Die Jugend schuldet uns nichts
Viele sehen die junge Generation in der Pflicht, Wehrdienst zu leisten und andere Probleme unserer Zeit zu lösen. Markus Gottswinter widerspricht und stellt stattdessen kritische Rückfragen an die Älteren.
Aus komfortabler Lebenssituation heraus die Jugend zu Dank und Diensten aller Art verpflichten zu wollen, hält Markus Gottswinter für unangemessen. Foto: © imago/imagebroker
Über die Jugend ist schon immer geschimpft worden: Sie müsste anders sein, als sie ist, verantwortungsbewusster und fleißiger. Warum haben wir einen solchen Anspruch an die Jugend? Wohl aus dem Grund, dass wir glauben, die Jugend schuldet uns, den Älteren, den Reiferen, der Elterngeneration, die ihnen das Leben geschenkt hat, schlicht und einfach Dankbarkeit.
Wir gehen von der irrigen Meinung aus, die junge Generation würde sich uns verdanken und habe das auch zu äußern und durch Taten zu bekunden. Wir meinen, durch unsere Erziehungsarbeit und unser gutes Beispiel etwas Besonderes getan zu haben. Genau das ist aber nicht der Fall, sondern wir haben, um mit den Worten Jesu zu sprechen, unsere Schuldigkeit getan. Es ist nichts Besonderes, zu tun, was recht, notwendig und geboten ist.
„Jede und jeder ist frei“
Dazu kommt, dass Menschen den anderen ihre Freiheit nur selten vergönnen und dass wir oft nicht akzeptieren wollen, dass jeder seine eigene Geschichte mit Gott und der Welt hat. Jede und jeder ist frei – auch wir Erwachsenen, nur halten wir das bei uns für normal und bei der Jugend für eine Ausnahme.
Der Jugend ihre Idee der Work-Life-Balance vorzuwerfen, ist mit Blick auf die Heere der frühpensionierten wohlsituierten Herrschaften, die an jedem Wochenenden die Autobahnen gen Süden verstopfen und mit Wohnmobilen längere Urlaubsfahrten unternehmen, doch etwas weit hergeholt. Je nach Alter wäre die Faulheit also einmal eine Schande, später aber ein Recht, nach dem Motto: Das gönn’ ich mir.
Wie viele Jugendliche aber fleißig in Lehrbetrieben arbeiten, sich im Handwerk einsetzen, Berufe übernehmen, die nicht vergnügungssteuerpflichtig sind, wie viele sich in Vereinen engagieren, ehrenamtlich tätig sind, ein freiwilliges soziales Jahr machen, das muss auch gesehen werden. Doch die Älteren wollen über die Jüngeren bestimmen, verlangen Gehorsam aus Dankbarkeit.
Narzisstischer Pazifismus
Manchmal verlangen wir auch Gehorsam aus unserer eigenen Fehlerhaftigkeit – wie bei der viel diskutierten Wiedereinführung der Wehrpflicht. Der Sündenfall war hier die Abschaffung – offiziell „Aussetzung“ – der Wehrpflicht im Jahr 2011, ein mir im Blick auf die Realität der Welt nicht nachvollziehbarer Vorgang. Es war überheblich, den Frieden auch ohne Militär erhalten zu wollen. Dieser narzisstische Pazifismus ist gescheitert, und jetzt, wo der Karren im Dreck ist, soll die Jugend wieder ran. Die ist aber anders erzogen worden, hat bis vor Kurzem etwas anderes zu hören bekommen.
Die Jungen haben recht, wenn sie als Preis für die politischen Versäumnisse und die ideologischen Verrenkungen vorhergehender Generationen nicht ihr Leben geben wollen. Das ist nämlich der eingangs angedeutete Grundkonflikt, dass wir Älteren von den Jüngeren fordern, dass sie dankbar sind, sich um unsere Altersversicherung kümmern, die Pflege organisieren und jetzt, wo die europäische Friedensromantik ein Ende gefunden hat, auch noch ihr biologisches Leben zur Verfügung stellen.
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„Diese Weisheit treibt zur Nächstenliebe“
Ich wünsche unserer jungen Generation, dass sie sich nicht beirren lässt, das Leben zu leben, das Gott mit ihr vorhat. Ihm gegenüber dankbar zu sein, ist Weisheit. Und diese Weisheit treibt zur Nächstenliebe, bewahrt aber auch davor, sich ausnutzen zu lassen.
Freuen wir uns daran, dass hier junge Menschen frisch ins Leben gehen und ihre Geschichte mit Gott und der Welt beginnen, frei und hoffnungsfroh. Dass sie in der Hoffnung leben, die wir schon zu großen Teilen verspielt haben. Der jungen Generation ihre Hoffnung vorzuwerfen, ist eine unerträgliche Selbstüberschätzung, zu Deutsch: dekadent.
Markus Gottswinter, Spiritual und Wallfahrtskurat im Kloster Reutberg



