Joseph Ratzinger wird Erzbischof
1977 sprach Joseph Ratzinger über Last, Auftrag und Schwerpunkte seines neuen Amtes als Erzbischof von München und Freising.
Erzbischof Joseph Ratzinger leistet den Eid auf die Bayerische Verfassung im Beisein des damaligen Ministerpräsidenten Alfons Goppel. Foto: © IMAGO / Heinz Gebhardt
Kurz nach seiner Ernennung zum Erzbischof von München und Freising sprach Joseph Ratzinger 1977 mit der Münchener Katholischen Kirchenzeitung (MKKZ) über seine überraschende Berufung. Er bekannte, den Abschied von der Wissenschaft schweren Herzens anzutreten, sah den neuen Dienst aber zugleich mit Hoffnung. Als Schwerpunkte nannte er Priesternachwuchs, den Kontakt zum Klerus sowie Katechese und Glaubenserziehung in den Familien. Für eine Pointe sorgte eine Leserumfrage: Viele MKKZ-Leser hatten auf Ratzinger als neuen Erzbischof richtig getippt.
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Mit Hoffnung in den neuen Dienst
Am Tag nach der Bekanntgabe seiner Ernennung zum Erzbischof von München und Freising gab Professor Dr. Joseph Ratzinger in seiner bisherigen Wohnung in Pentling bei Regensburg der MKKZ ein erstes Interview. Darin äußerte er sich zu seiner Ernennung und gab erste Ausblicke auf den Stil seines künftigen bischöflichen Wirkens.
MKKZ: Bei den von Ihnen hochgeschätzten Kirchenvätern ist immer wieder von der Last des Bischofsamtes die Rede, die Ihnen auch aus Ihrer beratenden Tätigkeit aus der Gegenwart bestens vertraut ist. Was war Ihre erste Reaktion, als Ihnen der Vatikan die Übernahme des Bischofsamtes im Erzbistum von München und Freising antrug?
Professor Ratzinger: „Vor etwa 14 Tagen hat mich der Herr Nuntius besucht und mir eine Nacht und den nächsten Tag für die Entscheidung Zeit gelassen. Dann habe ich schweren Herzens ja gesagt. Vorher wußte ich nichts. Und ich war auch fest davon überzeugt, daß es mich nicht trifft. Deshalb war ich bestürzt und überrascht. Ich bin erschrocken, weil ich mich der theologischen Wissenschaft tief verbunden fühle und überzeugt bin, daß mich eine gewisse Berufung dorthin geführt hat. Ich glaubte, als Wissenschaftler mehr für die Kirche wirken zu können, als ich es vielleicht als Bischof zu tun vermag. Auf der anderen Seite habe ich mir die Dinge durch die Seele gehen lassen, mit einem Priester meines Vertrauens darüber gesprochen und mich durch mancherlei Erwägung dann doch durchgerungen. Als Priester muß man zuallererst Seelsorger sein. Ich habe an den hl. Augustinus gedacht, über den ich promoviert und viel geschrieben habe. Auch er wollte für sich ein solches Amt partout ablehnen. Er war überzeugt, daß er durch Wissenschaft der Kirche dienen kann und soll. Und dann ist es doch gutgegangen. – Ich bin weit davon entfernt, mich mit ihm auf eine Ebene zu stellen. Aber der Gedanke hat mich doch getröstet, daß ein solcher Übergang fruchtbar sein kann.“
MKKZ: Bischöfe pflegen ein Leitwort über ihr Wirken zu stellen. Wie wird das Motto des neuen Erzbischofs von München und Freising lauten? Welche Gedanken verbinden Sie damit?
Professor Ratzinger: „Für ein Motto habe ich mich noch nicht ganz entschieden. Es gibt verschiedene Worte der Schrift, mit denen ich sympathisiere. An der Spitze steht ein Wort aus den Petrus-Briefen ‚Cooperatores veritatis‘ – Mitarbeiter der Wahrheit zu sein. Dieses Wort erscheint mir aus zwei Gründen sachgemäß. Das Wort ‚cooperator‘ drückt aus, daß letzten Endes auch der Bischof ein ‚cooperator‘ bleibt – nicht ein Manager, nicht ein aus sich selbst allein bestimmender Chef, sondern Mitwirkender in einem Ganzen; einer, der etwas mitträgt, indem auch er getragen wird. Er lebt selber von Getragenwerden, so wie er andere zu tragen versucht. Dieser Dienstcharakter und das Hineingebundensein in die tragende Gemeinschaft der ganzen Kirche und seiner Mitarbeiter im ganzen Bistum – das wäre der eine Aspekt. Zum andern kommt darin der Begriff der Wahrheit vor, der in den letzten Jahrzehnten immer mehr in den Hintergrund getreten ist. Wir fangen ja alle irgendwie an, Skeptiker zu werden. Wir handeln im Grunde alle als Pragmatiker, die davon ausgehen, daß man im letzten die Wahrheit gar nicht weiß. Es scheint mir sehr gefährlich, wenn die Wahrheitsfrage gar nicht mehr ernstlich gestellt wird und sich Kirche nur noch als pragmatischer Verein verstehen würde. Dann würde für die Kirche ganz Entscheidendes verlorengehen und für die Humanität ein schwerwiegender Einbruch erfolgen. Deshalb sagt mir diese Verbindung sehr viel. Aber eine endgültige Entscheidung ist noch nicht gefallen.“
MKKZ: Ihre erste Seelsorgestelle nach einigen Wochen der Aushilfe in Moosach war Hl. Blut in München-Bogenhausen. Beim 40jährigen Priesterjubiläum von Pfarrer Johann Oberbauer vor zwei Jahren haben Sie dort im Blick auf die Last des seelsorglichen Dienstes Augustinus zitiert: „Ein Zugochse bin ich geworden“, aber gerade so dem Herrn nahe. Hat dieses Wort auch für Ihre neue Aufgabe Gültigkeit?
Professor Ratzinger: „Ganz uneingeschränkt ja; denn ich bin mir bewußt, daß ich jetzt versuchen muß, ein Zugochse zu sein, und daß ich ständig im Geschirr stehen werde; daß also die Muße der Wissenschaft mir nur noch in ganz beschränktem Maß zur Verfügung stehen wird und ich mich weitgehend in das Joch, in dieses Wagnis hineinstellen und versuchen muß, dabei gesammelt und dienend und auf diese Weise bei Gott und den Menschen zu sein.
Dabei entsteht für mich keineswegs ein pessimistischer oder tragischer Aspekt, als ob ich die Dinge nur als Last sehen würde. Ich habe das jetzt schon immer wieder erfahren, daß das Übernehmen einer Last auch reich und froh macht. Und ich bin überzeugt, daß es mir in der Hinsicht – bei allem Abstand – doch auch ähnlich wie dem hl. Augustinus sollte gehen können, der gerade in dem neuen Weg, den er angenommen hatte, heiter und froh geworden ist. Und ich glaube, daß Dienen zuletzt etwas Schönes ist, das auch Freude gibt.“
MKKZ: Sie waren ein begeisterter und begeisternder theologischer Lehrer. Jetzt müssen Sie die Kanzel vertauschen. Fällt Ihnen der Abschied schwer, oder überwiegt der Gewinn aus Ihrer wissenschaftlichen Arbeit für die neue Aufgabe?
Professor Ratzinger: „In vieler Hinsicht fällt mir der Abschied natürlich schwer, weil ich eine Aufgabe lasse, die ich kenne und liebe – und in eine hineintrete, die ich noch nicht kenne. Andererseits ist es ein großer und schöner Auftrag, meine Heimatdiözese zu leiten, in ihr zu ermutigen und die Antwort eines ganzen Bistums erfahren zu können. Insofern gehe ich auch mit Hoffnung hin in diesen neuen Dienst, den ich letztlich als einen seelsorglichen sehe, um auch die Freuden eines Seelsorgers erleben zu dürfen.
Obwohl die zwei Aufgaben – Lehrtätigkeit und Bischofsamt – verschieden sind, sehe ich darin keinen Gegensatz. Ich habe Theologie nie einfach im elfenbeinernen Turm gemacht, sondern immer bezogen auf Verkündigung, auf das Glaubenkönnen des Menschen. Insofern glaube ich schon, daß das Stehen in den Fragen der Zeit und im geistigen Ringen, als das ich Theologie immer betrieben habe, mir sehr helfen wird, jetzt die Aufgaben zu verstehen und Impulse für die Verkündigung vermitteln zu können.“
MKKZ: Das Freisinger Bistum ist Ihre Heimat und die Stätte Ihrer ersten Lehrtätigkeit. Als Nachfolger von Kardinal Döpfner kehren Sie jetzt in Ihr Heimatbistum zurück. Wo sehen Sie Ihre wichtigsten Aufgaben?
Professor Ratzinger: „Die allererste Aufgabe scheint mir zu sein, daß ich lerne. Ich will vor allem das erste Jahr benützen, um einfach den ganzen Umkreis der bischöflichen Aufgabe von innen her kennenzulernen, und insofern nicht voreilig Perspektiven des Amtes formulieren. Aber ich kann natürlich sagen, daß ich einige Schwerpunkte sehe, die auf jeden Fall wichtig sein werden.
● Der erste Schwerpunkt ist für mich die Frage des Priesternachwuchses, die ja gerade im Bistum München besonders drängend ist. Ich weiß, daß man eigentlich menschlich dafür sehr wenig tun kann. Man kann das ja nicht produzieren oder programmieren. Trotzdem scheint es mir einfach wichtig, diese Frage beharrlich als zentrale Aufgabe für die Zukunft der Kirche herauszustellen und es als einen Schwerpunkt allererster Ordnung ins Bewußtsein zu rücken und ständig vor Augen zu haben.
● Ein zweiter Schwerpunkt, der indirekt damit zusammenhängt, ist für mich der Kontakt mit dem Klerus. Der Bischof kann ja seiner Diözese nur dienen durch die Arbeit der Priester seines Bistums. Er ist auf sie angewiesen. Sie tragen sein Wollen und Wirken. So scheint es mir sehr wichtig, die Gemeinschaft des Presbyteriums zu pflegen, einander kennenzulernen, einander Vertrauen zu geben und offen aufeinander hin zu sein. Es ist mir eine Priorität von großem Gewicht, daß die Priester jederzeit zu mir kommen können, und ich umgekehrt meine Sorgen an die Priester herantragen kann. Ich kenne Gott sei Dank sehr viele Priester, weil viele durch die Freisinger Jahre meine Schüler geworden sind und ich umgekehrt in den sechs Jahren nach dem Krieg vielen ein Mitstudent gewesen bin.
● Ein dritter Schwerpunkt ist die Frage der Katechese und der Glaubenserziehung in der Familie. Ich habe den Eindruck, daß durch die Umbrüche des Konzils hier sehr viel ins Schwanken gekommen ist. Erneuerung war notwendig. Vieles mußte hier neu bedacht und geformt werden. Aber man muß auch sehen, daß in dieser Krise des Übergangs sehr viel Unsicherheit entstanden ist. In der Katechese fehlt es weithin an den nötigen Lehrmitteln. Die Katecheten fühlen sich etwas verlassen. Hier ist Hilfe zu geben, damit in einer dem Konzil gemäßen und zugleich für die jungen Menschen wegweisenden Form der Glaube der Kirche vermittelt werden kann.
● Und dann habe ich auch den Eindruck, daß der religiöse Mutterboden, den ja zuerst die Familie geben muß, damit überhaupt die Schule an etwas anknüpfen und etwas weiterführen kann, daß dieser Mutterboden auch nicht mehr mit der Selbstverständlichkeit lebt und am Werk ist, wie wir das früher voraussetzen durften. Die Profanierung und das Verschwinden des Religiösen durch die Lebensmuster, wie wir sie in den Massenmedien ständig vor Augen haben, reichen tief in katholische Familien hinein. Wir müssen sehr versuchen, wieder eine Selbstverständlichkeit religiöser Gewohnheiten zu gründen, die vom Emotionalen her das Leben mittragen, damit der Glaube einen Boden gewinnt.“
Die MKKZ-Leser wählten richtig
„Wer wird unser neuer Erzbischof?“, fragte die MKKZ im Oktober vergangenen Jahres ihre Leser. Nicht, um eine Pseudowahl zu veranstalten oder um das Geschehen auf eine Ebene zu ziehen, auf die es nicht hingehört. Sondern weil es sich – inzwischen – um eine Frage handelte, die alle Diözesanen interessiert. Kritik wurde damals laut, aber auch ein positives Echo – in Form von über 600 Leserzuschriften.
Die Redaktion hatte damals versprochen, diese Aktion unter strengster Geheimhaltung zu veranstalten. Deshalb kann auch nur soviel verraten werden: die MKKZ-Leser hatten die richtige Nase. Unter den richtigen Einsendungen wurden inzwischen die fünf Platzkarten für die Inthronisationsfeier unseres neuen Erzbischofs Dr. Joseph Ratzinger verlost. Professor Ratzinger gab uns die Zusage, wenn es irgend möglich sein sollte, die fünf Gewinner persönlich zu begrüßen.
Foto: © Archiv
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