800 Jahre München
Zwischen Feststimmung und Mahnung: Ein nachdenklicher Blick auf die Seele der Stadt.
Blick auf die Frauenkirche und das Neue Rathaus in München Ende der fünfziger Jahre. Foto: © IMAGO / United Archives
Zum 800-jährigen Stadtjubiläum 1958 zeichnet Lorenz Freiberger, Chefredakteur der Münchener Katholischen Kirchenzeitung, ein vielschichtiges Porträt Münchens. Er würdigt den Aufstieg der Stadt zum geistigen, kulturellen und politischen Zentrum Bayerns, verschweigt aber auch ihre Schattenseiten nicht.
München sei längst keine katholische Hochburg mehr, sondern von Glaubensferne und Gegensätzen geprägt. In Anlehnung an die Worte, die der Prophet Jerusalem zuruft, mahnt der Autor dazu, das Jubiläum nicht nur als Fest der Geschichte, sondern auch als Anstoß zur Besinnung und Umkehr zu verstehen.
[inne]halten - das Magazin 16/2026
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München die Jubelstadt
Eine besinnliche Betrachtung von Lorenz Freiberger
So sehr hat Jesus die Stadt Jerusalem geliebt, daß Er über sie geweint hat. „Laßt uns hinaufgehen nach Jerusalem“ spricht Jesus zu seinen Jüngern. Seit seinem 12. Lebensjahr hat Er an den religiös-nationalen Festen in Jerusalem teilgenommen. Damals hatte die Stadt ungefähr 1000 Jahre jüdischer Geschichte hinter sich, von der ein großer Teil Heilsgeschichte war. Jesus kennt ihre Vergangenheit und das Wort und das Werk der Propheten. „Jerusalem, Jerusalem, du mordest die Propheten und steinigst die, die zu dir gesandt sind.“ Jesus liebt den Tempel, dessen Schänder Er mit der Geißel vertreibt. In Jerusalem erlebt Er das Hosianna am Palmsonntag und das Kruzifige am Karfreitag. Hier ersteht Er aus dem Grab und fährt zum Himmel und in diese Stadt hinein sendet Er den Hl. Geist. Die Liebe des Herrn zu Jerusalem kommt so sehr aus Seinem Gemüte, daß Er Tränen des Schmerzes vergießt wegen ihrer Unbußfertigkeit, die das Gericht Gottes und den Untergang nach sich zieht.
Jeder Mann hat seine Stadt, die er liebt, und lebte er in einer Einöde. Und jede Stadt hat je nach Rang und Wert ihre Ausstrahlung und ihr eigenes geistig-religiös-sittliches Klima, in das sie alle einzuhüllen sucht, die in ihren Mauern leben oder sich ihr nähern. Jede Stadt will die Menschen prägen nach dem Bild und Wertmaß, nach denen sie selbst geprägt ist. In der Stadt werden Ideen, Neuigkeiten, Weisheiten und Irrlehren, Tugenden und Laster wie auf dem Markt an jedermann zu billigen Preisen feilgeboten. Wer die Stadt geistig erobert, hat meist auch das Land erobert.
Unsere Stadt München, die ihre guten und bösen Geister über die Erzdiözese und über die bayerischen Lande und weit darüber hinaus ausstrahlt, darf den 800jährigen Geburtstag ihres gewaltsamen Eintrittes in die Geschichte begehen. Wahrhaftig, sie ist nicht eine der geringsten unter den Städten Europas und der Welt. „Laßt uns hinaufziehen ...“ nach München und teilhaben am Jubelfest, wie der Herr und seine Apostel an den Jubelfesten Jerusalems. Wenn ihre heilsgeschichtliche Bedeutung, die München auch hat, sich nicht der der Gottesstadt Jerusalem gleichsetzen läßt, so braucht dennoch niemand seine Liebe zu seiner Stadt München – sei es eine begeisterte oder innerliche oder schwermütige und tränenfeuchte – verbergen.
Wir gedenken im Jubeljahr ihrer Geschichte und ihrer Sendung. München ist eine Spätberufene unter den großen Städten Europas. Rom, Mailand, Paris, Köln, Augsburg und andere hatten schon in dicken Lettern in das Buch der Geschichte eingeschrieben, ehe München ward. Nicht die Schönheit der Natur, die nur mit spärlichen Reizen aufwartet im Vergleich zu Salzburg und Florenz, und nicht der Reichtum und die Fruchtbarkeit der Landschaft – „München ist ein goldener Sattel auf einem dürren Gaul“ – haben die Gründung Münchens gefordert, sondern der Wille und die Gewalt eines Herrschers. Zuerst Zollstätte, dann Markt und befestigter Ort, steigt München bald auf zum Wittelsbacher Fürstensitz und damit zur Hauptstadt Oberbayerns. In der Mitte die Kirche zum hl. Peter. Bald beginnt ihre religiöse Kraft und Ausstrahlung, als kaum ein Jahrhundert nach dem Brückenstreit zuerst die Franziskaner und dann die Augustiner-Eremiten Ordenszentralen für ihre apostolische Arbeit gründen.
Als Kaiser Ludwig der Bayer von München aus das Römische Reich Deutscher Nation recht und schlecht regiert und mit den Päpsten in Avignon in einen Geisteskampf gerät, werden die Stimmen aus München zum ersten Mal in ganz Europa gehört. Es sind recht laute und nicht gerade friedfertige und unterwürfige Stimmen, die die Minoriten unter Führung von Wilhelm von Occam und jener gefährliche Marsilius von Padua ausstoßen. Zahlreiche Kirchen, darunter St. Peter, Hl. Geist und Unsere liebe Frau, neben vielen Andachtsstätten und Ordenskirchen zeugen vom religiösen Sinn der mittelalterlichen Stadt. Erst nach dem Landshuter Erbfolgekrieg wird München Hauptstadt und Vorort ganz Bayerns. Von da an verstummt die Münchener Geige nicht mehr im europäischen Konzert.
Im 16. Jahrhundert, da die Glaubenskämpfe entbrennen, ist München unter dem Regiment frommer Herrscher die Hochburg des katholischen Glaubens in ganz Deutschland. Die Jesuiten schlagen in München weithin sichtbar ihre Gezelte unter dem Banner des hl. Michael auf. Die Kapuziner und Karmeliter folgen nach. Um jene Zeit ist München die katholischste und frömmste Stadt nördlich der Alpen, eine Freude und ein Trost des päpstlichen Legaten, der im Auftrag des Papstes die deutschen Fürsten besucht. Eine warme Marienverehrung und die Anbetung der hl. Eucharistie strahlen von München aus. Nicht bloß Altötting, auch das damalige München hat den religiösen Sinn des bayerischen Volkes für Jahrhunderte geprägt. Unter Kurfürst Maximilian I., dem größten deutschen Fürsten seiner Zeit, wird München eine europäische Berühmtheit und bleibt es von da an. Die Künste und Musen lassen sich in München nieder. Der Hagelschlag der Säkularisation vernichtet vieles. Doch unter Ludwig I. erhebt der katholische Glaube in München wieder sein Haupt. Dann aber kommen die Geister des Widerspruches und der Verneinung und siedeln sich hartnäckig neben den alten und neuen Kirchen an bis zum heutigen Tag, da München über eine Million Einwohner verschiedenster Geistesgesinnung hinausgewachsen ist.
Gewiß sind wir stolz auf ihre 800 Jahre; aber unser Herz ist nicht nur ein Museum für geschichtliche Ereignisse, sondern es schlägt der Gegenwart. Und München selbst ist lebendige und leidenschaftliche Gegenwart.
Warum hängen so viele Menschen an München innerhalb und außerhalb der Stadtgrenze? Ist es der Charakter und die Schönheit ihrer Kirchen und Paläste, Straßen und Denkmäler? Gewiß hat München vieles aufzuweisen und vieles nach der Zerstörung in neuer Herrlichkeit wieder erstehen lassen. Aber haben Florenz, Rom und Toledo oder auch Landshut nicht ebenso viel oder im Verhältnis zur Größe noch mehr aufzuweisen? Zudem kann man nirgends so leicht ein verlorener Fremdling sein wie in einer Millionenstadt.
Sind es die Wissenschaften aller Art, die Gelehrsamkeit, die Künste und Musen, die uns für München begeistern? Wahrhaftig, hier ringt München in erster Reihe unter den Städten der Welt um die Palme. Sind es die Kostbarkeiten in den Pinakotheken und Museen? München ist eine gefüllte Schatzkammer. Aber sind dies nicht ebenso oder noch mehr Rom und Florenz und Paris und London? Und folgen die Kunstschätze nicht allzu leicht dem Strom und dem Gefälle des Mammons?
Sind es die Leichtigkeit des Lebens, die Heiterkeit der Atmosphäre, das zum Spiel und zur Gaudi neigende Gemüt des bayerischen Volkes? Sind es die Freudenbecher oder, besser gesagt, die Freudenkrüge, die hier im Oktober, im Fasching und leider auch in der Fastenzeit, im Mai und meist auch dazwischen schäumend unter den Klängen der Trompeten kredenzt werden? Wahrhaftig, München ist eine Stadt europäischen Amüsements und der lauteren und unlauteren Vergnügungen geworden. Um dessentwillen sprechen Tausende aus Europa und sogar aus den Ländern über dem Meere: „Laßt uns hinaufziehen …“ nach München. In diesen Strom der Besucher mischen sich reichlich die Glücksritter, die Abenteurer, die ewig Heimatlosen, die Dirnen, die Diebe und auch die Gangster. Wenn die Volksprediger die Stadt München ein kleineres oder größeres Babel schimpfen, so übertreiben sie dabei nicht einmal allzu stark.
Zudem ist München längst eine Stadt der Särge geworden. Nicht einmal ein Kind kommt im Durchschnitt auf eine Ehegemeinschaft. München lebt vom Blute anderer, von den Müttern vornehmlich der bayerischen Lande, deren Söhne und Töchter sie anlockt. Zudem kommen Tausende aus vielen Völkern und Sprachen und lassen sich hier nieder und zeichnen in das altgewohnte Antlitz der Stadt neue Linien und Runen. Deswegen wagen wir München nur mehr mit EE (Erhebliche Einschränkungen) bayrisch zu nennen.
Trotz allem lieben wir diese Stadt. Nicht wegen diesem oder jenem, sondern weil in ihr ein so großer Zusammenklang von vielen Tönen, hellen und dunklen, feinen und grellen geschieht, nicht ohne Harmonie, in die aber die vielen Dissonanzen eine unheimliche Dramatik tragen.
Wir, die wir uns bemühen, im christlichen Glauben zu leben, ringen in Liebe und schmerzlicher Sorge um unsere Stadt München wie der Herr um Jerusalem. „Daß du es in diesen deinen Tagen erkenntest, was dir zum Frieden dient.“ München ist nicht mehr die Hochburg des katholischen Glaubens. Sie ist eine Stadt der Mischung, in der wahrhaft fromme Christen und kirchenferne Christen und gottferne Menschen Haus an Haus und Tür an Tür nebeneinander wohnen. Kaum mehr ein Drittel der Getauften besuchen regelmäßig die Kirchen, um Gott dem Herrn Anbetung zu zollen. Diese unsere Jubilarin ruft heute nach Bekennern und Verkündern der Botschaft Christi und nach stillen Betern und Kreuzträgern.
Auch wir Christen dieser Stadt werden in diesen Wochen in die Jubelfeier mit einstimmen und Gott auf dem Marienplatz ein Dankopfer darbringen. Wir tun es aber mit verhaltenem Atem.
Die Ruinen von Babylon und Ninive, der Sturz Konstantinopels und vieler anderer Städte sind uns inmitten des Jubels eine tiefe Mahnung zur Demut.
Wir lieben München, wie der Herr Jerusalem geliebt hat. Aber Jesus hat umsonst um seine Stadt geweint. Von der Unbußfertigkeit der Stadt ist Er ans Kreuz geschlagen worden. Das war der Untergang Jerusalems. Von da an war es nur mehr ein zerbrochenes Denkmal einstiger Größe und Sendung.
Inmitten der lauten Jubelfreude der kommenden Wochen wollen wir den lästigen Ruf des alten Propheten – er soll dafür gesteinigt worden sein – nicht gänzlich überhören, der da lautet: „Jerusalem, Jerusalem, bekehre dich zu deinem Herrn und Gott!“
Foto: © Archiv



