Katholische Stimmen zur Wehrpflicht
Wiedereinführung der Wehrpflicht oder Gesellschaftsjahr – Deutschland diskutiert über Formen eines verpflichtenden Dienstes. Der Sozialethiker Markus Vogt ordnet das Thema für uns ein und bezieht Stellung. Irmgard Scheitler von pax christi und Alexander Lechner vom BDKJ vertreten teils andere Meinungen.
Bundeswehrsoldaten bei einer ABC-Übung im Jahr 2018. Foto: © imago/Rainer Unkel
Prof. Markus Vogt: „Wir sind
nicht mehr im Frieden“
Die Bewertung des „neuen Wehrdienstes“ ist nicht möglich ohne den Blick auf die akute Bedrohung der Sicherheit auch in Deutschland und Europa. Wir sind schlecht darauf vorbereitet, unsere Werte, unser Land und die Zukunft unserer Kinder gegen die zunehmend brutale Aggression Russlands sowie die geopolitische „Weltunordnung“ (Carlo Masala) zu verteidigen. Unsere Sicherheit in Deutschland und Europa ist ganz unmittelbar mit dem Schicksal der Ukraine verknüpft. Seit Jahren wird auch die Infrastruktur in Deutschland mit Drohnen ausgespäht.
Angesichts der geopolitischen Verschiebungen beobachten wir weltweit eine signifikante Zunahme an kriegerischen Konflikten und Entgrenzungen durch hybride Kriegsführung, neue Waffentechnologien sowie eine brandgefährliche Destabilisierung durch Klimawandel, autokratische Regime und die Erosion liberaler Demokratien. Wir befinden uns noch nicht im Krieg, aber auch nicht mehr im Frieden. Papst Franziskus sprach bereits 2020 von einem „dritten Weltkrieg in Abschnitten“ (Enzyklika Fratelli tutti 25 und 259).
Werte- und Sicherheitsbündnis ist zerbrochen
Lange waren wir unter dem Sicherheitsschirm der USA gewohnt, die Frage, was uns die Verteidigung von Freiheit und Demokratie wert ist, nicht selbst beantworten zu müssen. Das transatlantische Werte- und Sicherheitsbündnis ist jedoch unter der derzeitigen US-Regierung zerbrochen. Daher ist es ethisch fahrlässig, die Zukunft Europas durch passives Abwarten aufs Spiel zu setzen. Haben wir aus der historischen Erfahrung, dass die europäischen Mächte Hitler viel zu lange gewähren ließen, nichts gelernt?
Wir haben die moralische Pflicht, den Ukrainern beizustehen, die sich mit dem Mut der Verzweiflung seit vier Jahren unter größten Opfern gegen den Versuch wehren, ihre Freiheit, Würde und Existenz zu vernichten. Das Völkerrecht nennt dies „Responsibility to protect“, Schutzverantwortung. Dies ist zugleich ein Gebot der Klugheit, da es absehbar auch um unsere eigene Sicherheit geht. Eine handlungsfähige Bundeswehr ist notwendiger Teil einer wehrfähigen Demokratie.
Ohne Waffen geht es nicht
Gerechter Friede ist nicht umsonst zu haben. Wir müssen gemeinsam für ihn einstehen angesichts der brutalen Destruktivität und „Zerstörungslust“ (Carolin Amlinger/Oliver Nachtwey), die zu einer Signatur unserer Zeit geworden sind. Eine handlungsfähige Bundeswehr ist Voraussetzung der sicherheitspolitischen Dimension der Europäischen Integration, die „noch nie so überlebenswichtig und zugleich so unwahrscheinlich“ (Jürgen Habermas) war wie heute. Mit Waffen allein können wir den Frieden nicht gewinnen, aber auch nicht ohne sie, da wir sie nach Maßgabe verantwortungsethischer Güter- und Übelabwägung brauchen, um die Gewalt einzudämmen.
Dies ist die Quintessenz des Paradigmas des „Gerechten Friedens“, wie es zunächst vom Weltrat der Kirchen, im Jahr 2000 von der Deutschen Bischofskonferenz, 2020 in Fratelli tutti und im November 2025 in der EDK-Schrift „Welt in Unordnung – Gerechter Friede im Blick“ entwickelt wurde: Es geht nicht darum, das Recht und bisweilen die Pflicht der Verteidigung abzulehnen, sondern darum, die Friedensbemühungen durch diplomatische und zivilgesellschaftliche Maßnahmen unter anderem der Verhandlung, des Dialogs und der interkulturellen Versöhnungsarbeit zu flankieren. Der gerechte Frieden umfasst vier Dimensionen: Schutz vor Gewalt, Förderung von Freiheit, Abbau von Ungleichheiten, friedensfördernder Umgang mit Vielfalt.
Europäische Armee
Pacem in terris (1963), die bis heute wichtigste Friedensenzyklika, setzt auf die Überwindung des Krieges durch die Institution des Rechts. Dieses ist durch „die Befugnis zu zwingen“ (Kant) definiert und muss heute entsprechend durch die internationale Gemeinschaft durchgesetzt werden. Das bedeutet angesichts des massiven Glaubwürdigkeitsverlustes des UN-Sicherheitsrates, dass es internationale, vom Völkerrecht legitimierte Militärbündnisse braucht. Dazu gehört auch eine europäische Armee, die wiederum als deutschen Beitrag eine handlungsfähige Bundeswehr voraussetzt. Die verantwortungsethische Frage, unter welchen Bedingungen eine bewaffnete Verteidigung das kleinere Übel im Vergleich zur wehrlosen Hinnahme von Gewaltexzessen ist, stellt sich heute auf neue und dringliche Weise.
Die Behauptung, diese sei obsolet, wenn man dem Paradigma des Gerechten Friedens folgt, unterliegt einem gedanklichen Irrtum: Aus dem (religiösen) Pazifismus eine unmittelbar politische Gesellschaftstheorie zu machen, ist ein Kategorienfehler und eine in Frömmigkeit verkleidete Realitätsverweigerung. Das schließt keineswegs aus, dass Wehrdienstverweigerung aus Gewissensgründen legitim ist und ein wichtiges Zeichen für einen befreienden Perspektivenwechsel gegenüber der Logik von Gewalt und Gegengewalt ist. Die Komplexität der Wirklichkeit braucht beides: Auf der einen Seite Versöhnungsbereitschaft, Diplomatie und zivilgesellschaftlichen Widerstand, auf der anderen Seite Kampfbereitschaft und damit auch Waffen. Was jeweils angemessen ist, muss kontext- und akteurspezifisch entschieden und professionell miteinander verwoben werden.
Verpflichtende Musterung
Vor diesem Hintergrund nun zur konkreten Frage nach dem neuen Wehrdienst: Aus meiner Sicht ist das Gesetz, das ab dem 1. Januar 2026 in Kraft treten soll, angesichts der gegenwärtigen Sach- und Debattenlage ein vernünftiger Kompromiss: Freiwilligkeit als Grundsatz; sechsmonatige Grundausbildung; eine verpflichtende Musterung für alle jungen Männer ab dem Geburtsjahrgang 2008 und eine freiwillige Teilnahme für Frauen; sofern die Rekrutierungsziele (260.000 Soldatinnen und Soldaten und 200.000 Reservistinnen und Reservisten bis 2035) nicht erreicht werden, kann der Bundestag eine Bedarfswehrpflicht per Gesetz beschließen; als Entscheidungsgrundlage dient ein halbjährlicher Bericht im Bundestag zum „Aufwuchskorridor“.
Die Skepsis gegenüber dem Losverfahren teile ich, da es um eine existenzielle Entscheidung geht. Ob sich genügend Freiwillige melden werden, bleibt abzuwarten. Die recht hohe Bezahlung (2.600 Euro monatlich zuzüglich einiger Anreize wie Führerschein) ist in Bezug auf Motivation und Lohnabstand zu Zeitsoldaten nicht unproblematisch. Das ursprüngliche Modell des Wehrdienstes für alle als „Bürger in Uniform“ hatte den Vorteil, dass der damit verbundene Querschnitt aus der Bevölkerung einen Schutz gegen militaristische Gesinnung bieten konnte. Dies ist gerade aus friedensethischer Sicht im Blick auf die Gefahr, dass möglicherweise in Zukunft mit der AfD eine nicht verfassungskonforme Partei die politische Kontrolle auch über das Militär erhalten könnte, nicht unwichtig.
Impuls für eine Mentalitätswende
Meine langfristige Option wäre es jedoch, ein verpflichtendes Gesellschaftsjahr für alle einzuführen, bei dem zwischen Militär-, Sozial-, Kultur-, Ökologie- oder Eine-Welt-Dienst gewählt werden kann. Aus Gründen der Generationengerechtigkeit sollten auch ältere Bürger einbezogen werden, was rechtlich und praktisch nur auf freiwilliger Basis möglich ist. Ein solcher Dienst könnte – wie nicht zuletzt Bundespräsident Steinmeier mehrfach betont hat – exemplarischer Impuls für eine Mentalitätswende sein: Nicht zuerst zu fragen, was der Staat für mich tut, sondern ebenso: Was kann ich für den Staat tun?
Markus Vogt ist Professor für Christliche Sozialethik an der Ludwig-Maximilians-Universität München.
[inne]halten - das Magazin 14/2026
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Prof. Irmgard Scheitler: „Durch Kriege
sind keine Konflikte zu lösen“
Ich bin sehr dankbar, dass meine Kirche mit der Frage nach dem Wehrdienst eine Diskussion wagt, die längst breit in der Gesellschaft geführt werden müsste. Meine Sorge und die der katholischen Friedensbewegung richtet sich aber vor allem auf das, was hinter dieser konkreten Wehrdienstdebatte steht. Was bedeutet Sicherheit, was bringt Sicherheit? Seit der „Zeitenwende“ werden wir belehrt, dass die Antwort auf die zu erwartenden Bedrohungen nicht etwa Prävention und verstärkte Diplomatie, sondern eine möglichst große militärische Schlagkraft sei. Ganz sicher ist man sich, dass der Feind nur diese Sprache versteht. Ein „vollumfassender Kulturwandel“ (Mona Neubaur) wird gefordert. Wir erleben ihn hautnah.
Humanitäre Aufgaben im In- und Ausland sind gegenüber den militärischen drittrangig geworden. „Was wirklich zählt“, erbringt das Militär (vgl. die Werbung der Bundeswehr). Gleichwohl wissen wir, dass die modernen strategischen Systeme selbst basalen Forderungen von Ethos und Angemessenheit Hohn sprechen. Mit ihnen abzuschrecken, ist hochriskant; mathematisch gesehen, sind die Erfolgsmöglichkeiten gegenüber dem Risiko einer Kriegskatastrophe viel zu hoch. Die Geschichte lehrt uns zudem, dass durch Kriege keine Konflikte zu lösen sind. Jedoch gibt es zahlreiche Beispiele für die Wirksamkeit gewaltfreien Widerstandes und ein ausgearbeitetes Konzept ziviler Verteidigung („Sicherheit neu denken“). Als Christen haben wir Jesu leuchtendes Beispiel der Gewaltlosigkeit vor Augen.
Prof. Irmgard Scheitler ist Vorsitzende von pax christi im Bistum Eichstätt und Delegierte von pax christi im Landeskomitee der Katholiken.
Irmgard Scheitler kritisiert, dass die Bundeswehr damit wirbt, sie tue das, „was wirklich zählt“. Foto: © imago/Bihlmayerfotografie
Alexander Lechner: „Freiwilligkeit
muss gewährleistet bleiben“
Als katholische Jugendverbände sehen wir junge Menschen in besonderer Verantwortung für die Gestaltung unserer Gesellschaft. Der Schutz unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die nicht allein staatlich organisiert werden kann, sondern Engagement, Solidarität und demokratisches Bewusstsein in der Breite der Gesellschaft braucht.
Vor diesem Hintergrund lehnt der BDKJ Bayern die Wiedereinsetzung einer allgemeinen Wehrpflicht in Friedenszeiten ab. Eine Bundeswehr, die aus freiwillig Engagierten besteht, ist nach unserem Selbstverständnis der bessere Weg, freiheitsorientiertes Verantwortungsbewusstsein zu stärken. Freiwilligkeit muss gewährleistet bleiben und durch unabhängige, nichtstaatliche Beratungsangebote und transparente Informationen ohne Druck unterstützt werden.
Stärkung von Freiwilligendiensten
Statt Pflichtdienste auszubauen, braucht es eine konsequente Stärkung von Freiwilligendiensten wie FSJ und FÖJ. Diese fördern Persönlichkeitsentwicklung, Engagement und gesellschaftliche Resilienz. Sie müssen durch bessere Rahmenbedingungen, Rechtsanspruch auf Förderung jeder geschlossenen Freiwilligendienst-Vereinbarung, Anerkennung und auskömmliche Finanzierung attraktiver werden.
Wir erkennen an, dass Deutschland im Verteidigungsfall handlungsfähig sein muss. Sollte eine allgemeine Wehrpflicht im Spannungs- oder Verteidigungsfall zur Debatte stehen, muss sie klar zeitlich und sachlich beschränkt, geschlechtsunabhängig und mit niedrigschwelligen Möglichkeiten zur Kriegsdienstverweigerung ausgestaltet sein. Gleichzeitig darf sie nicht dazu führen, dass Care-Arbeit oder gesellschaftlich wichtige soziale Dienste vernachlässigt werden.
Unser Ziel ist eine Gesellschaft, in der junge Menschen aus Überzeugung Verantwortung übernehmen und in Frieden und Gerechtigkeit leben helfen, ohne zwangsweise in einen Dienst gedrängt zu werden, der ihre Freiheit und Lebensplanung unverhältnismäßig einschränkt.
Alexander Lechner ist Diözesanvorsitzender des Bunds der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ).
Alexander Lechner wirbt für eine Stärkung der Freiwilligendienste, zum Beispiel bei Rettungskräften. Im Bild zu sehen: eine Katastrophenschutz-Übung in Erlangen im Mai 2025. Foto: © imago/Harry Koerber



