Abschied von Kardinal Faulhaber
Der Nachruf auf Kardinal Michael von Faulhaber nach seinem Tod im Juni 1952.
In der Münchner Theatinerkirche war Kardinal von Faulhaber aufgebahrt. Gut 300.000 Menschen sollen an seinem Sarg vorbeigezogen sein, berichtete die Münchener Katholische Kirchenzeitung. Foto: © Archiv
Der Nachruf würdigt Kardinal Michael von Faulhaber nach seinem Tod im Juni 1952 als herausragenden Seelsorger, Prediger und Oberhirten der Erzdiözese München und Freising. Hervorgehoben werden sein Einsatz in Kriegs- und Krisenzeiten, seine Sorge für Arme und Notleidende sowie seine Treue zum Glauben. Der Beitrag zeichnet das Bild eines Bischofs, dessen Wirken weit über Bayern hinaus Anerkennung fand und die Kirche nachhaltig prägte.
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Der große Kardinal ist von uns gegangen
Nun ist er von uns gegangen, der Mann Gottes, der 35 Jahre hindurch den Hirtenstab des hl. Korbinian getragen, der uns Beter, Mahner, Hirte und Apostel war. Wir sind traurig, daß wir von nun an sein Wort nicht mehr hören, seinen bischöflichen Segen nicht mehr empfangen, daß wir seinen Altar nicht mehr umstehen dürfen. Die Trauer geht durch die ganze Erzdiözese, hinein in jedes Haus und in jede Familie. Auch der, der glaubte, ihm Feind sein zu müssen, wird stillehalten und in Ehrfurcht sich vor dem großen Toten verneigen. Ehrfurcht und Hochachtung wie kaum einem Menschen ist ihm seit Jahrzehnten entgegengebracht worden. Das Volk hat in unbeschreiblicher Liebe an ihm gehangen. Es hat ihm die Kinder entgegengehalten, damit er das Zeichen des Kreuzes auf die junge Stirne zeichne. Man hat an seinen Segen geglaubt, an seinen bischöflichen und an seinen höchstpersönlichen Segen, weil man ahnte, daß ihm sowohl das Amt als auch die besondere Gabe und Gnade des Segnens gegeben sei.
Der Name des Kardinal Faulhaber ist längst über die Erde gegangen. Von seiner Größe wußte der Student an der Südspitze Siziliens und der Kirchendiener an einer südspanischen Kathedrale. Wenn er in einer Prozession ging, sei es in Rom, in Köln oder anderswo, immer war er der Mittelpunkt des Interesses, immer flüsterten sich die Menschen zu: das ist Kardinal Faulhaber von München.
Der große Künder des Wortes Gottes, das Gewissen unserer Generation ist nun verstummt. Sein Wort besaß die Kraft und die Schärfe und die Schönheit der alttestamentlichen Propheten. Sein Wort drang in die Tiefe, es zeigte die Gebrechen der Zeit und es verwies auf die Heilmittel Gottes. Sein Wort war prophetisch, weil es oft genug in die Zukunft wies. Er sah die Gefahren der Zeit wie die Wetterwolken am fernen Horizont. Und niemals lähmte die Furcht seine Zunge. Sein Wort erregte Aufsehen, schon damals, als er noch Professor in Straßburg war, damals, als der Speyerer Bischof im Jahre 1913 zum Jubiläum des Konstantinischen Ediktes sprach, so oft er in den Wirren der ersten Nachkriegszeit und in der heranstürmenden Tyrannei seine Stimme erhob. Wo immer er die Kanzel bestieg, drängten sich die Menschen.
Er wußte, daß der, der heilen will, manches Mal auch ätzen muß, manches Mal sogar mit scharfem Messer Eiterbeulen aufschneiden muß. Er tat es, auch wenn Wogen des Grolles gegen ihn anbrausten, auch wenn Steine die Fenster seines Hauses zerschlugen. Er wußte um den harten, oft tödlichen Lohn für den Propheten. Wenn ihm auch das Martyrium nicht zuteil wurde, immer war er in Bereitschaft dazu.
Von uns ist gegangen der Priester Gottes, der die Geheimnisse spendet. Und wie hat er sie gespendet! Es war ein erhebender Anblick, Kardinal Faulhaber die Stufen des Altars hinanschreiten, die Hände ausbreiten und wieder falten und die Weihehandlungen vollbringen zu sehen. Das war wahrhaft heilige Zeremonie; das war wahrhaft ein Stehen vor der Majestät Gottes. Und ein Widerschein dieser Majestät umstrahlte ihn. Und wenn er fünfhundertmal nacheinander die heilige Firmung spendete und junge Stirnen mit dem heiligen Öl salbte, niemals durfte die Hast in die heilige Handlung einbrechen und niemals durfte die Müdigkeit die Würde seiner Handlung beeinträchtigen.
Und wenn er die Priesterweihe spendete, da fühlte man beinahe physisch, daß die Kraft des Geistes Gottes sich seine Hände zum Werkzeug erkoren hatte. Er war sich jeden Augenblick bewußt, was es heißt, Liturge zu sein und an der Spitze des gläubigen Volkes als Sachwalter vor das Angesicht Gottes zu treten.
Der Mann des Gebetes hat nun sein letztes irdisches Gebet gesprochen. Man mußte ihn gesehen haben, wie er in stillen Priesterexerzitien den Kreuzweg betend von einer Station zur anderen ging, wie er täglich mit seinem Hauspersonal gemeinsam den Rosenkranz betete, wie er zur Andacht in der Kirche kniete. Immer war er der stille, in sich gekehrte Mann. Er verbreitete in seiner Gegenwart Schweigen; um ihn herum wurde die lärmende Welt stille und es verstummte der Vorwitz. Kardinal Faulhaber verkörperte eine andere Welt in dieser Welt.
Der Hirte seiner Herde hat den Hirtenstab weggelegt. Es war wahrhaftig nicht leicht, vom Jahre 1917 bis zum Jahre 1952 die Stadt München und die weite Erzdiözese zu leiten. Der Geist des Aufruhrs, des Abfalls, der Widerspenstigkeit, der religiösen Gleichgültigkeit hat immer wieder sein Haupt erhoben wie eine vielköpfige Schlange. Es war nicht leicht, in solcher Zeit die Herde zu sammeln und ihr voranzuschreiten. Viele Enttäuschungen, viele begrabene Hoffnungen waren sein Anteil und das bittere Los seines Bischofsamtes. Er, der so kräftig zu säen wußte, sah auf die sprießende Saat und mußte wie der Hausvater des Evangeliums erleben, daß auch der Böse auf seinem Acker gesät hatte. Wie der Apostel Paulus mußte er auch über den Zustand seiner Gemeinde seufzen und sein scharfes Auge sah nicht bloß seine Erfolge, sondern auch die Mißerfolge.
Er sah auch die Ruinen, die nicht aus Stein waren. Das war der Schmerz seines Hirtenamtes, daß viele, die in die Irre gegangen waren, sich nicht mehr heimführen ließen. Man muß ihn bei einer Heimkehrfeier von Theologen gehört haben, wie er betrübten Herzens aufforderte, jener zu gedenken, die die Heimat bei Gott nicht mehr gefunden haben. So war sein Lebensabend wahrhaftig nicht von der goldenen Abendsonne verklärt, sondern oft düster umleuchtet von der Brandröte der Zeit. Als Hirt seiner Herde hat er alle Fährnisse getragen; er ist im ersten Krieg als Feldbischof in die vordersten Linien gegangen und hat im zweiten Weltkrieg in seiner Stadt ausgeharrt, während 70mal die Bombenteppiche niedergingen. Er hat den Leidenden und den Verzweifelnden Worte des Trostes gesagt und war Mittler, als nach dem Weltkrieg der Haß statt der Vernunft regieren wollte.
Von uns ist gegangen der Vater der Armen. Immer war sich Kardinal Faulhaber bewußt, daß die Armen und Notleidenden ein besonderes Anrecht auf den Bischof haben. Es war für seinen hoheitsvollen, zurückhaltenden Charakter nichts Leichtes, Bettler seines Volkes zu sein. Er hat dieses demütigende Amt des Bettlers und des Almosensammlers auf sich genommen und hat in den düsteren Jahren der ersten Inflation in vielen Städten Amerikas an die Herzen der wohltätigen Menschen gepocht. Er war wieder der Rufer um Hilfe und um Gaben, als nach 1945 die Not ins Ungemessene ging. Er war persönlich überglücklich helfen zu können. An seinem Grabe wird unser Volk Ursache haben, ein laut vernehmliches „Vergelt es Gott“ zu sagen.
Kardinal Faulhaber war eine Zierde der Heiligen katholischen Kirche. Der Purpur des Kardinalats leuchtete hell und fleckenlos auf seinen Schultern. Er hat durch seine Person dem uralten Bistum des heiligen Korbinian Glanz und Ansehen verliehen. Wir haben alle davon gezehrt. In der langen Liste der Bischöfe von Freising und in der kurzen Liste der Erzbischöfe von München wird sein Name immer unter den Großen prangen. Seine Gestalt und sein Schrifttum werden in die Zukunft dauern, fester und beständiger als der Stein an seinem Grabe.
Wenn wir jetzt das feierliche Requiem aeternam singen, wollen wir den Herrn des Gerichtes bitten, daß Er Seinem getreuen Diener vergelte nach dem Maß Seiner Barmherzigkeit. Unsere Trauer aber wird gemildert von dem Bewußtsein, einen Fürbitter zu haben im Hause des himmlischen Vaters, dort, wo Christus für die Seinen viele Wohnungen bereitet hat.
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