100 Jahre Martha Lichtenstern: Warum Familie für sie heute Halt statt Härte bedeutet
Kein Strom, kein fließendes Wasser, eine lieblose Mutter und die Schrecken des Krieges: Martha Lichtenstern aus Donauwörth blickt anlässlich des Internationalen Tags der Familie am 15. Mai auf ein bewegtes Jahrhundert zurück. Die 100-Jährige erzählt, wie sie trotz harter Kindheit und Verlusten Zufriedenheit fand.
Die 100-jährige Martha Lichtenstern in ihrem Garten in Donauwörth. Foto: © Christopher Beschnitt/KNA
Kein Strom, kein fließendes Wasser - Martha Lichtenstern wurde noch in eine andere Welt geboren. Im März 1926 war das, vor 100 Jahren also. Zur Welt kam sie auf einem Bauernhof am Rande Donauwörths. Bis heute wohnt sie in der Stadt in Bayerisch-Schwaben. Zum Internationalen Tag der Familie am 15. Mai blickt sie zurück auf eine harte Kindheit, auf eine große Liebe, auf Schicksalsschläge. Ihrem 10-jährigen Ich würde sie wohl sagen: Es wird besser werden. Und damit nicht nur Strom und Wasser meinen.
Martha Lichtenstern sitzt am Esstisch in ihrer Küche. Hinter ihr an der Wand braune Fliesen aus lang vergangenen Jahrzehnten, im Winkel über der Eckbank ein schlichtes, kleines Holzkreuz. Alles hier wirkt einfach. Reich ist Martha Lichtenstern dennoch, reich an Erfahrung und reich an Frohmut und Zufriedenheit.
„Lichtenstern – bei dem Namen
muss man leuchten!“
„'Wenn mir jeden Tag ein Pfennig bleibt, bin ich nicht arm', hat mein Vater immer gesagt", erzählt die Dame und lächelt. In ihr Gesicht haben sich all die Jahrzehnte eingegraben, natürlich. Doch sie trägt weder Brille noch Hörgerät, ihr Blick ist geradezu jugendlich, sie strahlt. „Lichtenstern", sagt sie, "bei dem Namen muss man doch leuchten!"
Während dieser ersten Sätze ist noch ihr Händedruck von der Begrüßung zu spüren. Richtig fest war der. Vielleicht so fest wie damals, als sie als Mädchen einmal die Zügel eines Pferdes halten musste, das ihr bei einem Ausritt in die Donau springen wollte.
Solche Geschichten berichtet Martha Lichtenstern von ihrem Aufwachsen auf dem Bauernhof. Auch, wie sie die Kühe im Sommer kilometerweit zum Saufen zum Fluss treiben musste, weil der Bach beim Hof ausgetrocknet war und es ja noch keine Wasserleitung gab. „Das kam erst 1949."
Gewalt in der Familie und
schwierige Kindheitsjahre
Kindheit und Jugend waren nicht nur von harter Arbeit geprägt. Sondern vor allem auch von der lieblosen Mutter. Die kleine Martha war das letzte von fünf Kindern. Rothaarig. Und nach zwei Schwestern auch noch das dritte Mädchen. "Gewollt hat man mich nicht, gebraucht umso mehr." Doch wehe, Martha gehorchte der Mutter nicht. „Einmal hat sie mich mit einem so dicken Stecken verhauen, mit dem Vieh hätte man das nicht getan."
Martha Lichtensterns so wacher Blick verengt sich und sinkt für zwei, drei Momente hinab auf den Esstisch. Weit weg sind diese Jahre - und doch so nah. Es waren auch im Großen gewaltvolle Zeiten. Noch vor Marthas Geburt verbrachte ihr Vater die Jahre von 1914 bis 1918 auf dem Schlachtfeld - Erster Weltkrieg. Weil er versehrt zurückkam, mussten die Kinder daheim umso mehr mit anpacken. 1939 begann der Zweite Weltkrieg. Für Martha sollten in diesen Jahren Glück und Schrecken aufeinanderstoßen.
[inne]halten - das Magazin 10/2026
Uralt und wunderschön
Eine einzigartige Lage, eine über tausendjährige Geschichte und eine romanische Kirche voller Schätze: Das ist Kloster Seeon.
Lesen Sie im [inne]halten-Magazin unseren Themenschwerpunkt und weitere Geschichten und Berichte aus dem kirchlichen Leben.
Liebe im Krieg und eine konfessionelle Hürde
Zum einen fiel im Krieg ihr Lieblingsbruder. Die Erinnerung daran lässt Martha Lichtenstern ihre Hände zusammenfalten, wie zum Gebet. Zum anderen wurden 1943 Soldaten auf ihrem Hof einquartiert, um in den Wäldern ringsum Holz zu schlagen. Einer davon: Marcel Lichtenstern aus der Nähe von Augsburg, dessen „leuchtenden" Namen Martha später annehmen sollte. Elf Jahre älter war der Soldat, doch nicht das war der Grund dafür, dass die Liebe zwischen ihm und dem Bauernmädchen auf Hürden stieß. Der Grund war die Konfession.
Martha Lichtenstern ist evangelisch, ihr Mann war katholisch. „Mischehe nannte man das. Für viele ein Unding", erzählt die Seniorin. „Meine Schwiegermutter kam weder zur Trauung noch zur Taufe unserer vier Kinder." Immerhin: Ansonsten habe sich die Verwandtschaft ganz gut verstanden.
Familiengründung und frühes Mutterglück
Vor allem sie und ihr Mann seien zeitlebens wunderbar miteinander ausgekommen, betont die 100-Jährige. „Ich kann mich nicht an einen Streit erinnern. Wir haben immer geschaut: Was meinst du dazu? Was mein ich? Man muss halt miteinander reden und zusammenkommen."
Im Februar 1946 hatte das Paar geheiratet, drei Monate später kam die erste Tochter zur Welt. „Hach, die war bei der Hochzeit ja schwanger", hätten manche Leute getuschelt, berichtet Martha Lichtenstern. Und lacht dann auf: „Aber nein, hab ich gesagt, das war nur eine Frühgeburt!"
Gelassenheit im Angesicht des Todes
Sie habe damals den katholischen Pfarrer gefragt, ob sie ihren Mann evangelisch beerdigen lassen könne, fügt die Seniorin hinzu. „Er wollte sich ja eh immer umschreiben lassen, er war ja immer mit uns im evangelischen Gottesdienst." Und der Pfarrer? „Hat mich zusammengeschissen! Was mir einfallen würde!" Evangelisch hier, katholisch da: „Was soll das?", fragt Martha Lichtenstern empört. „Es gibt doch nur den einen Herrgott!"
Der möge im Übrigen bei ihr sein, wenn einmal der Tod kommt. Angst davor? Nein. „Hoffentlich geht's schnell. Und dann - ahoi!"
Zwischen Glauben und Weissagung
Was nach dem Tode kommen mag? In den Siebzigern machte eine Frau, die in dem Altenheim lebte, in dem Martha Lichtenstern als Pflegehelferin arbeitete, ihr dahingehend eine Prophezeiung. "Sie kannte mich nicht, hat mir aber aus heiterem Himmel mein Sternzeichen und meinen Geburtstag gesagt. Und: dass ich nach dem Tod auf den Mars komme!"
Damit nicht genug der Weissagungen: „Mein Mann hat mir nach unserer Hochzeit erzählt, dass er in den Dreißigern mal bei einem Wahrsager in Augsburg war." Der habe den Krieg angekündigt - und die Hochzeit mit einer Rothaarigen aus Donauwörth! Martha Lichtenstern wurde einst in eine andere Welt geboren. Vielleicht wartet da noch eine weitere auf sie.



