Aufbruch ins Konzil
Lorenz Freiberger schildert die Hoffnungen, die mit dem Beginn des Zweiten Vatikanischen Konzils verbunden sind.
Feierliche Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils am 11. Oktober 1962 in der Peterskirche, die als Konzilsaula diente. Foto: © Ernst Herb/KNA
Prälat Lorenz Freiberger, Chefredakteur der Münchener Katholischen Kirchenzeitung, erlebt den Beginn des Zweiten Vatikanischen Konzils 1962 in Rom als historischen Moment. Tausende Bischöfe aus aller Welt versammeln sich zu einem Konzil, das Papst Johannes XXIII. als mutige Erneuerung der Kirche versteht.
Zwischen feierlicher Liturgie und großer Erwartung wird für Freiberger deutlich: Es geht nicht um Macht, sondern um Selbstprüfung, Reform und den Dialog mit anderen christlichen Kirchen. Das gemeinsame Gebet um den Heiligen Geist prägt den Auftakt – verbunden mit der Hoffnung auf eine Kirche, die Barmherzigkeit vor Verurteilung stellt.
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„Da sind wir, Herr, Heiliger Geist …“
Notizen um die großen Ereignisse in Rom
von Lorenz Freiberger
Rom, 7. Oktober. Auf dem Flugplatz Fiumicino entsteigen in kurzer Zeit den angekommenen Maschinen geistliche Herren in violett eingesäumten Talaren; eine größere Zahl aber trägt den steifen Kragen und schwarzes Zivilkleid. Die deutsch-amerikanische Priesterkleidung ist im Vormarsch – ohne Konzil. Der Episkopat der Weltkirche sammelt sich allmählich in Rom in einer Zahl, wie noch nie in der Geschichte.
Es ist dunkel. An der Straße der „Versöhnung“ vor Sankt Peter habe ich einen Platz gefunden. Die Kuppel von Sankt Peter deutet unter sich auf das Grab des gemarterten Apostels Petrus. Am Grabmal des Apostels Paulus vor den Mauern hatte mich vor Stunden der Omnibus vorbeigefahren. Was die beiden Apostel im Verein mit den übrigen vor ihrer physischen Vernichtung ausgestreut haben, ist lebendig. Ihr Zeugnis für Christus ist gegenwärtig.
Den Streit der jungen Christenheit, wie weit die Gesetze des Alten Testamentes im Neuen Bunde noch Gültigkeit haben sollten, haben die Apostel auf dem berühmten Apostelkonzil von Jerusalem, dem biblischen Urtyp aller Konzilien, ausgetragen. Dabei haben sie den Ballast von mehreren hundert Geboten und Verboten und Gebräuchen des Alten Testamentes mutig abgeworfen. Die Freiheit zog ein in den Neuen Bund.
Aus meinem Weiterdenken reißt mich der Kellner mit dem Ruf: „Il Papa, il Papa!“ und deutet mit dem Finger auf eine Autokolonne, die rasch vor meinen Augen vorüberflitzt – Richtung Sankt Peter. Der Papst gehört schon zum Straßenbild von Rom. Es ist kein Wunder. Schon das 129. Mal ist er hier vorübergefahren.
Am nächsten Morgen berichten die Zeitungen, daß von Maria Maggiore nach dem Lateran eine riesige Prozession sich bewegt hat, eine Bittprozession für das Konzil. Papst Johannes hat im Lateran dem Schlußakt beigewohnt, hat kniend Fürbitten für das Konzil gebetet und kniend das Kreuz beweihräuchert.
Der Papst weiß also, daß das Konzil kein gesungenes Gloria ist, sondern ein Wagnis. Dieses Konzil, das keinem klaren Gegner gegenübertritt, ist ein Konzil der schmerzlichen Selbstprüfung und der zeitgemäßen Erneuerung.
Dies weiß der Papst! Ob es die vielen Konzilsminnesänger auch wissen?
Am Grabe Pius XII.
9. Oktober. Pius XII. ist nicht vergessen worden in den Jahren seit er dahingegangen ist. Der Gedächtnistag seiner Verewigung fällt knapp vor Beginn des Konzils.
Schon um fünf Uhr morgens beginnen bei seiner Ruhestätte die Gedächtnismessen. Priester, Ordensleute, Bischöfe und Kardinäle wechseln einander am Altar ab. Der Papst, vierzig Kardinäle und Hunderte von Bischöfen aus aller Welt und viel Klerus und Volk sind um zehn Uhr im Chor der Sankt-Peters-Kirche zum offiziellen Requiem vereinigt.
Es ist mehr als eine Totenfeier. Bevor das Konzil beginnt und eine neue Ära der Kirche einleiten will, ist es gut, daß der einzigartigen Lehrtätigkeit des Papstes Pius XII. gedacht wird, der in dunklen Jahren den Christen – nicht nur den Katholiken – viele Lichter aufgesteckt hat.
Er hat eine Kirche in Ordnung hinterlassen, so daß sie in innerer Festigkeit nun darangehen kann, viele Zustände und Überlieferungen nach ihrer Substanz und nach ihrem weiteren Verbleib in der Kirche zu durchforschen, ohne um Einheit und Existenz des Gesamten bangen zu müssen.
Das große Fragezeichen
Einige hundert deutschsprachige Journalisten sitzen bei einer Pressekonferenz, von Weihbischof Kampe gehalten, der in geschickter Weise die Eigenständigkeit und Eigengesetzlichkeit des Konzils darlegt.
Alle möchten wissen, das Warum und das Was und das Wie des Konzils; lauter Fragen, die in die Zukunft zielen. Aber die kommenden Ereignisse lassen sich nicht vorhersehen.
Es herrscht freundliches Klima, obwohl die Journalisten verschiedenen Glaubensbekenntnissen oder auch keinem angehören. Es gibt noch keine Gruppierungen um das Konzil, wie beim Vaticanum I im Jahre 1869/70, als schon vor Beginn viele Regierungen in Europa in Kabinettssitzungen überlegten, ob sie nicht in Rom vorstellig werden oder gar Protest erheben sollten wegen einiger Dinge, die durch Indiskretion an die Öffentlichkeit gedrungen waren.
In den ersten acht Konzilien, in welchen unser Glaube in festen Formeln gegen Auflösungen und
Mißdeutung abgegrenzt worden ist, war vor dem jeweiligen Beginn schon die Leidenschaft des Für und Wider entbrannt, wodurch die Konzilsväter in zwei gegensätzliche Gruppen gespalten wurden, zwischen denen die Unentschiedenen standen.
Heute ist keine Parteiung mehr da; aber dennoch ist überall erregte Erwartung spürbar, welche durch die Ungewißheit der kommenden Dinge bis zur Fieberhaftigkeit angeheizt wird.
Laßt uns hoffen, daß dieser Zustand nicht in Interesselosigkeit übergeht, wenn das Konzil in harter und schwieriger Arbeit sich mit Dingen beschäftigt, deren Tragweite nicht alsogleich durchschaut werden kann.
Der große Tag
11. Oktober. Schon eine Stunde vor Beginn der Zeremonien in St. Peter, welche die Eröffnung des 21. Konzils umgeben, zeigt die Kirche ihre Leiblichkeit: in vielen Farben, Roben, Uniformen und Aufzügen. Viel Mittelalter ist darunter wie die Hellebarden der Schweizergarde, die gezückten Degen und die Pferdeschwänze an den Helmen der Nobelgardisten.
Diese ehemaligen Kriegsgeräte sind so ehrwürdig, daß sie heute als Symbole der Friedlichkeit gelten. Die päpstlichen Garden und die Kammerherren in ihren schwarzen Wämsern geleiten die ausländischen Diplomaten auf ihre Tribünen bei den Heiligen Andreas, Longinus, Helena und Veronika. Beim heiligen Andreas hat Bundesaußenminister Dr. Schröder Platz gefunden.
Der Beginn des Konzils erinnert viele Mächte der Welt daran, daß sie eine ehrwürdige Schwester, die geistliche Macht der Kirche, haben, mit welcher viele von ihnen im Laufe der Jahrhunderte bittere Kämpfe ausgetragen haben oder gegenwärtig noch austragen. Heute aber machen sie vor ihr feierlich Reverenz.
Die Kirche hat die ehemaligen Dynastien nicht übersehen und deren Vertretern Ehrenplätze in Sankt Peter angewiesen. Vergessen sind all die Zwistigkeiten. Das Haus Savoyen, das beim Vaticanum I ausgeschlossen war, ist gegenwärtig. Wo anno 1869 Kaiserin Elisabeth von Österreich als prominenteste Vertreterin der damaligen Großmächte ihren Sitz hatte und sich die Beschwerden einer siebenstündigen Repräsentanz mühsam abrang, sitzen heute die Vertreter vieler Republiken aus Europa, Amerika und Afrika.
Choralgesänge wie das Credo, Magnificat …, vom Chor angestimmt und vom Volk aufgegriffen, übertönen die Unterhaltungen der Journalisten und das Geplauder der römischen Damen in ihren eleganten schwarzen Kleidern und Schleiern und tauchen das Irdische der Kirche im Petersdom in geistliche Harmonie.
Die Pfeiler von St. Peter haben roten Damast angelegt, damit sie von dem Kolorit der Diplomaten und Prälaten nicht zu sehr abstechen. Das Mittelschiff von St. Peter ist von Architekten aus Venedig in eine Aula mit Tribünen und Loggien verwandelt worden. Roter Samt bildet die Wände zwischen den Pfeilern, und Gobelins aus der Schule Raffaels, die das Leben Jesu darstellen, heben den Saal aus einer vornehmen Weltlichkeit hinüber ins Kirchliche.
Darüber wölbt sich die Kassettendecke von St. Peter. Wahrhaftig ein großartiger Rahmen für das Konzil, welcher ausgefüllt sein will mit religiöser Tiefe und mit der Kraft des Evangeliums in unseren Tagen.
Eine neue Beleuchtung trägt den Tag herein, auch schon in den Stunden, wo draußen noch Dämmerung herrscht. Mag dies ein Gleichnis des Heiligen Geistes sein!
Vor der Tribüne des hl. Longinus
Ursprünglich sollten die Beobachter der verschiedenen christlichen Konfessionen schon bei der Eröffnung des Konzils auf der Tribüne beim heiligen Longinus Platz haben, aber Fernsehgeräte und Diplomatisches Corps haben ihnen die Bänke vor der Tribüne zugewiesen. Erst ein Teil der 27 Beobachter aus den christlichen Gemeinschaften sind anwesend. Erzbischof Pericle Felici drückt gerade einigen von ihnen die Hand zum Gruße.
Zwei Anglikaner tragen weiße Gewandung, welche an die Roben weißer Mönche erinnert. Weiße Bäffchen am Halse deuten auf Lutheraner oder Reformierte. Einige sind in Zivilkleidern, die meisten aber tragen die geistliche Gewandung ihrer Glaubensgemeinschaften und leisten damit ihren Beitrag zur Farbenskala dieses Tages.
Wie weit es Kontrastfarben sein werden, wird die Zukunft erweisen. Das, was die Beobachter berichten über die Mater Ecclesia Catholica Romana, wird einen Widerhall in vielen christlichen Konfessionen haben und wird uns die „getrennten Brüder“ näherbringen oder auch weiter entfernen.
Jene, welche uns nach dem Glaubensbekenntnis und nach dem Inhalt der Liturgie am nächsten sind, sind vielleicht am weitesten von uns fortgerückt. Das sind die orthodoxen Kirchen des Ostens. Die Plätze für ihre Beobachter sind vorläufig noch leer.
Der Introitus
Seit einer Stunde vollzieht sich bereits der große Introitus der Konzilsväter in geordneten Reihen und in einer Herrlichkeit, in welcher früher die Maler den Einzug der Seligen in den Himmel zu malen pflegten.
Oben auf den Loggien der Aula haben die Konzilstheologen aus allen theologischen Fachgebieten in Ordenskutten oder Chorkleidung der Priester Platz genommen. Sie werden in den Versammlungen nicht mitsprechen, aber sie werden in Kommissionen die Dokumente der Vergangenheit ausbreiten und mit den Konzilsvätern die Formeln ausdenken, in denen sich die Reformen und Konzilsergebnisse ausdrücken.
Die Generaläbte und die Ordensgenerale bilden die Spitze des Zuges der Konzilsväter. Die gut zweitausend und einige Hundert Bischöfe und Erzbischöfe kommen in weißen Chormänteln. Die Unierten tragen nach Rang Kronen und Kopfbedeckungen, die uns fremd erscheinen. Die Kardinäle tragen die liturgische Kleidung ihres Ranges.
Da die Eröffnungsfeier ein Akt heiliger Liturgie ist, wurde die liturgische Kleidung vorgeschrieben. Daß Weiß eine so wunderbare Farbe ist, fühle ich hier, da ich das tausendfache liturgische Weiß der Paramente der Konzilsväter auf den Tribünen eingefaßt sehe in das Rot und in das Gold dieser grandiosen Aula.
Der Papst selbst hat beim Eintritt in St. Peter aus Ehrfurcht vor dem versammelten Konzil den Tragstuhl verlassen und schreitet zu seinem Thron unter dem Baldachin des Bernini und über dem Grab des heiligen Petrus.
Veni Creator Spiritus
Klar und deutlich stimmt der Heilige Vater die Anrufung des Heiligen Geistes an, des eigentlichen Herrn und Lenkers des Konzils. Die Sixtina und die Gläubigen im Petersdom fallen ein.
Nie ist mir die Anrufung des Heiligen Geistes so ergreifend bis ins Innere gedrungen wie in dieser Stunde, da alle Konzilsväter mit dem Papst um Erleuchtung flehen.
In der kommenden Zeit wird ein geheimnisvolles Ringen sein zwischen der Macht des Heiligen Geistes und der Freiheit, der Einsicht, der Menschlichkeit und der Leiblichkeit der Konzilsväter.
Die ganze Christenheit müßte dieses „Veni Creator Spiritus“ aufgreifen und immerfort wiederholen, damit das irdische Instrumentarium des Heiligen Geistes richtig mitspiele.
In dieser Stunde in St. Peter, da die Messe vom Heiligen Geist gesungen wird und rührende und eindringliche Gebete sich anschließen, ist der Heilige Geist unaufhörlich der Gerufene.
Nach der Messe treten die Konzilsväter, die Kardinäle in der Gesamtheit, von den Erzbischöfen, Bischöfen und Ordensoberen nur jeweils einige Vertreter, an den Heiligen Vater heran und geben das Zeichen der Obödienz (des Gehorsams) und empfangen vom Papst brüderliche Umarmung.
Die Kardinäle leisten die Obödienz durch Kuß des Ringes, die Bischöfe durch Kuß des Kreuzes der Stola, die auf den Knien des Papstes liegt, und die Ordensoberen durch Kuß des Kreuzes auf dem Schuh des Papstes.
Ein so einfacher und brüderlich gesinnter Heiliger Vater wie Johannes XXIII. mag – ähnlich wie sein Vorgänger – im Innern schon längst darum ringen, wie diese ehemals aus dem Orient ins kaiserliche und dann ins kirchliche Rituale übernommene Niederwerfung (Proskynesis) und der Fußkuß durch eine andere zeitgemäßere Ausdrucksform zu ersetzen sei.
Nun legt der Papst vor der ganzen Kirche das Glaubensbekenntnis ab. Er spricht die Formel des Credo der Messe. Es folgt aus dem Munde des Papstes das Bekenntnis zu den Dekreten des Konzils von Trient, zum Vaticanum I, zum Primat und zur Infallibilität. Dieses Glaubensbekenntnis wird in ähnlicher Form vom Konzilssekretär wiederholt und von den Konzilsvätern mitvollzogen.
Adsumus, Domine, Spiritus Sancte …
Auf diese Unerbittlichkeit des Credo erfolgt ein geradezu erschütterndes Gebet voller Demut und voller Erkenntnis der menschlichen Unzulänglichkeit. Es beginnt mit den Worten:
„Adsumus, Domine, Spiritus Sancte … Da sind wir, Herr, Heiliger Geist.“
Es ist ein altes Konzilsgebet aus vergangenen Jahrhunderten. Vor jeder Sitzung des Konzils wird es gesprochen werden. Von diesem Gebet geht Versöhnung zu den übrigen christlichen Gemeinschaften aus. Denn hier bekennt die heilige katholische Kirche – an ihrer Spitze der Papst und die Konzilsväter – ihre Kleinheit, Verlorenheit und deshalb ihr totales Ausgeliefertsein an die Macht des Heiligen Geistes.
In freier Übersetzung heißt es darin:
„Da sind wir, Herr, Heiliger Geist; da sind wir; von der Sünde bewohnt und niedergehalten, sind wir dennoch in Deinem Namen in besonderer Weise versammelt. Komm zu uns und sei mit uns. Sei Du allein der Eingeber und Bewirker unserer Entscheidungen; denn Du allein hast mit dem Vater und dem Sohne einen glorwürdigen Namen. Leide es nicht, daß wir Durcheinanderbringer der Gerechtigkeit seien (perturbatores iustitiae), denn Du liebst die höchste Billigkeit. Leide es nicht, daß die Unwissenheit uns auf den Holzweg führe, daß Begünstigung uns beuge, daß Bestechlichkeit uns korrumpiere …“
In der Allerheiligenlitanei wird der ganze Himmel zur Bundesgenossenschaft angerufen für die Tage des Konzils. Einige Beobachter anderer christlicher Konfessionen vermögen hier mitzubeten, andere schweigen; denn die Glaubensspaltung trennt viele von ihnen ebenso voneinander wie von der katholischen Kirche.
Zum Abschluß wird der Papst zum Prediger des Konzils. Hierin wird er zum Mahner für das gegenseitige Verständnis; er wünscht, mehr die Sprache der Barmherzigkeit als die der Verdammung zu gebrauchen und die Lehren der Kirche mehr in positiver Form als in der Verneinung anderen darzubieten.
In grandioser Form, durch die Television vor den Augen der ganzen Welt, ist das Zweite Vatikanische Konzil eröffnet. Möge die Beendigung dem Anfang entsprechen. Bewirke es, Herr, Heiliger Geist!
Foto: © Archiv
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