Gerechtigkeit
12.03.2025

Philippinen

Opfer des staatlichen Drogenterrors

Unter dem nun festgenommenen Ex-Präsidenten Rodrigo Duterte wurden auf den Philippinen unter dem Deckmantel des Kampfes gegen die Drogenmafia Tausende unschuldige Menschen ermordet. Wir haben eine betroffene Witwe besucht und erzählen ihre Geschichte.
 

Rodas Mann Crisanto wurde im Rahmen von Ex-Präsident Dutertes „Kampf gegen Drogen“ ermordet. Rodas Mann Crisanto wurde im Rahmen von Ex-Präsident Dutertes „Kampf gegen Drogen“ ermordet. Foto: © SMB/Strauß

„Es geschah am 5. Oktober 2016. Morgens um 7 Uhr.“ Wenn Roda an diesen Tag zurückdenkt, kommen ihr noch heute die Tränen. Denn er hat ihr ganzes Leben verändert. Sie bekam einen Anruf, sie solle sofort zum Haus ihrer Schwiegereltern kommen, dort sei etwas Schlimmes passiert. Auch Rodas Mann, Crisanto, war dort gerade zu Besuch bei seinen Eltern. Sofort machte sich die damals 25-Jährige auf den Weg. Im Arm hielt sie ihr jüngstes Kind, das gerade mal einen Monat alt war.  

Unterwegs riefen ihr einige Leute zu, sie solle nicht weitergehen, es sei zu gefährlich. Die Gegend, in die sie unterwegs war, ist als Drogengegend bekannt. Doch die Drogen waren es nicht, die ihr Angst machten, sondern die Anti-Drogen-Politik des damaligen Präsidenten Rodrigo Duterte. Der hatte angekündigt, dass er in seinem Land aufräumen wolle. Drei Millionen Abhängige gebe es auf den Philippinen, die wolle er alle töten, hatte er in einer viel beachteten Rede gesagt. Und das Töten hatte gerade begonnen.

Angst um die Kinder

In dem Stadtviertel Manilas, in dem die Schwiegerfamilie lebte, waren an diesem Morgen schon viele Polizisten unterwegs. Auf der Straße erfuhr Roda, dass Menschen in Handschellen zusammen an einen Ort gebracht worden waren. Darunter auch Mitglieder ihrer Schwiegerfamilie. „Schweren Herzens beschloss ich, umzukehren, weil ich Angst um meine Kinder hatte. Wenn ich weitergegangen wäre, hätten sie auch mich verhaftet – und was wäre dann aus meinen sieben Kindern geworden?“, schluchzt sie bei der Erinnerung.  

Es dauerte eine ganze Weile, bis Roda erfuhr, was dann passierte. Am Nachmittag brach die älteste Tochter auf, um ins Krankenhaus zu fahren. Denn es hatte geheißen, Crisanto sei dorthin gebracht worden. Als sie unterwegs war, rief seine Schwester an und fragte Roda, welche Kleidung sie ihm anziehen solle bei seiner Beerdigung. Da wurde ihr schlagartig klar, dass ihr Mann nicht mehr lebte. Die Schwägerin erzählte, dass viele Menschen in Handschellen auf dem Boden gekniet hatten, auch Crisanto. „Die Polizei nahm nur meinen Mann mit und führte ihn an einen anderen Ort. Dann hörten die anderen einen Schuss.“ Weil er aber ins Krankenhaus gebracht worden war, hatten Roda und ihre Kinder gehofft, dass er noch lebte.
 

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In der Stirn klaffte ein Loch

Die älteste Tochter fand ihren Vater in der Leichenhalle. Das Gesicht war blutverschmiert und in der Stirn klaffte ein Loch. Die Schusswunde. Die Polizei hatte Crisanto ohne Haftbefehl, ohne Anklage und ohne Gerichtsverfahren erschossen. „Außergerichtliche Tötung“ heißt dieses Vorgehen, oder auf English: extrajudicial killing, kurz EJK. Diejenigen, die morden, bleiben straffrei. Egal, ob es Polizisten oder angeheuerte Todesschwadronen sind. Man munkelt, dass die Truppen damals eine bestimmte Anzahl von Drogensüchtigen oder Dealern pro Nacht erschießen mussten. Dabei war es nicht wichtig, ob die Menschen überhaupt irgendetwas mit Drogen zu tun hatten.  

Rodas Mann war ein Fall von „mistaken identity“ – einer Verwechslung. „Das passiert sehr häufig“, erklärt Carol Daria. Die Psychologin hat gemeinsam mit dem Vinzentinerpater Daniel Pilario das Projekt „Solidarity for Orphans and Widows“ (SOW) gegründet.
 

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Die höchsten Müllberge der Stadt

35 Familien kommen inzwischen regelmäßig zu den Treffen in der Pfarrei in Manilas Stadtteil Payatas, dort, wo die höchsten Müllberge der Stadt zu finden sind. Daria berichtet: „Die Täter fragen: ,Bist du Joseph?‘, und der Mann sagt: ,Nein, der bin ich nicht.‘ Und sie erschießen ihn trotzdem. Entweder, weil sie ihm nicht glauben oder weil sie ihre Quote erfüllen müssen.“ Manchmal hätten etwas wohlhabendere Menschen erfahren, dass sie auf den Todeslisten standen. Sie hätten den Todesschwadronen Geld geboten, damit diese jemand anderen erschießen. Die Getöteten seien in der Regel arme Menschen.

Auf dem Totenschein Crisantos stand als Todesursache „Bluthochdruck“. Freunde hatten Roda damals geraten, eine Autopsie durchführen zu lassen. Doch die hätte mehrere Monatsgehälter gekostet. So viel Geld hatte sie nicht. Carol Daria erläutert: „Das ist übrigens bei 90 Prozent der Familien hier so. Deshalb haben sie solche Probleme, Gerechtigkeit herzustellen. Weil auf den Totenscheinen nicht die wirkliche Todesursache angegeben ist.“ Ein Totenschein mit der wahren Todesursache kostet nämlich ein Vielfaches von dem mit der Falschen. So funktionieren die Behörden in diesem Staat. 

Leichenzug führte am Gefängnis vorbei

Nach zwei Tagen durfte Roda die Leiche nach Hause holen und die Beerdigung vorbereiten – ein wichtiges Ereignis auf den Philippinen. Aber einige Mitglieder der Familie ihres Mannes waren noch im Gefängnis, darunter ihre Schwiegermutter. Drei Wochen zögerte sie die Beisetzung hinaus. Doch die Familie kam nicht frei. Roda und ihre Schwägerin schmiedeten einen Plan, damit die Familie, allen voran Crisantos Mutter, ihn noch einmal sehen konnte: Der Leichenzug führte am Gefängnis vorbei. Vor der Tür hielt der Leichenwagen an. Roda forderte die Gefängniswachen auf, die Familie ans Fenster zu holen. Sie erklärte, erst weiterzugehen, wenn ihre Schwiegermutter sich von ihrem Sohn verabschiedet haben würde. Wegen des großen Menschenauflaufs und des Staus auf der Straße hatten die Wachleute keine andere Wahl, als die Familie noch einmal den Verstorbenen sehen zu lassen.  

Roda musste ab sofort sieben Kinder alleine ernähren. Ein bisschen was hatte sie gespart, aber lange reichte das Geld nicht. „Mein Kopf war komplett leer. Ich habe den ganzen Tag nur geweint. Und die Kinder mit mir.“ Doch dann begriff sie, dass sie für ihre Kinder weiterleben musste. „Sie waren der einzige Grund, weshalb ich jeden Tag aufgestanden bin, sie haben mein Leben gerettet“, erzählt sie weiter. 

Eine Messe für die Opfer

Eines Tages klopfte ein Vinzentinerpater an ihre Tür und lud sie zu einem Interview in der Kirche ein. „Als ich dort ankam, wurde mir klar, es war kein Interview, sondern eine Messe für die Opfer und ihre Familien. Und ich habe festgestellt, dass die anderen durch die gleichen Schmerzen gingen wie ich. Hier habe ich mich sicher gefühlt. Hier haben sich Menschen, die sich nicht kannten, gegenseitig getröstet und in den Arm genommen. Ich habe gefühlt, dass diese Gruppe mich versteht. Diese Gruppe wusste, was ich durchmache.“

Nach der Messe verteilten die Patres Reis. Und sie luden die Witwen und Kinder ein, wiederzukommen. Bei den ersten Treffen hat Roda nur zugehört, was die anderen Frauen berichteten. Sie selbst konnte noch nicht reden. Aber als sie hörte, wie die anderen Frauen ihre Geschichten erzählten, machte ihr das Mut. Irgendwann begann auch sie zu sprechen. „Ich glaube, das war der Beginn meiner Heilung“. 

missio München blickt in diesem Jahr besonders auf die Menschenrechtssituation auf den Philippinen. Im Oktober wird Carol Daria im Weltmissionsmonat in Bayern zu Gast sein und von ihrer Arbeit berichten. Das Hilfswerk unterstützt die Arbeit der Vinzentiner schon seit vielen Jahren.

Jeden Tag bekommen sie ihren Lohn

Doch die existentiellen Sorgen gingen weiter. Die Pfarrei gab den Frauen etwas Geld, damit sie sich ein kleines Geschäft aufbauen konnten. Aber das schafften sie nicht neben der Trauer und dem täglichen Kampf ums Überleben. Carol und die Patres sprachen mit den Witwen und die sagten: Wir brauchen einen Job. Die Idee der „Livelihood“ wurde geboren: Heute nähen die Frauen hier Taschen, die in der Stadt verkauft werden. Jeden Tag bekommen sie ihren Lohn und können Lebensmittel für ihre Kinder kaufen.  

Und wieder fragten Carol und die Patres die Frauen, was sie noch brauchen. Und sie sagten, sie wünschten sich, dass ihre Kinder zur Schule gehen und einen guten Abschluss machen können. Die Pfarrei suchte Paten für Stipendien. In diesem Jahr machen drei von Rodas Kindern einen Schulabschluss – an der Junior-Highschool, Senior Highschool und Elementary. Ihr Ältester studiert schon, die zweite wird in diesem Jahr anfangen. Auch für ihre Kinder ist die Gruppe ein Ort der Sicherheit. „Eigentlich sind wir alle so etwas wie eine große Familie“, lächelt Roda.  

Zu Ende ist das Morden nicht

Natürlich würde sie sich wünschen, dass der Tod ihres Mannes vor Gericht kommt und Ex-Präsident Duterte vor den Internationalen Gerichtshof für Menschenrechte in Den Haag. Doch das ist so abstrakt und so weit weg – dazu fehlt ihr und auch vielen anderen Frauen die Kraft. Rund 30.000 Menschen sind nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen im Krieg gegen Drogen von der Polizei oder Todesschwadronen ermordet worden. Seit dem Machtwechsel 2022 ist die Zahl geringer geworden, das Vorgehen heimlicher. Aber zu Ende ist das Morden noch immer nicht.  

Am 11. März 2025 ist eine Strafe für Ex-Präsident Duterte überraschend doch näher gerückt, als er am internationalen Flughafen von Manila gemäß dem Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag festgenommen wurde. Die Frauen im Projekt „Solidarity for Orphans and Widows“ (SOW) sind dankbar, dass der Mord an ihren Männern und Söhnen endlich als Verbrechen anerkannt wird.

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Innehalten-Hörtipp
Brigitte Strauß-Richters
Artikel von Brigitte Strauß-Richters
Redakteurin