125 Jahre Michaelsbund
07.09.2026

Papst-Attentat 1981

In der Kirchenzeitung deutet Kardinal Ratzinger das Attentat auf Johannes Paul II. als Herausforderung für Glaube und Menschlichkeit.
    

Kurz nach den Schüssen auf Johannes Paul II. Der Papst überlebte schwer verletzt. Kurz nach den Schüssen auf Johannes Paul II. Der Papst überlebte schwer verletzt. Foto: © IMAGO/TT

Kurz nach dem Attentat auf Johannes Paul II. am 13. Mai 1981 auf dem Petersplatz in Rom erklärt Münchens Erzbischof Joseph Ratzinger die Tat im Interview mit der Münchener Katholischen Kirchenzeitung nicht politisch, sondern vor allem theologisch und moralisch. Für den Kardinal zeigt sich darin die „Realität des Bösen“ – zugleich fordert er, mit dem Guten zu antworten, die Würde des Menschen zu schützen und gemeinsame sittliche Werte zu stärken. Ratzinger plädiert dafür, in Zukunft mehr für die Sicherheit des Papstes bei öffentlichen Auftritten zu tun. Abschottung und Rückzug seien keine Optionen.
    

[inne]halten - das Magazin 19/2026

Himmlische Klänge

Wie Gläubige sich von Musik inspirieren lassen

Lesen Sie im [inne]halten-Magazin unseren Themenschwerpunkt und weitere Geschichten und Berichte aus dem kirchlichen Leben.

Das Böse ist keine Abstraktion

Einen Tag nach dem Attentat auf Papst Johannes Paul II. wußte Kardinal Joseph Ratzinger auch nicht viel mehr über den Zustand des schwerverletzten Papstes, als aus den Medien bekannt war. Die MKKZ bat ihn deshalb um eine erste Deutung und Wertung des entsetzlichen Vorgangs, mit dem die Welle der Gewalt eine letzte Schranke überschritten hat. Zwar wird, so der Kardinal, das Ereignis nicht ohne Folgen bleiben hinsichtlich der Sicherheitsmaßnahmen. Am Bemühen des Papstes, den Menschen nahe zu sein und nahe zu kommen wird es aber nichts ändern.

Zwei Dinge sind für Kardinal Ratzinger im Zusammenhang mit dem Attentat unübersehbar geworden:

● die Realität des Bösen und
● die Bedeutung der von der Kirche immer wieder geforderten allgemeinen Achtung menschlicher Grundwerte.

Mit dem Kardinal sprach MKKZ-Redakteur Karl Wagner.

MKKZ: Es hat schon verschiedene Attentatsversuche auf Päpste in der jüngsten Zeit gegeben. Der Versuch, Tat, Täter und Motive zu klären, bleiben weithin im Vordergründigen stecken. Muß man dahinter die oft verharmloste Realität des Bösen schlechthin sehen?

Kardinal Ratzinger: Zunächst muß man vorsichtig sein beim Urteil über einen Menschen, den wir nicht kennen. Und man muß hinzufügen, daß kein Mensch das Böse rein in sich wollen kann. Aber das alles kann in der Tat den Blick nicht dafür verstellen, daß in der zunehmenden Eskalation der Gewalt und in dem Zerbrechen der Ehrfurcht selbst vor Grenzen, die bisher weitgehend selbstverständlich waren, doch die sich steigernde Mächtigkeit des Bösen da ist. Ohne in einen Menschen hineinleuchten zu wollen, den wir nicht kennen, muß man wirklich sagen, daß uns in diesen Vorgängen der Ehrfurchtslosigkeit vor dem Menschen, der zunehmenden Brutalisierung und Gewalt wirklich das entgegentritt, was wir in der Kirche die Macht des Bösen nennen — als eine Realität, der wir uns stellen müssen und die wir nicht wegretuschieren können.

MKKZ: Es ist heute überdeutlich, daß Gewalt neue Gewalt erzeugt und zu einer Spirale der Gewalt führt. Wird aber umgekehrt am Schicksal dieses Papstes nicht auch deutlich, daß das Eintreten für das Gute, für die Menschlichkeit, das Böse herausfordert?

Kardinal Ratzinger: Das ist ohne Zweifel eine geschichtliche Erfahrung, die uns am deutlichsten in der Gestalt Jesu Christi entgegentritt. Dort, wo das Gute rein hervortritt, löst es erst recht die Wut des Bösen aus, das sich bloßgestellt fühlt und wehrt und dagegen behaupten möchte. Insofern muß man sich damit vertraut machen, daß die Selbstbehauptung des Bösen und seiner Macht erst recht hervorgerufen wird, wo das Gute hervortritt. Dennoch gibt es letztlich keine andere Überwindung des Bösen, als daß ihm immer wieder das Gute entgegengesetzt wird. Es wird deshalb immer wieder gefährlich sein, für das Gute einzutreten, das die Reaktion des Bösen hervorruft, muß es dennoch als die einzige Gegenwehr gegen das Böse mit aller Energie immer wieder neu gewagt werden.

MKKZ: Im liturgischen Raum der Kirche hat der Kreuzweg seinen festen Platz. Wird der Weg unter dem Kreuz hier konkret?

Kardinal Ratzinger: Man muß in der Tat sagen, daß der Bote des Evangeliums, des Friedens Christi eigentlich immer dieses Risiko des Widerstreits des Bösen auf sich nimmt und daß dieses Angefochtenwerden in der Tat eine Hineinnahme in das Kreuz ist. Wer sich in den Dienst des Evangeliums stellt, nimmt es auf sich.

MKKZ: Wie kaum einer vor ihm hat der jetzige Papst die doch auch schützenden Mauern des Vatikans verlassen, um den Menschen nahe zu kommen. Wird dieses Ereignis den Papst wieder mehr hinter die Mauern zwingen?

Kardinal Ratzinger: Die Nähe zu den Menschen wird der Papst sicher nicht preisgeben können.

● Es gehört ja gerade zum Amt des Hirten, daß er nicht in diplomatischer Vorsicht wirkt, sondern als Hirt auf die Menschen zugeht.

● Ob unbeschadet dieser notwendigen Unmittelbarkeit des obersten Priesters zu den Menschen gewisse Vorsichtsmaßnahmen verstärkt werden können, das ist eine andere Frage.

● Ich glaube, das muß man wirklich versuchen und als Grundgesetz davon ausgehen, daß die Direktheit zu den Menschen nicht aufgegeben werden kann.

Aber überlegen muß man unter dieser Grundvoraussetzung doch, was man mehr für die Sicherheit tun kann.

MKKZ: Vieles, was die Kirche über gemeinsame Grundwerte, Achtung vor der unantastbaren Würde des Menschen und gegen die Gewalt zu sagen pflegt, empfinden viele abstrakt. Deshalb wird es von vielen auch nicht sonderlich ernstgenommen. Verdeutlicht nicht dieses Ereignis, daß dort, wo solche gemeinsame Grundüberzeugungen fehlen, das Leben nicht mehr geschützt ist — daß umgekehrt solche Grundwerte besseren Schutz bieten als Polizei und Leibwächter, angefangen vom namenlosen ungeborenen Leben bis hin zu den höchsten Repräsentanten von Staat und Kirche?

Kardinal Ratzinger:
Ohne Zweifel ist es eine wesentliche Aufgabe der Kirche, um ein sittliches Niveau zu ringen, in dem der Mensch sicher ist. Polizeischutz ist sicher etwas wichtiges: Aber er wird ohnmächtig, wenn nicht der eigentliche sittliche Schutz da ist.

Der Papst selber hat ja seine ganze Lehrfunktion immer so aufgefaßt, daß er um diese Erziehung der Menschheit ringt, in der das innere Geschütztsein durch das Bewußtsein der Werte, durch den Rang des Sittlichen da ist; daß dieses Mühen um die Kraft des Sittlichen als den eigentlichen Schutz des Menschen die große Aufgabe ist, in der alle gesellschaftlichen Kräfte zusammenwirken müssen. Dies ist durch ein solches Ereignis erst wieder richtig deutlich geworden.

MKKZ: Damit ist bereits zum Teil die Frage nach der Reaktion der Christen auf das Geschehen vom 13. Mai gegeben. Was läßt sich darüber hinaus dazu sagen?

Kardinal Ratzinger: Bei so einem Ereignis bestürzt einen die eigene Ohnmacht immer wieder, daß man nichts tun kann. Wir sollten dann aber doch sehen, daß wir die Macht des Gebetes haben, durch die wir unsere Ohnmacht in die Macht Gottes hineingeben. Durch sie können wir einander gegenwärtig sein und einander dienen, wo die äußere Macht des Menschen versagt.

Foto: © Archiv

Foto: © Archiv
Paul Hasel
Artikel von Paul Hasel
Redakteur, Channel-Management