Glaubenswelten
04.06.2026

„Of One Blood” – Maria Stuart und
Elizabeth I. in der Bayerischen Staatsoper 

Nicht nur Politik und Intrigen: Brett Deans Oper „Of One Blood“ zeigt die Gefühle und Glaubenswelten der beiden Herrscherinnen Maria Stuart und Elizabeth I. Jetzt ist das Stück auf der Bühne der Bayerischen Staatsoper zu sehen.  
    

Das Bühnenbild besticht durch eine Zweiteilung: links Elzabeth, rechts Maria.  Das Bühnenbild besticht durch eine Zweiteilung: links Elzabeth, rechts Maria. Foto: © C. M. Ritterhaus

Ein starkes Bild gleich zu Beginn dieser mit Spannung erwarteten Uraufführung: In einem Mausoleum stehen auf hohen Sarkophagen die marmornen Liegefiguren der beiden historischen Herrscherinnen Maria Stuart, Königin von Schottland, und Elizabeth I., Königin von England, einander gegenüber – wie in der Westminster Abbey tatsächlich auch im Tod vereint. Darüber hängt auf der Bühne in der Mitte ein schwarzer, gotischer Thronbaldachin, der direkt in das historische Drama des 16. Jahrhunderts führt.

Zwei Königinnen: Ein Briefwechsel
als Ausgangspunkt

Begleitet wird diese Szene von sirrenden, brummenden Geräuschen, während ein technischer, knallroter Apparat den Sarkophag der Maria öffnet. Das Ganze unterlegt vom Kratzen einer Schreibfeder auf Pergament, deren geschriebene Worte man als Projektion mitlesen kann: „Meine Dame, meine liebe Schwester und Cousine, ich bin eure nächste Verwandte; wir stammen beide aus demselben Land, von derselben Insel und sind vom selben Blut." Dieser Text stammt aus dem ersten Brief von Maria Stuart an Elizabeth I. Und darauf bezieht sich auch der Titel der Oper.

Die spannungsgeladene Beziehung zwischen beiden blutsverwandten Frauen ist der Ausgangspunkt dieser Uraufführung: Beide gelangen zur selben Zeit in einer von Männern dominierten Welt in Machtpositionen und erheben beide Anspruch auf den englischen Thron. Dass Maria Stuart Katholikin und Elizabeth Tudor Protestantin war, befeuerte diese Polarisierung noch. Für das Libretto hat Heather Betts, die Ehefrau des Komponisten, fast ausschließlich historische Dokumente verwendet.

Klangwelten zwischen Renaissance und Moderne 

Für die Partitur greift der 64-jährige Komponist Brett Dean auf sämtliche Register eines großen modernen Orchesters mit zahlreichen Schlagzeugen zurück und ergänzt den fast hypnotischen Klang noch durch die Einspielungen vorproduzierter Tonaufnahmen, teilweise elektronisch verfremdet. Darüber hinaus zitiert er Renaissance-Musik und Choralgesang aus jener Zeit.

Mehr als eine Nacherzählung  

Diese Oper will aber keine historische Geschichte nacherzählen: In zwei Akten greift sie schlaglichtartige Minidramen aus der bekannten Handlung heraus, die sie szenisch verdichtet, auch durch die Musik.

Gleich die erste Szene gibt die Richtung vor: Die fünf Hofdamen singen Zitate aus Marias Gedicht, das sie am Vorabend ihrer Hinrichtung schrieb, da-nach singt der Chor aus dem Off eine lateinische Messe aus der Tudor-Zeit: „O Gott, mein Gebieter, ich hoffe auf dich, O Jesu, mein Geliebter, nun rette du mich! Im harten Gefängnis, in schlimmer Bedrängnis, ersehne ich dich.“ 

Im Laufe der folgenden Szenen verstrickt sich Maria immer mehr in Intrigen, bis sie aus Schottland vertrieben wird und nach England flieht. Sie hofft darauf, Elizabeth werde ihr Asyl gewähren – doch sie irrt sich: Sie wird von englischen Soldaten verhaftet und verbringt die nächsten 19 Jahre im Gefängnis. 

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Glaube, Macht und ein Todesurteil  

Beide, Maria und Elizabeth, erheben Anspruch auf die englische Krone, immer wieder. In ihrer Verzweiflung stimmt Maria einem katholischen Komplott zu, das ihre Flucht und die Ermordung der englischen Königin vorsieht. Ihr Brief wird abgefangen und Elizabeth ist am Boden zerstört, dass Maria nun wegen Hochverrats angeklagt werden muss.

Maria wird vor Gericht gestellt und argumentiert, dass nur Gott über sie richten dürfe: „Zwei Dinge könnt ihr mir nicht nehmen: mein königliches Blut und meine katholische Religion, meinen Glauben, der mich nährt.“ Sie wird aber zum Tode verurteilt. Mit einem lateinischen Gebet auf den Lippen wird Maria hingerichtet. Beide Königinnen berufen sich auf ihren Glauben an Gott und halten daran fest, dass sie moralisch im Recht sind, koste es, was es wolle – und sei es das Leben. Auch Elizabeth argumentiert: „Meine Geburt vor Gott war rechtmäßig. Ich bin Gottes Geschöpf, in dieses Amt eingesetzt. Da Gott Könige ge-schaffen hat, sollten sie ihre Autorität nicht aufgeben.“ 

Starke Frauenfiguren – menschlich, nah, emotional 

Allein diese Geschichte ist schon so spannend wie ein Krimi – und die aufregende Musik verstärkt diese dichte Atmosphäre noch. Sie bebildert weniger das Geschehen, sondern legt mehr die Emotionen der Protagonistinnen und ihre seelischen Prozesse frei. Der Komponist schafft es mit seiner Musik, eine überlieferte Geschichte mit emotionalen Inhalten zu füllen und sie aus heutiger Sicht nachvollziehbar zu machen.

Stimmlich und darstellerisch sind die beiden Sängerinnen Johanni van Oostrum (Elizabeth) und Vera-Lotte Boecker (Maria) eine Sensation. Die eine kalt und berechnend, die andere von ihren Emotionen gebeutelt, die Realitäten verkennend – aber beide auch mutig, verletzlich, voller Zweifel und Ängste. Und insofern topaktuelle Vertreterinnen ihres Geschlechts, als sie sich in einer ausschließlich von Männern dominierten Welt behaupten und durchsetzen müssen.

Geteiltes Bühnenbild: Beziehung ohne Dialog

Maria und Elizabeth stehen einander gegenüber, ohne sich je zu begegnen. Das versinnbildlicht auch die in zwei Hälften aufgeteilte Bühne: im kalten Licht die Welt Elizabeths, im warmen Licht die von Maria. Was sie voneinander wissen, entsteht aus der Distanz, aus Briefen, Berichten und Gerüchten. Jede reagiert auf das Bild der anderen, das sie von ihr hat, nicht auf die Person selbst. Beide sind gleichwertige Herrscherinnen auf der Bühne und in ihrer Zeit, die sich gegenseitig spiegeln.

Die beiden Königinnen treffen sich nie persönlich, sondern kommunizieren über Briefe. Die beiden Königinnen treffen sich nie persönlich, sondern kommunizieren über Briefe. Foto: © C. M. Rittershaus.

„Wie im Versuchslabor“ –
Historie zeitgemäß inszeniert

Dem werden nicht nur das schlüssige Bühnenbild (von Étienne Pluss) und die stimmigen Kostüme (von Ursula Kudrna) mehr als gerecht. Absolut überzeugend und kongenial umgesetzt ist dieser Opernstoff vor allem von Regisseur Claus Guth. Dabei greift er zu einem Trick: Er lässt die acht Szenen in einem klinisch weißen und aseptischen Versuchslabor spielen. So wirkt das Ganze wie ein Test, ob die Geschichte(n) von damals noch zeitgemäß verstanden und interpretiert werden können: die Mechanismen von Macht, die Projektion auf andere Menschen oder Entscheidungen treffen zu müssen in einer Zeit der totalen Unsicherheit – all das gilt heute noch genau-so wie damals.

Staatsorchester unter Jurowski

Höchstes Niveau beweist auch der Münchner Generalmusikdirektor Vladimir Jurowski mit seinem Staatsorchester. Unter seiner Leitung spielt nun das Orchester mal rauschhaft ekstatisch, mal pianissimo-zart, aber immer höchst präzise. Ein absolut fesselnder Opernabend, der noch lange in einem nachhallt und den man nicht so schnell vergisst.

Karl Honorat Prestele 

Weitere Aufführungen von „Of One Blood“ an der Bayerischen Staatsoper finden am 27.6., 29.6., 3.10., 8.10. und am 11.10. statt.