Jürgen Klopp – ein Heiland?
Am 24. September steht Jürgen Klopp erstmals als Fußball-Bundestrainer der Männer an der Seitenlinie. Eine Biografie zeigt: Glaube spielt für ihn eine große Rolle. Auch er selbst gilt mitunter als eine Art Heiland.
Jürgen Klopp in Aktion als Trainer des FC Liverpool in der englischen Premier League. Foto: © IMAGO / Shutterstock
Sondereditionen gibt es in der Welt der Fußball-Fanartikel zuhauf. Ein Sondertrikot hier, signierte Schuhe dort. Eine Ausnahme bildet ein Relikt aus 2017: eine Luther-Bibel in der Jürgen-Klopp-Edition.
Auf dem roten Schuber, in dem sich das Buch befindet und den Klopp selbst gestaltet hat, prangt sein Credo: „Als evangelischem Christen ist mir Martin Luther natürlich ein Vorbild.“ Und weiter: „Der liebende Gott, an den ich glaube, bei dem sind alle willkommen, ungeachtet ihrer Hautfarbe, ihrer Herkunft und ihrer Bildung.“
Dass der frisch gebackene Bundestrainer ein gläubiger Christ ist, ist bekannt. Doch die Biografie „Glaube, Liebe, Klopp“, die pünktlich zum neuen Job bei Bertelsmann erschienen ist, rückt die Religion als Leitmotiv in Klopps Leben und sportlicher Karriere in den Vordergrund. Ein Motiv, das in der öffentlichen und medialen Wahrnehmung nicht immer in dieser Deutlichkeit behandelt worden sei, berichtet der Journalist und Autor des Buches, Michael Horeni.
Glaube als roter Faden Klopps
„Auch wenn in dem ein oder anderen Interview Klopps Glaube mal angesprochen wurde, erfährt dieser in der Biografie eine Verdichtung“, sagt Horeni. Für die Biografie hat er nicht selbst mit Klopp gesprochen, dafür aber mit verschiedenen Weggefährtinnen und Weggefährten des Fußballtrainers. Dazu komme viel Archivarbeit, wie Horeni sagt – Interviews auswerten, Bücher lesen, zusammentragen. Dabei wird deutlich: Religion ist ein stets wiederkehrender roter Faden in Klopps Leben.
Den Glauben bekommt Klopp, aufgewachsen im Schwarzwald, schon als Kind in die Wiege gelegt. „Ein christliches Leben ist für die Familie Klopp so normal wie für die anderen im Dorf“, ist in der Biografie zu lesen. Religion fungierte zuweilen auch als Erziehungsmethode für den jungen Jürgen. Bei Streitigkeiten habe seine Mutter ihm mit den „zwei Instanzen“ gedroht, die das Leben bestimmten, heißt es im Buch – seinem Vater und Gott.
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Klopp hadert lange mit Gottesbild
Mit der Vorstellung eines strafenden Gottes habe sich Klopp ernsthaft auseinandergesetzt. „Ich bin manchmal mit schlechtem Gewissen durch die Gegend gelaufen und habe lange gebraucht, bis ich mich von diesem Gottesbild der Strafinstanz verabschiedet habe“, wird er in der Biografie zitiert.
Auch später als Spieler bleibt er dem Christentum verbunden. „Der Besuch des Gottesdienstes geht Klopp so in Fleisch und Blut über, dass er später als Profi überlegt, wie er das sonntags regeln kann, wenn in dieser Zeit das Auslaufen auf dem Trainingsplan steht“, schreibt Horeni.
Durch seinen Glauben habe Klopp auch noch heute andere Zugänge in der täglichen Arbeit, sagt Horeni: „Zum einen macht er sich nicht so viele Gedanken darüber, was andere Menschen denken oder sagen, weil das eben nicht die letzte Instanz ist. Die letzte Instanz ist der Glaube.“ Zum anderen sehe und behandle Klopp die Menschen aus einer christlichen Perspektive. „Nämlich als Menschen, nie nur als Spielermaterial.“
Jürgen Klopp als Heiland für die Fans?
Dass der Trainer Jürgen Klopp selbst vom Gläubigen zu einer Art Heiland für viele Fans wird, wird gleich auf den ersten Seiten der Biografie deutlich. Durch einen kurzen, prägnanten Schreibstil beschreibt Horeni im Buch atmosphärisch Klopps Abschied als Trainer des FC Liverpool auf dem damaligen Gipfel des Erfolgs, als ihn die Fans buchstäblich anhimmelten. So drängen sich indirekt Fragen auf – Fragen nach Fußball als einer Art Ersatzreligion.
„Von den Gesängen bis zu den Ritualen und ikonischen Bildern kommt der Fußball in der Tat einer Ersatzreligion gleich“, sagt Horeni. „Es gibt eine Überidentifikation mit dem Fußball, auch mit einzelnen Personen wie eben Klopp. Dass das so ist, kann auch an unserer stark säkularen Gesellschaft liegen, in der die Kirche keine allzu große Rolle spielt.“
Klopps Wechsel zu Red Bull
Doch dieses Bild von Klopp als Heiland und Galionsfigur des traditionellen, antikapitalistischen und romantischen Fußballs bekam mit seinem Wechsel zu Red Bull mehr als nur Risse. Dass Klopp ausgerechnet zu einem überkommerzialisierten Fußballprojekt eines Energydrink-Produzenten wechselte, nahmen ihm viele Fans übel. Wenn man so will, hat Klopp viele Fans in ihrem Glauben erschüttert. Änderte Klopp einst seinerseits sein Gottesbild, taten es jetzt seine (ehemaligen) Fans.
Ähnlich zum Glauben tut sich an dieser Stelle eine Kernfrage auf: Warum? „Das hat sicherlich wieder mit der letzten Instanz zu tun“, sagt Horeni. „Er ist zwar der Kloppo von Mainz, Dortmund und Liverpool. Aber eben auch der Klopp von Red Bull, und da macht er sich von der öffentlichen Meinung unabhängig, da es nicht die Instanz ist, vor der er sich verantworten muss.“
Auch sei Klopps Auswahl an möglichen Posten limitierter gewesen, als viele annehmen würden. „In England hat er nach Liverpool die Arbeit bei einem anderen Verein dort ausgeschlossen, in Deutschland wäre Bayern auch eine umstrittene Wahl gewesen“, sagt Horeni. „In Spanien wären Real Madrid und Barcelona in Frage gekommen – da hätte er aber wenig Entwicklungsmöglichkeiten gehabt und hätte die Sprache neu lernen müssen.“
Aufbruch als neuer Bundestrainer
Generell sei Klopp auch nach dem Wechsel zu Red Bull bei vielen Fans weiterhin beliebt. „Ich würde schon einen Unterschied machen zwischen öffentlicher Meinung und veröffentlichter Meinung“, sagt Horeni. „Eine Umfrage von Stern und n-tv hat kurz nach dem Wechsel gezeigt, dass ihn 78 Prozent noch sympathisch bis sehr sympathisch finden.“
Womöglich kann Klopp durch Erfolge mit seinem neuen Posten als Bundestrainer diese Quote weiter nach oben drehen. Zumindest Horeni zeigt sich überzeugt, dass Klopp der richtige Trainer für das deutsche Nationalteam der Männer ist. „Ich bin mir sicher, dass wir in vier Jahren eine bessere Nationalmannschaft haben werden. Und auch, dass sich die Leute wieder stärker mit ihr identifizieren werden.“ So wird Klopp vielleicht bald ein zweites Mal zum „Heiland“ – die erste Kostprobe gibt es am 24. September gegen die Niederlande.
Daniel Zander



