125 Jahre Michaelsbund
09.07.2026

Münchens Bunkerpfarrer

1951: Wie Pfarrer Adolf Mathes obdachlosen Männern Hoffnung und Hilfe gab.
    

"Bunkerpfarrer" Adolf Mathes (li.) im Gespräch. Foto: © Diözesancaritasverband München und Freising

Der 1951 veröffentlichte Artikel porträtiert den Münchner „Bunkerpfarrer“ Adolf Mathes und seine Arbeit für obdachlose Männer. Er schildert die Ursachen von Wohnungslosigkeit – Krieg, Familienzerfall, Arbeitslosigkeit und Alkoholismus – sowie die praktische Hilfe durch Unterkunft, Beratung und Verpflegung. Zugleich fordert der Beitrag mehr gesellschaftliche Verantwortung, Arbeitsmöglichkeiten und gesetzliche Hilfen für Betroffene.

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Der „Bunkerpfarrer“ und seine obdachlosen Männer

Seit 16 Monaten besteht nun der „Katholische Männerfürsorgeverein, München“, der gegründet wurde, als die auf dem Gelände des ehemaligen Hotels „Europäischer Hof“ an der Bayerstraße gelegenen Übernachtungsbaracken im Zuge der Neugestaltung des Hauptbahnhofs geschlossen wurden. Während dieser 16 Monate haben nach einer vorsichtigen Berechnung 150 200 Männer in den Bunkern dieses Vereins übernachtet. Dabei pflegen in dem vom Sozialreferat der Stadt übernommenen Keferloher Bunker täglich durchschnittlich 120 Männer zu übernachten, in dem am 1. Mai eröffneten Petuel-Bunker täglich 95. Diese beiden in Milbertshofen gelegenen Bunker verfügen über Massenschlafräume. Der im Oktober 1950 samt dem bisherigen Hotel-Inventar erworbene City-Bunker in der Hotterstraße vermag mit seinen Zwei-Mann-Kabinen durchschnittlich 100 Männer pro Nacht zu beherbergen, während in der Wohnbaracke an der Falkenstraße 35 Männer dauerndes Nachtquartier haben.

In den beiden Milbertshofener Bunkern wird als Unkostenbeitrag von den Männern, die Geld haben, eine Übernachtungsgebühr von 30 Pfennigen genommen. Wer kein Geld hat, übernachtet umsonst. Von den 100 Betten des City-Bunkers sind 75 an Dauermieter vergeben, die Woche für 5 DM. Der Rest der Betten wird für Durchgangsverkehr freigehalten, das Bett zu 2.50 DM pro Nacht. Von diesem Durchgangsverkehr, auf dem die Unkosten eines einfachen, sauberen Hotelbetriebes liegen, bleibt ein kleiner Überschuß, mit dem die Betriebskosten für die 75 Dauermieter ausbalanciert werden.

Die obdachlosen Männer, für die der Verein insgesamt 346 Lager zur Verfügung stellt, erhalten gleichzeitig ein Mindestmaß an Verköstigung. Im Keferloher Bunker, wo durch das Entgegenkommen des Caritas-Verbandes täglich eine bestimmte Menge Brot zur Verfügung steht, arbeitete man anfangs mit einer primitiven, mit Benzin geheizten amerikanischen Feldküche, um Kaffee, Suppe und Eintopfgerichte herzustellen. Im Laufe des Herbstes 1950 wurde diese bereits durch zwei elektrisch betriebene Sesselkocher ersetzt. Im Petuel-Bunker konnte bis heute nur eine Abgabe von Kaffee und Brot durchgeführt werden, dagegen besitzt der City-Bunker eine eingerichtete Küche. Den dort wohnenden Männern steht eine vollständig ausreichende Verpflegung zum Selbstkostenpreis zur Verfügung. In der Baracke an der Falkenstraße wird keine Verpflegung geboten.

Diese Leistungen waren möglich, obwohl der Männerfürsorgeverein ein Jahr nach seiner Gründung neben drei juristischen Personen nur 17 ordentliche und 13 fördernde Mitglieder zählte. So durfte vieles nichts kosten, ehrenamtliche Arbeit wurde und wird hier groß geschrieben. Neben zwei Köchen ist nur ein Mädchen für Büroarbeiten hauptamtlich angestellt.

„Wie kommt es“, so fragen wir Stadtpfarrprediger Adolf Mathes, den „Bunkerpfarrer“, der für diese Sache Tag und Nacht tätig ist, „daß der Männerfürsorgeverein heute noch nicht mehr Mitglieder hat. Treiben Sie keine Werbung?“

„Unsere Aufgabe ist höchst unpopulär“, erwidert der Befragte. „Immer wieder stoßen wir selbst in Kreisen aktiver Katholiken auf Vorurteile und mangelndes Verständnis. Man betrachtet die obdachlosen Männer, mit denen wir uns befassen, als ‚asoziale und arbeitsscheue Elemente‘.“

„Wie sehen Sie diese Männer und welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht?“ fragen wir weiter.

„Die Männer, die bei uns Quartier suchen“, erwidert Stadtpfarrprediger Mathes, „sind in der Mehrzahl Menschen, die an Leib und Seele unter die Räuber fielen. Ich sehe in jedem von ihnen den Nächsten, an dem es zu tun gilt, was das Evangelium uns zu tun heißt. Erfahrungen habe ich gute und schlechte mit ihnen gemacht. Von manchen wurde ich ausgenützt, ja bestohlen. Andere wieder waren für die erste Hilfe, die wir ihnen boten, sehr dankbar und haben von uns weg tatsächlich wieder in eine normale Existenz zurückgefunden. Den weniger erfreulichen Elementen, mit denen uns unsere Hilfeleistung in Berührung bringt, muß man aber, meiner Überzeugung nach, verschiedenes zugute halten, woran man heute in der Öffentlichkeit nicht gern erinnert wird, weil diese Erinnerung zu einem eigenen Schuldbekenntnis drängt.

Immer wieder treffen wir bei Unterredungen mit Männern, die wirtschaftlich und moralisch gescheitert sind, auf die erste und ursächliche Schuld der Eltern. Das große Versagen des Elternhauses, der zerrütteten Familie, in der weder Liebe noch echte Religiosität herrschen, liefert dem Staat seine asozialen Elemente, ja seine Verbrecher. Dazu kommen die Verheerungen des Krieges und der Nachkriegszeit im Bereich aller menschlichen Bindungen, die alle Bedingungen wirtschaftlicher und sittlicher Existenz zerstören, die Wirkungen der Arbeitslosigkeit, die extrem kapitalistische Auffassung, die auf dem Wohnungsmarkt herrscht, nach der jedes freie Zimmer als ein Objekt betrachtet wird, das höchste Zinsen tragen muß. Ja, die viel zu hohen Preise der für den Armen möglicherweise noch erreichbaren Zimmer tun das Ihrige …“

„Treten Sie zu den Männern, die in den Bunkern übernachten, in eine nähere Fühlungnahme, in ein Verhältnis persönlicher Fürsorge?“ fragen wir den Bunkerpfarrer.

„Seit dem 1. Mai haben wir eine eigene Beratungsstelle aufgemacht“, erwidert er, „die vorläufig dreimal in der Woche Gelegenheit zur Aussprache gibt. Zusammen mit meiner Schwester, die als Fürsorgerin ausgebildet ist, stehe ich da den Männern für Beratung und Vermittlung in allen Schwierigkeiten zur Verfügung, die ihnen auf dem Herzen liegen. Meist geht es um die Möglichkeit eines wirtschaftlichen Weiterweges. Ganz besonders hilflos ist die ältere Generation unter den Obdachlosen, von der nicht wenige den richtigen Weg zur öffentlichen Fürsorge gewiesen werden müssen. Das Gegenstück dazu bilden die jungen Leute, die mit zu Hause verkracht sind und die nun ihren eigenen Weg finden müssen, nachdem es in die Heimat zurück keine Brücke mehr gibt.

Ein großer Teil der Männer, die heute zu uns kommen, sind – im Grunde genommen – einer gesetzlichen Regelung auf Bundesebene bedürftig. Das hängt mit der Zuständigkeit zusammen. Jede Stadt hat eine ausgesprochene Abschiebe-Tendenz. So wandern viele unfreiwillig von Stadt zu Stadt und haben nirgends Gelegenheit, Wurzeln zu schlagen. Dadurch gehen sie meist restlos der Gesellschaft verloren und werden zu asozialen Elementen.

Als nicht minder notwendig erweist sich bei näherem Einblick in das Schicksal dieser Gestrandeten, eine gesetzliche Handhabe zur Einleitung einer Heilerziehung. Der Alkoholiker-Prozentsatz unter diesen Leuten ist erschreckend hoch. Meist haben diese Süchtigen keine Familie mehr, und oft genug sind sie an einer Frau gescheitert. „Als ich aus der Gefangenschaft heimkam, war ein anderer da“, müssen wir immer wieder hören. Und diese in allem Vertrauen schwer Erschütterten suchen Trost im Suff, dem sie Nahrung und Kleidung opfern. Um diese Unglücklichen ihrem Elend zu entreißen und sie einer Heilerziehung zuzuführen, gibt es heute keine gesetzliche Handhabe. Nur die vollendete Straftat berechtigt zur „Freiheitsberaubung“.

„Wie aber kann man Ihnen und Ihren Schützlingen helfen?“ fragen wir zuletzt den Bunkerpfarrer.

„Meine größten Sorgen“, erwidert er, „sind zur Zeit — brutal beim Namen genannt — Geld, Wolldecken und Arbeit. Die katholische Männerfürsorge braucht irgendeine Arbeitsgelegenheit, die es den Leuten, die aus irgendeinem Grund gescheitert sind, ermöglicht, sich eine entscheidende Weile über Wasser zu halten. Seit langem bemühe ich mich, eine Bündelholz-Fabrikation auf die Beine zu bringen; doch augenblicklich ist selbst für Geld nicht das geeignete Holz dafür zu bekommen. — Wer helfen will, hilft jedenfalls am besten mit Gelegenheitsarbeit oder regulärer Arbeit. Die Männer, für die wir das Notwendige zu tun versuchen, sind die Nachtgestalten hinter dem verlogenen Glanz unserer neuerstehenden Großstädte. An ihnen muß sich vor allem erweisen, ob wir tätige Liebe aufbringen zur inneren Überwindung des Kommunismus.“

Foto: © Archiv

Foto: © Archiv
Paul Hasel
Artikel von Paul Hasel
Redakteur, Channel-Management