Gelebter Glaube
Vom Straßenleben zur Nächstenliebe
Bülent Askar wächst im Münchner Problemviertel Neuperlach auf und rutscht früh in Gewalt und Drogen ab. Heute leitet er mehrere soziale Einrichtungen, hilft Kindern, Familien und Senioren und zeigt, wie gelebter christlicher Glaube ein Viertel verändern kann.
Bülent Askar, Gründer und Einrichtungsleiter der Sozialeinrichtung Perlacher Herz. Foto: © Jutta Simone Thiel/KNA
Bülent Askar in den 1980er Jahren: ein Jugendlicher aus dem Münchner Hochhausviertel Neuperlach, der Anerkennung auf der Straße sucht, für seinen Freundeskreis Drogen besorgt, Autos aufbricht und immer wieder in Schlägereien verwickelt ist.
Bülent Askar heute: ein kräftiger, dunkelhaariger Familienvater mit leicht ergrauten Schläfen und einem offenen Ohr. Sein türkischer Akzent verrät noch seine Herkunft. Ansonsten scheint er ganz zu Hause zu sein: Im Perlacher Herz schenkt er Kaffee aus, koordiniert die Hausaufgabenbetreuung für Schulkinder und lädt Nachbarn zum Frühstück ein. „Ich wollte etwas zurückgeben und die Jugendlichen von der Straße holen“, sagt Askar.
Vom Straßenjungen zum Familienvater
Aufgewachsen in einem Viertel mit sozialen und kulturellen Unterschieden, erlebt der Sohn türkischer Gastarbeiter, wie rau das Leben sein kann. Schon früh gerät er in ein Umfeld aus Drogen, Gewalt und falschen Freunden. „Meine schulische Laufbahn war mehr als bescheiden, meine Lehre zum Installateur habe ich abgebrochen, und mit 17 haben mich meine Eltern rausgeschmissen“, erzählt der 50-Jährige rückblickend. Doch insgeheim habe er von einem geregelten Leben mit Arbeit und eigenen Kindern geträumt.
Als er seine Frau kennenlernt, bemüht er sich bereits um Veränderung und arbeitet als Maschineneinsteller. Den entscheidenden Impuls liefert sie nach der Hochzeit: Sie wendet sich dem christlichen Glauben zu – zunächst gegen Askars Widerstand. Dem türkischen Mann fällt es schwer, ihre selbstbestimmten Entscheidungen zu akzeptieren. Es kommt zum Streit und kurzzeitig zur Trennung. Doch schließlich findet auch er zum christlichen Glauben – und beginnt, sein Leben grundlegend zu verändern.
Christlicher Glaube als Wendepunkt:
Vom Chaos zur Berufung
„Christen dürfen nicht unter sich bleiben“, das ist seitdem seine Botschaft. „Sie müssen die Nächstenliebe sichtbar machen.“ Vor rund 14 Jahren entsteht daraus die Idee, im Viertel aktiv zu werden. Gemeinsam mit Unterstützern gründet Askar eine Nachbarschaftseinrichtung, aus der später das Perlacher Herz hervorgeht.
Was mit Second-Hand-Angebot und Hausaufgabenbetreuung beginnt, wächst zu einem offenen Treffpunkt für den Stadtteil: Kinder erhalten Lernhilfe, Jugendliche machen Musik oder tanzen, Familien kommen zu Mahlzeiten zusammen. Für Ältere gibt es Frühstückstreffen, Gespräche und Beratung. Auch eine Fahrradwerkstatt und ein Hasenstall gehören dazu. „Es ist kaum zu glauben, wie die wilden Jungs hier still werden. Der Hase kommt nur, wenn man ruhig ist“, berichtet Askar.
Hilfe für über 2.000 Menschen im Monat
Heute engagieren sich sieben festangestellte Mitarbeiter sowie rund 130 Ehrenamtliche, viele im Ruhestand. „Wir haben ITler, die bei Computerproblemen helfen, pensionierte Lehrer für Nachhilfe und einen früheren Bilanzbuchhalter, der mit den Kindern Mathe lernt“, berichtet der Einrichtungsleiter. Eine ehemalige Krankenschwester kümmert sich um die Second-Hand-Boutique.
Monatlich besuchen mehr als 2.000 Menschen die Einrichtung, darunter viele Jugendliche mit Migrationshintergrund. „Wir arbeiten hier sehr menschlich, unbürokratisch und nah“, betont der Einrichtungsleiter. „Im Gegensatz zu klassischen Sozialarbeitern kennen wir die Kühlschränke der Menschen.“ Wer Hilfe suche, lasse die Mitarbeiter mitunter tief in sein Leben blicken – bis in Küche und Wohnzimmer, oft auch bis in die Seele.
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Spenden statt staatlicher Hilfe
Finanziert wird die Arbeit ausschließlich über Spenden. Staatliche Unterstützung nimmt Askar bewusst nicht in Anspruch; stattdessen setzt er auf Partnerschaften mit Unternehmen, Stiftungen und privaten Förderern. Besucherinnen und Besucher zahlen nur, wenn sie können. „Hier gibt es Menschen, die sich nicht einmal einen Cappuccino leisten können“, sagt er.
Lediglich für die Hausaufgabenbetreuung werden vier Euro verlangt – damit die Eltern die Teilnahme ernst nehmen. „Ich will nicht abhängig von Menschen sein, ich will nur abhängig von Jesus sein“, erklärt der Leiter. Immer wieder habe er erlebt, dass Hilfe im entscheidenden Moment komme. Sorgen um Geld oder um die Zukunft versuche er loszulassen. „In der Bibel steht, dass wir uns nicht um morgen sorgen sollen. Ich lebe heute“, sagt der Christ.
Herausforderungen in der Sozialarbeit
Die Arbeit bleibt nicht ohne Herausforderungen. Als Leiter von fünf der acht Einrichtungen unter dem Dach der Stiftung „'s Münchner Herz“ trägt Askar große Verantwortung. Neben dem Perlacher Herz gehören sieben weitere Standorte in München dazu – alle tragen das „Herz“ im Namen. Immer wieder bringt er schwierige Geschichten aus dem Viertel mit nach Hause, zu seiner Frau und den drei Kindern. Auch Schlägereien sind keine Seltenheit.
„Wenn jemand Ärger macht oder aggressiv ist, denkt der Bülent oft: ,Schmeiß den Kerl raus!‘“, erzählt er. „Aber dann frage ich: ,Jesus, was würdest du machen?‘ Und Jesus antwortet: ,Schenk ihm erst mal einen Kaffee ein.‘ Das funktioniert erstaunlich gut.“ Jahrelang habe er auf diese Weise in Menschen investiert – nun sehe er die Früchte: „Kinder, die zu uns kamen, sind heute Mitarbeiter. Obdachlose haben Wohnung und Arbeit gefunden. Und Alleinstehende haben im Perlacher Herz eine zweite Familie.“
Jutta Simone Thiel



