So eroberte Micky Maus Deutschland
Comics wurden in den 50er Jahren in Deutschland belächelt. Kunsthistorikerin Erika Fuchs überwand ihre eigenen Vorurteile – und übersetzte das erste Micky-Maus-Heft aus dem Amerikanischen. Bis heute gibt es viele Fans.
Ein frühes deutsches Micky-Maus-Poster. Foto: © imago/Everett Collection
Als der promovierten Kunsthistorikerin Erika Fuchs 1951 das erste Micky-Maus-Heft zur Übersetzung angeboten wurde, war sie entsetzt. Bunt gezeichnete Mäuse und Enten, die sich mittels Sprechblasen unterhielten – „damit konnte sie zunächst überhaupt nichts anfangen“, erklärt Joanna Straczowski, Leiterin des „Erika-Fuchs-Hauses – Museum für Comic und Sprachkunst“ in Schwarzenbach an der Saale.
Es gab keine Comictradition in Deutschland. Zudem war Fuchs sehr bildungsbürgerlich geprägt. „Comics – das galt als Schund“, sagt Straczowski. Trotzdem nahm Fuchs ein paar Hefte mit nach Hause, zeigte sie ihrem Mann und ließ sich schließlich von ihm überzeugen. Vor 75 Jahren, am 29. August 1951, kam das erste deutsche Micky-Maus-Magazin auf den Markt – auf dem Titelbild Micky und Goofy im rasanten Flug.
Wegen Nazis: Verlagslizenz nach Skandinavien
Es kostete 75 Pfennig. Um möglichen Einfluss ehemaliger Nationalsozialisten zu verhindern und die Entnazifizierung zu unterstützen, gab Walt Disney die Lizenz indes dem skandinavischen Egmont Verlag. Als dessen Tochtergesellschaft konnte der in Berlin neu gegründete Ehapa-Verlag „Walt Disney’s Micky Maus – das bunte Monatsheft“ veröffentlichen. Zum Jubiläum initiiert der Verlag eigens einen Pop-up-Comic-Store in Berlin; außerdem gibt es eine Jubiläumsausgabe von „Micky Maus“.
Herausfordernd waren die Hefte schon früher durchaus. So benutzte Übersetzerin Fuchs auch anspruchsvolle Wörter, die für Kinder nicht sofort verständlich waren. „Sie war der Meinung, dass man die Jugend nicht für dumm verkaufen sollte. Also lieber zum Beispiel dem Onkel Dagobert auch mal ein Fremdwort in den Schnabel legen. Damit wollte sie die Kinder neugierig machen – damit sie vielleicht auch ein bisschen selbst forschen, was das bedeuten könnte“, sagt die Expertin.
Für Erwachsene und Kinder schreiben
Einer der deutschen Zeichner, Ulrich Schröder, sieht sich bis heute von dieser Vorgehensweise inspiriert. „Nicht denken, ,Oh, die verstehen das nicht‘“, sagt er. „Es sollte lesbar für Kinder und auch für Erwachsene sein.“ Er hat bei seiner Arbeit nach eigenen Worten versucht, Charakter und Outfit von Donald Duck bis heute beizubehalten – ihn aber in moderne Situationen zu versetzen.
Anders als in den meisten nicht-deutschsprachigen Ländern war hierzulande nicht Donald Duck die Titelfigur der Heftreihe, sondern Micky Maus: Das lag daran, dass Micky 1951 in Deutschland wesentlich prominenter war – die Filme liefen dort ab 1930 erfolgreich. Donald dagegen war unbekannt, weil Disney 1935 den Export weiterer Filme ins Dritte Reich stoppte.
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Auf Schulhöfen verschenkt
Das Heft, das Fuchs probeweise übersetzte, wurde ein großer Erfolg – auch wenn von den rund 300.000 Exemplaren zunächst nicht einmal die Hälfte verkauft wurde. Der Rest wurde auf Schulhöfen verschenkt. Heute ist „Micky Maus“ ein Literaturklassiker; Sammler bezahlen für die ersten Comics mehrere tausend Euro.
Anders vor 75 Jahren: Man befürchtete, dass Comics Kindern schaden könnten und sie nicht mehr lesen, sondern nur noch Bilder angucken würden. So wurde Fuchs, die nicht nur Übersetzerin war, sondern auch Chefredakteurin der deutschen Ausgabe, ausdrücklich als solche im Impressum genannt – und zwar mit ihrem Doktortitel: „Die Eltern sollten Vertrauen in die Hefte haben“, erklärt Straczowski. Sie selbst erinnert sich daran, dass sie es als Kind seltsam fand, dass dieser Titel im Impressum stand. „Ein Doktor – das hatte für mich etwas Medizinisches“, sagt sie.
Comics für die Schule
Für die Museumsleiterin sind Comics durchaus eine Möglichkeit, Kindern das Lesen näherzubringen – auch in der Schule: „Sie können den Einstieg ins Lesen erleichtern“, sagt sie. Manche Comics kämen ohne ein einziges Wort aus – und dennoch tauche man in eine Geschichte ein. Das Verstehen der Bilder könne Kindern „einen Instinkt für das Lesen mitgeben“. Gerade in der bilddominanten Welt von heute sei es wichtig, Bildsprache zu verstehen.
Da das Deutsche wortreicher als das Englische ist und sie mit der Sprechblase nur einen begrenzten Platz für Text hatte, musste Fuchs sehr erfinderisch übersetzen. Kulturelle Besonderheiten Amerikas, die die Deutschen nicht kannten, übersetzte sie so, dass es in den deutschen Kontext passte. Aus einem Milchshake in hohen Gläsern, Anfang der 50er Jahre noch eher unbekannt, wurde in der deutschen Übersetzung etwa Erdbeereis. Aus Halloween, das heute jeder kennt, wurde Karneval.
Enten mit eigenem Sprachstil
Die Geschichten aus Entenhausen lagen Fuchs besonders am Herzen. So gab sie jeder Ente einen eigenen Sprachstil, um ihren jeweiligen Charakter zu betonen – die Panzerknacker etwa palavern im Ganovenjargon mit berlinerischem Einschlag. „Onkel Dagobert spricht ein bisschen hochgestochener, die Neffen Tick, Trick und Track in Jugendsprache“, erklärt Straczowski. Im amerikanischen Original war das so nicht vorgesehen.
Auch klassische Zitate von Schiller und Goethe streute die Übersetzerin ein. Und sie experimentierte mit der Sprache, indem sie Lautmalereien erfand. „Peng“, „Krawumm“ und „Klickeradoms“ – Letzteres entliehen bei Wilhelm Busch, dem Vater der deutschen Bildergeschichte. Im Alltag geläufige Sprüche wie „Dem Ingenieur ist nichts zu schwör“ stammen von Fuchs.
„Erikativ“ in der Alltagssprache
Besonders berühmt wurde ihr Stilmittel des Inflektivs – ihr zu Ehren auch „Erikativ“ genannt. „Grübel, Grübel“ oder „Ächz, Stöhn“ – die Verkürzung von Verben auf ihren Stamm gibt es in der deutschen Grammatik eigentlich nicht. Heute gehört dies zur Alltagssprache. „Das hat wahrscheinlich jeder von uns schon einmal in Chat-Nachrichten geschrieben. Es ist in den allgemeinen Sprachduktus übergegangen“, sagt Straczowski.
Zum Jubiläum bietet das Museum eine eigene Führung auf den Spuren von Erika Fuchs an – durch Schwarzenbach an der Saale, wo sie wohnte und wo auch das Museum steht. „Hier bei uns ist eigentlich das real existierende Entenhausen“, sagt Straczowski und lacht. So habe sich Fuchs bei ihren Übersetzungen auch mit einem gewissen Augenzwinkern – was Ortsnamen oder Personen anging – aus dem Hofer Land sowie dem Fichtelgebirge bedient.
Nina Schmedding



