Glaubenswelten
20.10.2026


Friedhofskultur im Wandel

Kino zwischen Gräbern

Von Popmusik bis Boulebahn: Die Friedhofskultur passt sich einer Gesellschaft an, die Abschied und Erinnerung zunehmend individuell gestaltet. Friedhöfe werden so immer mehr zu Orten des Lebens.

Friedhofsgärtner Uwe Pusback neben einem Bücherschrank, genannt Büchergruft, auf dem Friedhof Lauenburg. Friedhofsgärtner Uwe Pusback neben einem Bücherschrank, genannt Büchergruft, auf dem Friedhof Lauenburg. Foto: © Isabel Barragán/KNA

Drei ineinander verwinkelte Baumstämme ragen auf dem Michaelisfriedhof in Lüneburg in den Himmel. Daran hängt eine Schaukel, von der aus man zu den Häusern der Stadt blickt. Die Künstlerin Nina Heinzel schuf sie während der Corona-Pandemie, um etwas in den öffentlichen Raum zu bringen, „das Menschen aus ihrer alltäglichen Stimmung herausholt“, sagt sie. Am Friedhof begegne man Menschen in einer anderen Stimmung als im Alltag. Die Schaukel sollte etwas Unerwartetes sein.

Inzwischen sind rund um sie herum Urnengräber angelegt. Auch Erwachsene nutzen das Spielgerät. „Wenn sich Ältere nach dem Gebet am Grab auf die Schaukel setzen, dann rührt mich das besonders“, sagt Heinzel. „Das ist ein Moment der Schwerelosigkeit.“

Die Schaukel soll den Blick vom Boden zum Himmel wenden. „Wir stellen uns die Verstorbenen im Himmel vor, aber wir bestatten sie in der Erde“, erklärt die Künstlerin. Der Tod sei zwar kein schöner Moment, aber „trotzdem doch ein besonderer Moment, ein Endpunkt, den wir zelebrieren sollten“.
   

Himmelsschaukel auf dem Michaelisfriedhof in Lüneburg. Himmelsschaukel auf dem Michaelisfriedhof in Lüneburg. Foto: © Isabel Barragán/KNA

Nicht nur ein Ort stillen Gedenkens

Die Himmelsschaukel ist ein Beispiel von vielen für eine Friedhofskultur, die sich im Wandel befindet: Friedhöfe sind längst nicht mehr nur Orte der Bestattung und des stillen Gedenkens. Sie gewinnen immer mehr Bedeutung als Raum zur Begegnung. „Friedhöfe müssen für die Menschen da sein“, sagt Tobias Pehle, Geschäftsführer des Kuratoriums Immaterielles Erbe Friedhofskultur. „Nur wenn sie den Bedürfnissen und Wünschen der Menschen heute entsprechen, machen sie zeitgerechtes Trauern möglich.“

Wie sich Trauer verändert, zeigt sich schon bei Bestattungen. „Bei Beerdigungen benutzt man heute nicht nur das Gesangbuch. Man hört auch Popstücke“, sagt Pehle. Auch Sonnenblumen habe er schon bei Beerdigungen gesehen.

Friedhöfe seien zudem wichtige Natur- und Sozialräume. „Naturschutz und die Bewahrung der Schöpfung gehören zu den Kernthemen unserer Zeit“, betont der Experte. „Friedhöfe sind dazu sehr gut geeignet.“ Sie hätten außerdem eine soziale Funktion. „In der Trauer spielen sozialer Status oder Herkunft kaum eine Rolle“, sagt Pehle. „Das zeigt sich zum Beispiel bei Trauerfeiern. Diese stärken Gemeinschaft und einfühlsames Miteinander.“

Friedhofsgärtner Uwe Pusback neben der Boulebahn auf dem Friedhof Lauenburg. Friedhofsgärtner Uwe Pusback neben der Boulebahn auf dem Friedhof Lauenburg. Foto: © Isabel Barragán/KNA

Kapelle unter freiem Himmel

Wie Friedhöfe zu Orten der Begegnung werden können, zeigt sich auch in Lauenburg. Der Evangelische Friedhof hat während der Corona-Pandemie eine Kapelle unter freiem Himmel eingerichtet. Das Angebot kam gut an: Aus fünf Bänken wurden schnell mehr. Heute finden dort auch Lesungen und Taizé-Gottesdienste statt.

Der Friedhof hat auch ungewöhnliche Angebote geschaffen: Dazu gehört eine Boulebahn. Der gärtnerische Leiter Uwe Pusback nennt sie augenzwinkernd eine „Partnerbörse“, besonders für Menschen über 60. Manche hätten hier ihre Partner zu Grabe getragen und später beim Spielen einen neuen Menschen an ihrer Seite gefunden. Inzwischen gibt es eine zweite Boulebahn. Daneben stehen Fitnessgeräte.

Der Gute-Gedanken-Baum auf dem Friedhof Lauenburg. Der Gute-Gedanken-Baum auf dem Friedhof Lauenburg. Foto: © Isabel Barragán/KNA

Kräuterbeete und Streuobstwiese

Freie Flächen gestaltet die Friedhofsverwaltung neu: mit fünf Kräuterbeeten, einem geplanten Miniaturwald und einer Streuobstwiese mit seltenen Obstbäumen im Muslimischen Garten. In einem Holzschrank am Weg finden Besucher eine „Büchergruft“ mit vielversprechenden Titeln wie „Fahr zur Hölle“ oder „Lass Knochen sprechen“.

Besonders beliebt ist der Gute-Gedanken-Baum. Besucherinnen und Besucher hängen Zettel mit Wünschen und Gedanken an einen Apfelbaum. „Der hat noch nie Früchte getragen. Dafür viele gute Gedanken“, sagt Pusback. Die Zettel werden so rege genutzt, dass sie regelmäßig abgenommen werden müssen.

Dass Friedhöfe auch kulturelle Begegnungsorte sein können, zeigt Köln. Dort fand in diesem Jahr zum ersten Mal ein Friedhofskino statt. „120 Plätze, wir waren ausverkauft“, berichtet Lutz Pakendorf, Vorstand der Genossenschaft Kölner Friedhofsgärtner, die den Filmabend in der Trauerhalle des Westfriedhofs ausrichtete. Die Gärtner zeigten den Dokumentarfilm „Der Tod ist ein Arschloch“, in dem ein Berliner Bestatter bei seiner täglichen Arbeit begleitet wird.

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Wunsch nach Kultur

„Unser Kerngeschäft sind Dauergrabpflegeverträge. Das hier machen wir on top“, berichtet Pakendorf. Die Genossenschaft setzt damit einen Wunsch von Kölnern um, der sich in einer Öffentlichkeitsbeteiligung im Jahr 2019 herauskristallisierte. Demnach wünschen sich Menschen auch kulturelle Veranstaltungen in Trauerhallen auf den insgesamt 55 städtischen Friedhöfen. Möglichst ruhig allerdings, in kleinerem Umfang, und am besten thematisch passend.

„Wir wollen das auf jeden Fall wiederholen. Es muss nicht unbedingt eine Filmvorführung sein, auch Podiumsdiskussionen oder Lesungen sind möglich“, so der Genossenschaftsvorstand. Friedhöfe seien für ihn Kleinode: „Sie sind uns Gärtnern lieb und teuer“, erklärt Pakendorf. Auch andere Menschen sollten Friedhöfe über solche Angebote überhaupt kennenlernen – und schätzen.

Neue Angebote passen nicht zu jedem Friedhof. „Die Friedhofskultur in den Alpen sieht völlig anders aus als an der Nordsee. Ein historischer Friedhof hat andere Herausforderungen als einer, der in den 1960er Jahren angelegt wurde“, sagt Pehle. „Kein Friedhof ist wie der andere.“

Isabel Barragán und Hannah Schmitz

KNA
Artikel von KNA
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