Glaubenswelten
14.10.2025


Als Priesterin in der altkatholischen Kirche

Dem Herzen folgen

Aufgewachsen in Bayern, führte Hannah Audeberts Lebensweg vom Kamerun über Marokko bis in die Schweiz. Mit 52 Jahren wechselte die Theologin von der römisch-katholischen in die christkatholische Kirche, um ihrem Herzenswunsch zu folgen und Priesterin zu werden.
    

Hannah Audebert als Priesterin, Hannah Audebert als Priesterin, Foto: © privat

Lange war Hannah Audebert auf der Suche nach ihrem Platz im Leben. „In jeder Etappe habe ich auch etwas gefunden, beziehungsweise etwas hat mich gefunden. Und ich habe mich mehr in mir selbst und Gott verankert“, erzählt sie. Doch in Bezug auf die Kirche fühlt sie sich erst heute so richtig angekommen.  

Inmitten einer neunköpfigen Familie in Niederbayern groß zu werden erforderte, sich schon als Kind Rückzugsorte zu schaffen. Hannah Audebert zog sich einerseits in ein Waldstück zurück – „Da kannte ich jeden Baum“ – und andererseits in die Kirche. „Ich liebte es, darin zu sitzen, zu schauen und zu beten.“ Nach der Erstkommunion ging sie immer wieder heimlich nach vorne zum Altar und betete das Hochgebet, so wie sie es verstanden hatte.

Die Geschwister Audebert: Fritz, Heiner, Max, Franz, Hannah, Ursel und Johannes, Die Geschwister Audebert: Fritz, Heiner, Max, Franz, Hannah, Ursel und Johannes, Foto: © privat
Doch ihr kindlicher Glaube kam ins Wanken, als sie mit 12 Jahren ihren besten Freund durch einen Hirntumor verlor. „Da merkte ich zum ersten Mal: Beten funktioniert nicht so, wie ich mir das als Kind vorgestellt hatte.“ Dennoch wuchs in ihr ein unverbrüchliches Vertrauen, „dass es eine göttliche Liebe gibt, die alles trägt und auffängt.“ 

„Was willst du denn als Frau in der Kirche?“ 

Schreinerin, Gärtnerin oder Sozialpädagogin – Hannah Audebert interessierte sich für verschiedenste Berufe. Weil sie in der Pfarrei eine engagierte Jugendarbeit erlebt hatte, kam auch Religionspädagogin für sie in Frage. Ihr Religionslehrer meinte dazu: „Wenn, dann studiere Theologie im Vollstudium.“ Die Reaktion ihrer Eltern? „Nee. Du kannst alles studieren außer Theologie. Was willst du denn als Frau in der Kirche?“ 

Frauen dürfen nämlich in der römisch-katholischen Kirche bis heute keine Priesterinnen werden. Ihre Eltern wollten sie wohl vor Verletzungen schützen, mutmaßt Audebert heute. Denn diese hatten ihren Frust miterlebt, dass sie als Kind nicht ministrieren durfte – bis in die 1980er war auch das für Mädchen verboten.  

Offiziell studierte Hannah Audebert also Lehramt für Gymnasium in den Fächern Deutsch, Französisch und Religion – und  ohne dass ihre Eltern davon wussten, studierte sie nebenbei ihr Herzensfach Theologie.

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Traumberuf: Priesterin

Wann wurde ihr klar, dass sie Priesterin werden möchte? „Immer und immer wieder“, antwortet Hannah Audebert. Nach dem Studium ging sie für ein Jahr nach Kamerun, wo sie Klerikalismus, aber auch Ordensschwestern erlebte, die sich tapfer für eine gerechtere Gesellschaft einsetzten.  

„Wie ein Fisch im Wasser“ fühlte sie sich in der anschließenden Ausbildung zur Seelsorgerin/Pastoralreferentin in der Diözese München-Freising. Egal, ob sie Kindergottesdienste gestaltete oder Sterbende begleitete, es sei wunderbar, mit Menschen unterwegs zu sein, schwärmt Hannah Audebert. Doch mitten in der Ausbildung kam die Weisung aus Rom, dass nur Priester und Diakone im Gottesdienst predigen oder liturgische Gewänder tragen dürfen. „Das hat mich sehr tief getroffen.“

Heilmittel gegen die Verbitterung

Um nicht zu verbittern, ging Hannah Audebert wie schon als Kind viel in die Natur, suchte die Stille – und entschied sich schließlich, statt Pastoralreferentin Ordensfrau zu werden. Im Jahr 1999 trat sie bei der Gemeinschaft der sogenannten Kleinen Schwestern Jesu ein. Sie lebte in kleinen Gruppen mit zwei bis drei anderen Schwestern und arbeitete: 

    als Postbotin in Hannover 

    als Wäscherin in Marokko 

    als Küchenhilfe und Reinigungskraft in Berlin und Klagenfurt 

Hannah Audebert bei Nomaden in Marokko, z.V.g. Hannah Audebert bei Nomaden in Marokko, z.V.g. Foto: © privat

Sie hatte Freude am einfachen Leben, an der Freundschaft mit Gott und mit Menschen am Rande der Gesellschaft – und doch merkte sie in sieben Jahren Ordensleben immer wieder: „Es ist der priesterliche Dienst, zu dem mich Jesus zieht.“  Schließlich begann ihr Innenohr zu eitern, und sie verlor einen Teil ihres Gehörs. „Mein Arzt fragte mich, ob es etwas gibt, was er nicht wisse. Ich antwortete, dass ich da wohl auf etwas nicht hören will. Er schmunzelte und meinte: Schwester, dann bin ich der falsche Ansprechpartner.“ 

Audebert verließ den Orden und arbeitete 15 Jahre als Lehrerin und Schulpsychologin in Bayern. Trotz vieler glücklicher Momente meldete sich eine innere Überzeugung jedes Mal in der Stille, etwa in den Ferien oder am Sonntagabend, zurück:

„Das ist aber nicht deine Berufung.“ 

Die Deutschlehrerin vergleicht ihr damaliges Leben mit einem Aufsatz, der zwar wunderschön geschrieben ist - aber das Thema verfehlt. 

Dann kam die Corona-Pandemie, und Online-Konferenzen wurden populär. Die Benediktinerin Sr. Philippa Rath kontaktierte und vernetzte Frauen, die wie Hannah Audebert Priesterinnen werden wollten. Daraus entstand das Buch: „Weil Gott es so will. Frauen erzählen von ihrer Berufung zur Diakonin und Priesterin.“ Durch die Gespräche mit den anderen Frauen meldete sich ihre mittlerweile fast verstummte Sehnsucht nach einem kirchlichen Engagement zurück.

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Schritt für Schritt zur Seelsorgerin in der Schweiz

Um Klarheit zu bekommen, ging Hannah Audebert auf den Jakobsweg. „Beim Pilgern laufen sich Gedankengänge Schritt für Schritt ein und sprudelnde Gedanken können zur Ruhe kommen“, beschreibt sie ihre Faszination für das langsame Unterwegssein.  

Auf ihrem Pilgerweg kam sie in St. Gallen in der Ostschweiz vorbei, nahm spontan an einem Gottesdienst in der Kathedrale teil – und staunte über die Predigt: „Der Diakon sprach darüber, dass viele Menschen aus der Kirche austreten, weil sie die Geduld verlieren. Er bezeichnete es als Skandal, dass Frauen und verheiratete Männer keine Möglichkeit haben, den vollen Dienst als Priester auszuüben – und der Bischof nickte dazu!“ Sie habe sich sofort angesprochen gefühlt, als der Diakon erzählte, dass viele Stellen in den Kirchgemeinden unbesetzt seien.

Hannah Audebert beim Pilgern, Hannah Audebert beim Pilgern, Foto: © privat
2021 zog Hannah Audebert in die Ostschweiz und arbeitete dort als Seelsorgerin unter anderem in Pfarreien und in einer Klinik. „Menschen zuzuhören und sie in schwierigen Situationen zu begleiten, das ist Seelsorge pur“, schwärmt sie. Doch obwohl sie als Frau in der Diözese St. Gallen viel Gestaltungsmöglichkeit hatte und sie beispielsweise auch predigen durfte, konnte sie mit den Einschränkungen und Strukturen der römisch-katholischen Kirche immer weniger umgehen. Denn Priesterin konnte sie immer noch nicht werden. 

„Ich merkte: Meine Berufung ist etwas zu Ernstes, als dass ich sie immer wieder übergehe.“ 
Die Wut, die sie darüber verspürte, wollte sie nicht länger unterdrücken, sondern als konstruktive Kraft nutzen. 

Eine Mauer überspringen 

Ihren Übertritt zur christkatholischen Kirche, wie die alt-katholische Kirche in der Schweiz genannt wird, beschreibt sie so: „Ich habe lange genug an den Kirchenmauern der römisch-katholischen Kirche gesessen, gestürmt und gehofft. Doch irgendwann habe ich gemerkt, wie es im Psalm 18 heißt: Eine Mauer kann ich auch – mit Gott – überspringen.“ In der christkatholischen Kirche, in der die erste Frau im Jahr 2000 zur Priesterin geweiht worden war, fühle sie sich angekommen.

Hannah Audebert am Tag ihrer Priesterinnenweihe, Hannah Audebert am Tag ihrer Priesterinnenweihe, Foto: © privat
Durch ein Zusatzstudium, Gespräche mit ihrer Mentorin und ihrem Bischof sowie Tage der Stille bereitete sie sich gewissenhaft vor: Am 9. November 2024 wurde sie zur Diakonin und am 16. August 2025 zur Priesterin geweiht. „Es lag eine erlöste, heitere und freie Stimmung in der Luft – einfach herrlich!“, erzählt sie mit einem Lächeln. Ihre Mutter, ihre Wegbegleiter und Freundinnen aus vielen Jahren und verschiedenen Konfessionen feierten mit ihr. Einige hatten Tränen in den Augen. „Für viele war es das erste Mal, dass sie die Weihe einer Frau miterlebten“, erzählt Hannah Audebert.  

Dankbar blickt Hannah Audebert auf ihr bisheriges Leben zurück. „Es war nicht umsonst – dieser Satz trägt mich.“ Nicht umsonst, dass sie sich mit Sprache beschäftigte, als kleine Schwester das Leben am Rand der Gesellschaft kennenlernte, als Lehrerin Verantwortung übernahm und als Psychologin lernte, vieles Menschliche zu verstehen. Als Priesterin liebt sie es, zu taufen und zu beerdigen, Menschen zu besuchen, Kranke zu salben und Eucharistie zu feiern. 

Tipps für Herzensentscheidungen 

Was rät Hannah Audebert Menschen, die vor Lebensentscheidungen stehen und ihrem Herzen folgen wollen? „Hör gut zu: Was will in dir leben? Was soll von dir bleiben?“, sagt sie. Auch den eigenen Ängsten solle man zuhören, ihnen aber nicht die Macht geben. Auch sei wichtig: Das Gespräch mit anderen Menschen, ein Realitätscheck, eine Prise Humor und „in allem das Vertrauen zu pflegen“. 

Für Veränderung ist man übrigens nie zu alt. Denn in jedem Leben gäbe es einen nächsten wichtigen Schritt, der gegangen werden will und für den man etwas wagen muss, ist die mittlerweile 54-Jährige überzeugt. „Manchmal braucht es lange, bis die richtige Zeit für etwas gekommen ist. Meine biblische Namenspatronin Hannah wurde 84 Jahre alt, bis sie das Jesuskind im Tempel sah und sagen konnte: Jetzt habe ich meinen Lebenssinn gefunden.“ In diesem Sinn ermutigt Hannah Audebert dazu, eine gute Mischung zu finden zwischen „Geduld und Ungeduld; Wut und Mut; zuhören und einfach mal ausprobieren“.
Zum Nachhören
Ines Schaberger
Artikel von Ines Schaberger
Journalistin und Theologin
Jahrgang 1993, ist Pilgerseelsorgerin in St. Gallen und Gastgeberin des Podcasts „fadegrad“ mit inspirierenden Lebensgeschichten.