Krisen und Chancen
30.04.2026

Wie Angehörige psychische Krisen frühzeitig bemerken können

Psychische Störungen bleiben selbst im engsten Umfeld oft lange unbemerkt. Umso wichtiger ist es, das Schweigen zu brechen und Betroffene frühzeitig zu professioneller Hilfe zu ermutigen. Spezielle Kurse zeigen Angehörigen, wie das gelingen kann. 
    

Foto: © Delmaine Donson/peopleimages.com – stock.adobe.com

Der Suizid gilt als Tabu, die Frage danach als Grenzüberschreitung. Dabei benötigen Betroffene dringend Hilfe. Menschen mit psychischen Erkrankungen empfinden ihre Lage manchmal als aussichtslos und geraten in einen Strudel. Experten raten Angehörigen deshalb, auf erste Warnsignale zu achten und Betroffene anzusprechen - um chronische Verläufe oder gar Todesfälle zu verhindern.  

„Angehörige können keine professionelle Hilfe leisten", sagt Sylke Känner, Diplom-Pädagogin und Kursleiterin der "Mental Health First Aid"-Kurse (MHFA) in Hamburg. “Sie können aber lernen, Anzeichen zu erkennen und Krisen einzuschätzen." In Workshops zeigt Känner, wie Freunde und Familien Betroffenen helfen können. Zu den körperlichen Symptomen bei Angststörungen etwa gehören Schwindel, Schweißausbrüche, Herzrasen und Schlafstörungen. Depressiv erkrankte Menschen fühlen sich oft antriebslos, müde, leiden unter Appetitlosigkeit oder starken Stimmungsschwankungen. Oft bleiben sie jahrelang ohne Hilfe. In Extremfällen entwickeln sie Suizidgedanken.

Gespräche über Suizidgedanken richtig führen

Wie aber mit Menschen reden, die Symptome zeigen? An diesem Tag gibt Känner Workshop-Teilnehmenden Tipps. Pärchenweise spielen sie die Situation durch. "Hast du Suizidgedanken?" - "Manchmal ja." - "Hast du einen festen Plan?" Die Stimmen im Raum sind leise. Wie sich das anfühlte? "Unangenehm", sagt eine Teilnehmerin. "Für mich war es spannend zu sehen, ob man das umschreiben würde", eine andere. 

„Sprechen Sie mögliche Suizidgedanken direkt an", rät Känner. „Reden Sie nicht drum herum." Von Fragen wie „Hattest du schon einmal das Gefühl, dass alles sinnlos ist?" rät sie ab: zu unkonkret. „Auch Wörter wie 'Selbstmord' sollten Sie vermeiden", sagt die Expertin: „Verwenden Sie besser neutrale Begriffe wie etwa 'Suizid' oder 'sich das Leben nehmen'." 
    

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Scham, Missverständnisse und gesellschaftliche Barrieren

Psychische Erkrankungen lassen sich meist gut mit einer Psychotherapie behandeln. Betroffene gehen aber oft erst spät zum Arzt. Eine Studie der Weltgesundheitsorganisation WHO ergab, dass Menschen mit Angsterkrankungen in Deutschland durchschnittlich erst nach 23 Jahren einen Spezialisten aufsuchen. Viele Betroffene warteten zu lange, unterschätzten ihre psychischen Probleme. Selbst enge Freunde und Familienmitglieder bemerken psychische Störungen oft nicht.  

„Ein Grund, warum sich Menschen keine Hilfe suchen, sind Schamgefühle", sagt Känner.. “Sie denken: Wer soll mir schon helfen?" Im Alltag eckten Betroffene oft an. „Das öffentliche Mindset hat oft wenig Verständnis und Wissen über psychische Störungen", sagt Känner. „Wenn jemand etwas nicht schafft, dann wird das oft ausgelegt als fehlende Disziplin oder Charakterschwäche." 

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Wie Angehörige konkret helfen können

Dabei sind psychische Erkrankungen weit verbreitet. Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde sind in Deutschland jedes Jahr 27,8 Prozent der erwachsenen Bevölkerung betroffen. Am häufigsten sind Angsterkrankungen und Depression, teilweise mit tödlichem Verlauf. Laut Deutscher Akademie für Suizidprävention starben im Jahr 2024 allein in Deutschland 10.372 Menschen an Suizid.  

Wer Warnzeichen für psychische Störungen an Angehörigen erkennt, sollte sie direkt deshalb ansprechen: "Nicht in die Ecke drängen, Zeit mitbringen, zuhören", sagt Känner. “Menschen mit psychischen Störungen können sehr unterschiedlich reagieren, auch ablehnend. Helfer sollten deshalb die Bereitschaft mitbringen, das Gespräch später auch wieder aufzunehmen." 

Wege zur professionellen Hilfe

Der Gang zum Psychotherapeuten kostet Betroffene oft Überwindung. Es gibt allerdings Alternativen. „In vielen Fällen kann der Hausarzt ein erster guter Ansprechpartner sein", sagt Känner. „Er kann psychische Erkrankungen diagnostizieren, Medikamente verschreiben und in weitere Hilfen überweisen." Auch Selbsthilfegruppen oder Online-Angebote können helfen.  

„Je früher Menschen mit psychischen Gesundheitsproblemen mit der Behandlung anfangen, desto früher können sie gesund werden", sagt Diplom-Pädagogin Känner. „Manche Erkrankungen könnten so schon frühzeitig abgefangen werden."



Wenn Sie Suizidgedanken haben oder bei einer anderen Person wahrnehmen: Kostenfreie Hilfe bieten in Deutschland der Notruf 112, die Telefonseelsorge 0800 111 0 111 und das Info-Telefon Depression 0800 33 44 5 33.Weitere Informationen und Adressen gibt es unter www.deutsche-depressionshilfe.de

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KNA
Artikel von KNA
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