Mondflug zwischen Kult und Kritik
1969 schwankte die Kirchenzeitung zwischen Technikbegeisterung, Fortschrittszweifel und religiöser Überhöhung.
Astronaut Edwin E. Aldrin steht neben der US-Flagge, die 1969 von der Apollo 11 Mission auf dem Mond gehisst wurde. Foto: © IMAGO / ZUMA Press Wire
Der Kommentar in der Münchener Katholischen Kirchenzeitung vom 27. Juli 1969 würdigt Apollo 11 als technische Jahrhundertleistung, stellt dem Fortschritt im All jedoch Kriege und menschliches Versagen auf der Erde gegenüber. Damit folgt er einer für 1969 typischen Mischung aus Euphorie und Skepsis. Die spätere Randnotiz in der Ausgabe vom 10. August 1969 über griechisch-orthodoxe Festgottesdienste ergänzt diese Perspektive um eine kuriose religiöse Aneignung: Der Mondflug erscheint nicht nur als wissenschaftlicher Triumph, sondern als Teil eines kosmischen Erlösungswerks. Die nüchterne Wiedergabe lässt offen, ob die Redaktion dies bewundernd oder mit feiner Ironie vermerkt.
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Oh Jahrhundert, oh Wissenschaften …
Hans-Georg Becker: Die Technik eilt der menschlichen Entwicklung voraus
„Oh große Zeit der Wissenschaft! Noch ist nicht der Augenblick, sich zur Ruhe zu setzen, mein Willibald. Die Geister erwachen, die Studien blühen, es ist eine Lust, zu leben!“ Der Text könnte, sehen wir einmal von seinem leichten Pathos ab, von heute stammen: „Oh große Zeit der Wissenschaft!“ Ulrich von Hutten, der große Humanist und Publizist, der diese Worte anno Domini 1518, vor 451 Jahren also, in einem Brief an Willibald Pirckheimer in Nürnberg niederschrieb, dachte gewiß nicht an Weltraumflug und Mondlandung; aber immerhin: Auch damals tat sich in der Wissenschaft bereits einiges. Die Einwände könnten eher von Huttens’ freudigem Optimismus im Hinblick auf die Lust am Leben gelten, überträgt man den Brief ins 20. Jahrhundert. „Es ist eine Lust, zu leben“ – fragwürdig, höchst fragwürdig, wenn man sich etwas umschaut. Aber auch Ulrich von Hutten, der poeta laureatus, lebte schließlich in recht bewegten Zeitläuften. Den genannten Brief beispielsweise schrieb er im gleichen Jahr, in dem er die principes Germaniae, die deutschen Fürsten, zum Türkenkrieg aufrief. Und die weiteren Umstände seines Lebenslaufs sind auch nicht so recht dazu angetan, seine Lebensfreude zu rechtfertigen. Und doch: Hutten hatte recht. Im Denken des aus dem Humanismus lebenden Mitverfassers der Dunkelmännerbriefe stand der Mensch im Mittelpunkt, die Würde des Menschen, seine persönliche Selbstbehauptung. Wissenschaft hin – Wissenschaft her: Sie hatte in jedem Fall dem Menschen zu dienen. Die Relationen waren noch nicht verschoben.
Genug der historischen Ausflüge. Aber der aktuelle Anlaß, die erste „Mondbetretung“ durch den Menschen, läßt solche Gedanken aufkommen. Auch dieser Tag wird seinen Platz in der Geschichte bekommen, ob das Experiment gelingt oder nicht (woran wir lieber nicht denken wollen; wenn diese Ausgabe der MKKZ in den Händen des Lesers ist, wissen wir alle mehr). Dem ungläubig staunenden Laien fehlen fast die Worte, dieses Jahrhundert- oder Jahrtausendereignis, wie immer man will, zu schildern. Ohne Zweifel ist diese technische Großtat eines der größten und bedeutendsten Ereignisse in der ganzen bisherigen Geschichte der Menschheit. Landung auf dem Mond – wer hätte vor zehn Jahren gedacht, daß sie so schnell Wirklichkeit würde? Die Aufforderung des damaligen amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy an seine Weltraumbehörde, noch in diesem Jahrzehnt einen Menschen zum Mond zu schicken, ist realisiert. Viele nahmen diese Aufforderung nicht ganz ernst, betrachteten sie eher als eine Art Seelenmassage für das amerikanische Volk, das an sich selbst zu zweifeln begann, und dessen Zweifel an sich selbst noch längst nicht behoben sind. Kennedy hatte mehr die Politik und weniger die Wissenschaft im Auge, als er den historischen Satz sprach. Egal! Die Techniker haben es geschafft, drei Männer fliegen zum Mond.
Die ganze Welt, vor allem Amerika, hat um diesen Flug gebangt. Kein Wunder: In den USA sprach man in den letzten Wochen über nichts anderes. Politiker, Wissenschaftler, Militärs – sie kannten kein anderes Thema. Und viele Pfarrer erweckten den Eindruck, als verkündeten sie eine neue Frohe Botschaft, wenn sie vom Mondflug sprachen.
Neil Armstrong, Edwin Aldrin und Mike Collins, die drei Pilger zum Mond, sind die eigentlichen Helden, nicht die Politiker und nicht die Wissenschaftler. Wie muß man eigentlich sein, wenn man sich einem Wagnis von solchen Ausmaßen aussetzt? Muß man wirklich ein Held sein, ein Abenteurer? Kaum. Gefragt sind erstaunlicherweise brave Familienväter, nicht mehr zu jung, gut ausgereift. Wie ihnen zu Mute sein mag bei ihrem Abenteuer? Sie wissen, daß das Risiko nicht hundertprozentig kalkulierbar ist. Die Möglichkeiten einer Panne stehen 1:1000, hörte man aus dem Raumfahrtzentrum. Das ist nicht viel, aber wenn es ums Leben geht, doch wieder eine ganze Menge. Aber Fortschritt muß sein. Vom Risiko redet man in Houston lieber erst gar nicht. Das „größte Abenteuer der Menschheit“ gleicht, wie auch die anderen vorhergehenden Raumflugtests, eher einer Routinearbeit. Aber ist sie nicht doch trügerisch, diese scheinbare Ruhe und Unbekümmertheit? Ins Herz der Astronauten kann niemand schauen. Gewiß ist aber, daß sie sich nicht als Heroen, als Halbgötter fühlen. Das ist vielleicht mit das Erfreulichste an der ganzen Angelegenheit: Daß sie auf dem Teppich bleiben, daß dem Flug zum andern Stern so gar nichts Überirdisches anhaftet, daß er so wenig geheimnisumwittert ist. Sogar der Speisezettel der Mondfahrer fand weltweite Publizität. Krabbencocktail, Hühnchen, Obstkuchen, Orangensaft, Spaghetti auf Bologneser Art, Schinken, mit Hilfe einer Wasserpistole eßbar gemacht – wenn das keine irdische Mahlzeit ist!
Alles ist genau berechnet. Arbeitszeit, Essenszeit, Schlafenszeit – wenn kein Schlafbedürfnis vorhanden, hilft eine Tablette nach. Sie müssen ja fit bleiben, die Männer, also müssen sie auch schlafen. Das heißt, sie müssen sich der Technik beugen. Es heißt aber auch umgekehrt, und das versöhnt unsereinen, der so wenig davon versteht, wieder mit der Technik: Daß sie auf den Menschen, auf diese im technischen Sinne höchst unvollkommene Materie, diese Fehlkonstruktion, angewiesen ist. Und daß die Maschine nicht alles gilt. Richtig abenteuerlich wird’s erst, wenn der Mensch dabei ist, den ersten Schritt auf den Boden außerhalb der Erde tut.
Wie mag wohl den Frauen der drei Mondfahrer während dieser Tage gewesen sein? Sicher, sie sind nicht die ersten Astronautenfrauen; aber das hier war etwas grundlegend anderes. Plötzlich mit einem „Mann im Mond“ verheiratet zu sein – das mag schwerer sein, als mancher denkt. Wie werden sie den Rummel, der nun auf sie zukommt, überstehen? Nach dem Start besuchten sie zunächst einmal den Friseur, „um sich für die Presse schön zu machen“. Solche Gelassenheit läßt das Beste hoffen. Die drei Frauen standen mindestens so im Blickpunkt wie ihre Männer; eine Woche lang im Schlaglicht der Welt, das ist eine psychologische Belastung, mit der sich die wenigsten Menschen konfrontiert sehen. Und dann nur noch Mrs. Armstrong, „die Frau des Mannes, der als erster den Mond betrat“. Eine Rolle, die nicht jeder Frau liegt.
In 40 bis 50 Jahren, so soll Wernher von Braun gesagt haben, werden die Reisegesellschaften zum Mond fliegen. Der Mensch hat’s weit gebracht, hat mit seinem Talent gewuchert. Zumindest in der Technik und Wissenschaft. Die menschlich-geistige Entwicklung hat bisher nicht Schritt halten können. Biafra, Naher Osten, Vietnam – es ist zum Verzweifeln. Ob es daran liegt, daß in diese Entwicklung nicht so viel Geld investiert wird? Oder sollte es tatsächlich an einer nicht zu behebenden Unzulänglichkeit des Menschen liegen? Fast scheint es so. Denn wie sonst wäre es erklärlich, daß mitten im 20. Jahrhundert, zwei Tage vor dem Flug zum Mond, zwischen zwei Völkern in Lateinamerika ein Krieg wegen eines Fußballspiels ausbricht?
HYMNEN FÜR APOLLO 11
Festgottesdienste anläßlich des Mondfluges von Apollo 11 hat die orthodoxe Kirche von Griechenland gefeiert. Der Leiter ihrer Liturgiekommission, Metropolit Dionysios, hatte eigens entsprechende Festhymnen getextet und komponiert. Als Begründung wurde angegeben, der Mondflug stelle einen ,wichtigen Beitrag zu dem Durchdringungs- und Erlösungswerk des gesamten Kosmos‘ dar.
Foto: © Archiv
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