Die Weltkirche zu Gast in München
Wie Katholiken den Eucharistischen Weltkongress 1960 in München erlebten.
Eucharistiefeier beim 37. Eucharistischen Weltkongress in München 1960. Foto: © KNA-Bild/KNA
Der folgende Beitrag erschien in der Münchener Katholischen Kirchenzeitung unmittelbar nach dem Eucharistischen Weltkongress 1960 in München und spiegelt die Begeisterung vieler katholischer Zeitgenossen wider. Autor Lorenz Freiberger deutet das Ereignis als Ausdruck einer lebendigen, weltumspannenden Kirche. Der Text ist ein Zeitdokument, das die liturgischen Vorstellungen und das Selbstverständnis der katholischen Kirche vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil eindrucksvoll aufzeigt.
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Wie war das mit dem Weltkongreß?
Versuch einer Deutung
Von Lorenz Freiberger
Nun ist der Weltkongreß gefeiert. Deo gratias, Alleluja! "Eine Mutter, die in Wehen liegt, ist traurig, aber wenn das Kind geboren ist, hat sie Freude ... ". Wir glauben, daß der Eucharistische Kongreß in Kraft und Würde begangen worden ist.
Was aber waren seine Wesensmerkmale? Es soll hier versucht werden, eine Deutung zu geben, doch diese kann bei der Größe des Kongresses und in der Kürze der Zeit nur Stückwerk sein.
Von einem Eucharistischen Weltkongreß erwartet man, daß er fromm ist. Das war er auch. Aber er war nicht frömmelnd. Seine Frömmigkeit war voller Kraft und Wagemut, besonders in den großen Gottesdiensten und auch in den Veranstaltungen. Die Kindergottesdienste hatten eine natürliche Gelöstheit. Die Kinderballons nach dem Gottesdienst gehörten ebenso dazu wie die Lieder des Glaubens.
Rührseligkeit und Sentimentalität hatte man von Anfang wie die Pest gemieden. Man ist viel auf den Knien gelegen: 17 Kirchen standen zur ewigen Anbetung offen, manche Tag und Nacht. Sie waren nicht leer; es war ein großes Wandern zu den Heiligtümern.
Die persönliche Frömmigkeit, die zum Eucharistischen Kongreß gehört wie die Seele zum Leib, konnte sich reichlich entfalten. Aber sie wurde nicht auf öffentlichen Plätzen zur Schau gestellt.
Wer vom bayerischen Volk und seinen Wallfahrtskirchen kommt, mochte es schmerzlich bedauern, daß man nicht einen Platz, etwa den Königsplatz, zum öffentlichen Anbetungsraum machte, auf dem die verschiedensten Nationen in ihren Sprachen und in ihrer Eigenart abwechselnd Anbetungsstunden halten konnten. Hier hätten sich auch die einzelnen Diözesen ablösen können im Gebete.
Aber wie grausam wären nicht bloß die Bildreporter, sondern auch viele von der Fotoleidenschaft besessene Welt- und Ordenspriester mit dieser privaten Frömmigkeit unter freiem Himmel umgegangen! In einer Millionenstadt braucht der still anbetende Mensch die schützenden Mauern der Kirchen.
Es ist viel darüber debattiert worden, warum der Eucharistische Weltkongreß in München auf das fromme und attraktive Schaustück einer riesigen eucharistischen Prozession durch die Stadt verzichtet hat, zumal in Bayern die Prozessionsfreudigkeit aus der Barockzeit durchaus nicht erloschen ist.
Das war eine harte Entscheidung gegen die bisherige Praxis der Eucharistischen Kongresse. Doppelt hart, wenn man bedenkt, daß man dem Kölner Katholikentag noch das abendliche Schauspiel einer eucharistischen Schiffsprozession beigefügt hatte. Das ganze Augenmerk war bei diesem Kongreß auf die Feier der hl. Eucharistie (= Meßfeier) gerichtet. Und siehe da, dies gab dem Eucharistischen Weltkongreß von München Kraft, Würdigkeit und Innigkeit zugleich.
Welche Herrlichkeit liegt in der alten Liturgie, wenn sie aus einer gewissen Verkümmerung herausgenommen und richtig vollzogen wird. Welch heiliges Schauspiel vor Gott und den Menschen waren die Eucharistische Feier auf dem Odeonsplatz, die nächtliche Bet-Singmesse auf dem Festplatz, der Gottesdienst im östlichen Ritus am Samstag und das Hochamt am Sonntag!
Von welcher Kraft und Schönheit war auch die liturgische Begrüßung am Mittwoch! Bei der Kreuzfeier am Freitag spielte das Gewitter schauerlich mit, als käme der Herr zum Gerichte.
Wahrhaftig, es waren liturgische Schauspiele. Die Ein- und Auszüge der vielen Bischöfe und Kardinäle! Dieses Hinanschreiten zum Berg des Altares (wie sichtbar der Psalmvers: Ich will hintreten zum Altare Gottes ...) und dann das feierliche Umschreiten des Altares!
Wieviele Prozessionen gab es in einer einzigen Eucharistiefeier, wenn die Gaben zum Altar gebracht oder der Leib Christi dem Volk dargereicht wurden. Dazu die Aufzüge der Lichtträger und des gesamten Altardienstes. Und dieses Farbenspiel, besonders in der nächtlichen Stunde.
Wir müssen uns zu diesem Schauspiel vor Gott bekennen. Wie schauerlich groß war die Heilige Woche unseres Herrn vom Einzug in Jerusalem bis zur Auferstehung am Ostermorgen! Sie umfaßt die heiligen Zeremonien beim Abendmahle, die Todesangst in Gethsemane, die Prozession des gefangenen Christus, das Gericht, den Gang mit dem Kreuze auf Kalvaria bis zum Tode und dann den Sieg über den Tod.
Christus hat nicht nur das stille Gebet geliebt, sondern auch die Symbole, die Zeremonien und die Aufzüge. So darf auch unsere öffentliche Opferfeier nicht bloß ein stilles Murmeln von Gebeten sein. Denn der Mensch betet nicht bloß in Worten, sondern auch in Gebärden und Bewegungen.
So sind wir dankbar, daß der Kongreß in einer erstaunlichen Planung überdimensional die Feierlichkeit der Liturgie Hunderttausenden gezeigt hat. Man konnte von Zweifel erfüllt sein, ob eine Opferfeier mit Hunderttausenden überhaupt möglich sei; ob man überhaupt soviel Menschen innerlich erfassen und zum Altare hinführen könne.
Wer etwa am Donnerstag die Bet-Singmesse mitgemacht hat – vielleicht der innere Höhepunkt des Eucharistischen Kongresses – muß gestehen, daß diese gelungen ist in einer Weise, die unsere Bewunderung verdient. Wenn nur die eine Lehre des Kongresses bis in die letzte Pfarrei dringen würde, daß kein Gottesdienst vor der Gemeinde am Sonntag langweilig und für die Teilnehmer unverständlich zu sein braucht, wo man sich nur um die Gestaltung bemüht, wäre dieser Kongreß wahrhaftig nicht umsonst gehalten.
Freude war eine Grundnote des Kongresses. Man vergaß zwar in den Worten der Prediger und in den Gebeten nie die Gefährdung des Menschen, der seit der Erfindung der Atomkraft noch mehr als bisher am Rande des Abgrundes angesiedelt ist, aber die Psalmen und die Antwortverse des Volkes erweckten Hoffnung.
Vom Altare her verbreitete sich diese innere Gehobenheit auf die Straße und in die Versammlungsräume. Das Raunzen und Granteln zog sich in die verborgenen Winkel zurück.
Wie freudig hat das Volk von München den Kongreß aufgenommen und die Bischöfe und die ausländischen Gäste überall willkommen geheißen. Ausdrücklich erklärte Kardinal Gracias von Bombay, die liebenswürdige und freundliche Atmosphäre von München tue ihm besonders wohl.
Diese Freude war auf allen Empfängen und Begegnungen gegenwärtig. Da gab es keine Steifheiten und Reserviertheiten. Die Jugend in den Lagern und Schulen öffnete sich weit dieser religiösen Gehobenheit, so daß selbst Unwetter und regennasser Boden mit Gelassenheit hingenommen wurden.
Was kann man nicht alles um die heilige Messe herum ansiedeln. Der Eucharistische Weltkongreß war nicht allein die große Opferfeier am 7. August. Er war schon acht Tage vor der Eröffnung der Statio orbis am Mittwoch da. Da kamen schon die Vertreter vieler katholischer Organisationen aus der ganzen Welt und besprachen gemeinsam ihre Probleme der Erziehung, der Kultur, der Glaubensverbreitung, des Religionsunterrichtes und der sozialen und gesellschaftlichen Ordnung.
Wie früher die Katholikentage immer mit einer Vertretertagung begannen, so war jetzt auf einmal die weite katholische Welt da, um gemeinsam zu planen.
Es gibt also in der Kirche nicht nur die Einheit der Hierarchie; es gibt unter den Gläubigen der Völker die Gemeinsamkeit des Denkens und Fühlens. Man ist in der katholischen Kirche einig nicht nur von oben her, weil die Bischöfe in der Einheit mit Petrus leben, sondern die Kirche ist einig auch von unten her, weil der katholische Glaube um die heilige Eucharistie in den katholischen Völkern eine Gemeinsamkeit des Verstandes und des Herzens schafft.
Die 80 Sonderveranstaltungen und Begegnungen, meist international, wären nie möglich gewesen ohne diese Katholizität der Herzen.
Was hat sich doch im Eucharistischen Weltkongreß alles angesiedelt an Kundgebungen künstlerischer und religiöser Art, an Feiern und Spielen!
Wie es im Sport ein apres ski gibt, so hat es im katholischen Raum in anderer Weise immer schon ein "apres la messe" gegeben (ein "nach der Messe"). Auch unsere Dult- und Handelsmessen waren um die Kirche herum entstanden und im Anschluß an den Gang der Messe eröffnet.
Im Anschluß an die Eucharistiefeier ging der Kongreß, voran der Päpstliche Legat und die Kardinäle und Bischöfe, in die Krankenhäuser und in die Gefängnisse, weil eine ernste Eucharistiefeier die Liebe zu den Kranken und Schwachen und die Sorge um die Gefangenen mit einschließt.
Man feierte in 30 Pfarreien, und darüber hinaus in vier großen Sälen der Stadt, nach der Messe Agapen (Liebesmähler), wobei von Bischöfen und Kardinälen Wein und Brot gesegnet und persönlich als Zeichen der Tischgemeinschaft an alle ausgeteilt wurden. Man erinnerte sich, daß Christus das Geheimnis der Eucharistie während eines Mahles einsetzte. Hatte man denn nicht in Bayern bei Hochzeiten nach der Messe bis in unsere Zeit hinein geweihten Wein gereicht, und bei den Seelengottesdiensten an alle Opferteilnehmer Wecken Brotes gespendet.
Wieviele Ausstellungen – es sollen 18 gewesen sein – wurden bei diesem Kongreß gezeigt! Es waren vielleicht zu viele, aber man sage nicht, dies hätte mit der Feier der Hl. Eucharistie überhaupt nichts zu tun.
Christus ist uns im großen Mysterium Spender des Lebens, das für uns etwas Unteilbares ist. Vom Altare her soll auch alles irdische Leben geheiligt sein. Für den katholischen Christen ist die Hl. Eucharistie Zentralpunkt und alles andere "apres la messe" (Nach der Messe). So hatte der Eucharistische Weltkongreß eine Universalität. Nicht bloß wegen der Anwesenheit der Teilnehmer aus aller Welt, sondern auch wegen der Weite seines Inhaltes.
Der Eucharistische Kongreß hat gezeigt, daß es in der Kirche nichts Sektiererisches gibt, das sich nur auf einen schmalen Sektor des Lebens bezieht. Dieser Weltkongreß ist ein Zeugnis, daß die Kirche nicht bereit ist, auch nur einen einzigen Bezirk des Lebens dem Teufel zu überlassen.
Die sichtbare Repräsentation der Weltkirche in München braucht kaum mehr erwähnt werden. Sie war da in den Bischöfen und Gläubigen aus allen Kontinenten und von allen Riten. Sie war sichtbar da an allen Straßen und Plätzen, wo Pilger in allen Sprachen um Auskunft fragten.
Nie konnte München so stolz auf unsere heilige Kirche sein, wie in diesen Tagen.
So hoffen wir, daß alle Gläubigen, nachdem sie acht Tage das Antlitz unserer Weltkirche vor Augen gehabt haben, in der Treue und Liebe zu ihr zunehmen.
Foto: © Archiv
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