßen von Gewalt und Missbrauch betroffen sei, sagt sie. „Aber der Satz zeigt, dass die Struktur und die Kultur der DPSG Missbrauch und sexualisierte Gewalt leicht ermöglichen. Wir reden hier nicht über Einzelfälle.“
Maschke hat mit Wissenschaftlern der Universitäten Gießen und Marburg zwei Jahre lang untersucht, wie es in dem katholischen Verband zu Übergriffen und Missbrauch kommen konnte. Die Forscher befragten rund 400 Teilnehmende eines Pfingstlagers, führten Interviews mit Betroffenen und Leitern von DPSG-Gruppen, werteten Online-Fragebögen und Fallakten aus Archiven aus.
Beleidigungen, Mobbing und Grenzverletzungen
Demnach sind vor allem minderjährige Mitglieder betroffen, hauptsächlich Mädchen und junge Frauen. Die Haupttätergruppe sind männliche, erwachsene Leiter, die oft deutlich älter als die Betroffenen sind und ihre Vertrauens- und Machtposition ausgenutzt haben. Die Forscher dokumentierten sexualisierte Beleidigungen, Mobbing und Grenzverletzungen wie übergriffige Berührungen. So berichteten Betroffene, dass sie gegen ihren Willen unter die Dusche gezerrt wurden, sodass durch nasse Shirts die Brüste sichtbar wurden. Oder vom Ritual des Pflockens, bei dem eine Person an Händen und Beinen fixiert wird und von allen anderen überall berührt werden kann. „Manche sagen vielleicht, das sei nur ein Scherz. Aber das kann ausarten zu einem Trauma für die Betroffenen“, sagt Maschke. Ein Großteil der Taten sind körperliche Übergriffe, auch Vergewaltigungen sind in der Studie dokumentiert.
Die Ergebnisse haben Sebastian Becker, Bundesvorstand der DPSG, schockiert: „Die Studie macht deutlich, dass diese Übergriffe nicht nur den Täterinnen und Tätern zuzuschreiben sind, sondern dass es eben auch ein institutionelles Versagen des Verbandes ist.“ Es sei erschreckend, wie wenig Vertrauen Betroffene momentan in die Meldestrukturen hätten: „Das ist ein Weckruf für uns.“ Maschke sagt, die Täter „wachsen innerhalb der DPSG in eine Struktur hinein, die Gelegenheiten zu Übergriffen ermöglicht und die dann kaum geahndet werden“. Die Vorstellung, der eigene Stamm sei ein Familienersatz, das Vertrauen dort, die Nähe zwischen Leitern und Mitgliedern, die spirituelle Rahmung – all das schaffe die Grundlage für Übergriffe, so Maschke: „Wenn jemand ein falsches Verhalten anmerkt, heißt es dann: Wir vertrauen uns doch hier alle. Wir verzeihen einander. Das war doch alles gar nicht so ernst gemeint.“
Achtstündige Präventionsschulungen
Diese Strukturen aufzubrechen, ist für den Verband eine riesige Aufgabe. Noch fehlen dafür konkrete Ideen. Schon jetzt sind achtstündige Präventionsschulungen für Leiter in der DPSG verpflichtend. „Aber die Schulungen vermitteln Theoriewissen“, sagt Becker. In einer Notsituation fühlten sich viele dann doch überfordert. Zudem kann der Bundesvorstand einzelne Stämme kaum kontrollieren. „Gerade die rechtzeitigen Schulungen oder das Melden von Vorfällen liegt in der Verantwortung der Stammesvorstände“, sagt Becker.
Ein Kern der Pfadfinderschaft sind die autonom agierenden Stämme und die demokratisch aufgebaute Struktur des Verbandes. Studienleiterin Maschke sagt, ein Systemwechsel sei nötig. Bundesvorstand Becker stellt fest: „Wir müssen viel verändern. Und wir müssen mit Experten von außen klären: Wie viel können wir zum Schutz der Betroffenen und der uns anvertrauten Kinder und Jugendlichen ändern, ohne dabei die Identität als ehrenamtlich strukturierter Pfadfinderverband zu verlieren?“
[inne]halten - das Magazin 03/2026
Das ist mir heilig
Leserinnen und Leser erzählen von ganz besonderen Gegenständen
Lesen Sie im [inne]halten-Magazin unseren Themenschwerpunkt und weitere Geschichten und Berichte aus dem kirchlichen Leben.
Macht soll begrenzt werden
Die Studie schlägt vor, Beschwerdewege innerhalb des Verbandes zu vereinfachen, externe Ansprechpartner hinzuzuziehen und Verstöße – gerade beim Thema Alkohol – streng zu sanktionieren. „In den Stämmen muss es einen stärkeren Fokus auf Entscheidungen im Team geben, um Macht zu begrenzen“, sagt Maschke. Es brauche mehr Steuerung, Kontrolle und Rechenschaftspflicht: „Schutz ist nicht optional.“
Wie geht es nun weiter? Die DPSG bietet in den nächsten Wochen digitale Treffen an, um Mitglieder, Leiter und Eltern über die Studie zu informieren. Für die in diesem Jahr geplanten Sommerlager sollen alle Stämme dafür sensibilisiert werden, noch einmal die Präventionsstandards, wie getrennte sanitäre Anlagen auf Zeltplätzen, zu überprüfen. Zusätzlich will der Vorstand weitere Handreichungen für die Stämme entwickeln. Für die tiefergehenden Fragen nach der Verbandsstruktur sollen Fachexperten hinzugezogen werden.
Können Eltern ihre Kinder beruhigt in die Pfadfinderlager fahren lassen? „Entscheidend ist doch die Frage, unter welchen Bedingungen Kinder mitfahren“, sagt Maschke. Sie empfiehlt Eltern: „Fordern Sie Transparenz ein. Fragen Sie nach: ,Sind eure Leitenden geschult? Wie sind eure Schutzkonzepte? An wen kann ich mich im Zweifelsfall wenden?‘“ Die Wissenschaftlerin sagt: „Wenn Verantwortlichkeiten geregelt und Schutzkonzepte ernsthaft umgesetzt sind, können diese Lager ein wertvoller Erfahrungsraum für Kinder und Jugendliche sein.“



