Boxkeller der Schweriner Caritas
Vom Flüchtlingskind zum Profiboxer
Flucht, Verlust und ein Neuanfang in Deutschland prägen die Kindheit von Gol Agha Haddi. Im Boxkeller der Caritas Schwerin findet der junge Mann Halt und eine Perspektive. Heute kämpft er sich als Profiboxer nach vorn – und träumt davon, Weltmeister zu werden.
Gol Agha Haddi im Boxring Foto: © Michael Althaus/KNA
Er floh als Kind mit seiner Familie aus Afghanistan, erlebte Armut, Angst und Tod. In den ersten Jahren in Deutschland musste er sich in einer neuen Sprache, einer fremden Kultur und mit belastenden Erinnerungen zurechtfinden. Halt fand Gol Agha Haddi schließlich im Sport - genauer im Boxkeller eines Caritas-Stadtteiltreffs in Schwerin. Hier trainiert der 22-Jährige, den alle nur „Golli" nennen, heute als Profiboxer und arbeitet an seinem Aufstieg. Sieben Profikämpfe hat er bereits bestritten.
Aufwachsen in Armut:
Keine Schule, frühe Verantwortung
Haddi wuchs in Afghanistan in einer armen Familie auf. Sieben Kinder mussten versorgt werden, Schule war für ihn nicht möglich. „Wir mussten arbeiten, damit wir überhaupt etwas zu essen haben", erzählt er in nahezu perfektem Deutsch. Haddi verkaufte Blumen, putzte Schuhe auf der Straße. Als er sechs oder sieben Jahre alt war, beschlossen die Eltern zu fliehen - aus Sorge um die Zukunft der Kinder. „Sie haben gesagt: Für uns ist es egal, wir sind alt. Aber ihr sollt eine Zukunft haben", erinnert er sich.
Die gefährliche Flucht nach Europa
Die Flucht führte gemeinsam mit anderen Familien über die Türkei und Griechenland, auch über das Mittelmeer - in einem Schlauchboot. „Das war eine richtig harte Zeit", sagt Haddi. Viele ältere Menschen seien unterwegs gestorben. Die Bilder, die er damals als Kind gesehen habe, ließen ihn bis heute nicht los. „Das kommt nachts wieder. Das vergisst man nicht einfach."
In Deutschland sei der Anfang schwer gewesen: neue Sprache, neue Regeln, Krankheiten nach der Flucht. Drei Jahre lebte die Familie in einer Flüchtlingsunterkunft, bevor sie ein Bleiberecht erhielt. In der Schule wurde Haddi gemobbt und hörte Sätze wie: „Was willst du denn hier?" oder „Geh dahin, wo du herkommst!" Nach dem Schulabschluss wusste er zuerst nicht, wie es für ihn weitergehen sollte.
Trainer Detlef Krause und Gol Agha Haddi Foto: © Michael Althaus/KNA
Boxen als Halt und Ventil
Boxen wurde für Haddi ein Ventil - und ein Anker. Er trainierte zunächst beim BC Traktor Schwerin, machte Amateurkämpfe, legte Pausen ein. Entscheidend wurde die Begegnung mit Trainer Detlef Krause. „Er ist wie ein Vater für mich", sagt Haddi. Krause habe ihm geholfen, Struktur in sein Leben zu bringen. „Der meinte, ey, pass mal auf, reiß dich zusammen, geh mal arbeiten, mach mal eine richtige Ausbildung."
Ein Trainer als Wegbegleiter
Krause erinnert sich noch gut an das erste Kennenlernen vor rund zwölf Jahren. „Man sieht manchmal Menschen, die mag man gleich", sagt der 62-Jährige. "Golli ist höflich, respektvoll und sehr ehrgeizig." Die Idee, Profiboxer zu werden, sei von Haddi gekommen. „Der Weg dahin ist richtig hart. Kämpfe müssen organisiert und bezahlt werden. Aber wir hauen richtig rein."
Der Boxkeller im Stadtteiltreff Krebsförden, den Krause aufgebaut hat, wurde für Haddi zur zweiten Heimat. Zwei bis drei Stunden täglich trainiert er hier, vor Wettkämpfen auch mehr. In der Einrichtung der Caritas im Norden ist das Training kostenlos. Beratung, Unterstützung, Gemeinschaft gehören dazu. „Das ist für mich wie eine Familie. Wenn ich Probleme habe, sei es Arbeit, sei es persönlich - hier kann ich darüber reden", so Haddi, der neben dem Sport als Hausmeister arbeitet.
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Respekt und Toleranz:
Boxen in einer christlichen Einrichtung
Im Keller gibt es einen Boxring und einen Trainingsraum. An den Wänden hängen Fotos von Kämpfen, ein großes Plakat „Rostock boxt" - und daneben ein Kruzifix und ein Bild mit einem Bischof, der den Ring segnet. Dass er als Muslim in einer christlichen Einrichtung trainiert, sei kein Problem, sagt Haddi. Religion spiele im Alltag des Boxkellers keine Rolle; wichtig seien Respekt und Toleranz.
Von den sieben Profikämpfen hat Haddi sechs gewonnen, den jüngsten verlor er. Die Niederlage habe ihm deutlich gemacht, woran er arbeiten müsse. Nun trainiere er härter denn je. „Das Boxen hat mir richtig viel beigebracht: Disziplin, an sich selber glauben, Zusammenhalt, Pünktlichkeit", sagt er.
Zukunftsträume: Weltmeistertitel
und ein eigenes Gym
„Golli" ist mittlerweile deutscher Staatsbürger, hat eine deutsche Partnerin, und ist Vater eines kleinen Sohnes. Sein Traum: "Ich möchte Weltmeister werden und einen Gürtel holen. Und ich möchte mein eigenes Gym aufmachen." Dort möchte er das weitergeben, was ihm selbst geholfen hat: „Ich will junge Menschen von der Straße wegholen und ihnen zeigen, dass man mit Sport etwas erreichen kann."



