Kultur erleben trotz Demenz: eine besondere Schlossführung
Museumsbesuche können nachweislich gegen das Verblassen von Erinnerungen helfen, zeigen Studien. Im Berliner Schloss Charlottenburg erleben Menschen mit Demenz eine besondere Führung, die alle Sinne anspricht.
Christine Gruschka (r.), Theaterpädagogin und Demenzführerin, im Gespräch mit Sigrid Schade (l.) und ihrer Tochter Irina Kummert während einer Führung im Schloss Charlottenburg in Berlin. Foto: © Nina Schmedding/KNA
Sie hat sich extra fein angezogen zum Besuch bei der Königin. Ein heller Strohhut mit dunklem Band sitzt auf dem weißen Haar von Sigrid Schade - passend zum vornehmen Ambiente im Berliner Schloss Charlottenburg.
Die 88-Jährige und ihre Tochter Irina Kummert sind an diesem kühlen Apriltag zu Gast bei Königin Sophie Charlotte. Sie nehmen an einer Führung für Menschen mit Demenz im Berliner Schloss Charlottenburg teil. Das berühmte Bauwerk und ein ganzer Bezirk der Hauptstadt hat von der 1705 verstorbenen Königin von Preußen seinen Namen.
Ein königlicher Besuch im Schloss Charlottenburg
Initiiert wurde das Projekt von den Berliner Maltesern und der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg. Ziel ist es, Kulturorte für die Bedürfnisse von Menschen mit Demenz zu sensibilisieren und konkrete Angebote zu entwickeln. Finanziell gefördert wird das Format durch Mittel der Deutschen Fernsehlotterie, die bundesweit soziale Vorhaben unterstützt, sowie die Stiftung Berliner Sparkasse.
Die Schlossherrin - das ist an diesem Tag Kulturpädagogin und Projektkoordinatorin Christine Gruschka: In langen, wohlfrisierten Locken fallen ihr die dunklen Haare den Rücken hinunter. Ihr prächtiges Gewand in Gold und Weiß zeigt an: Hier nimmt Königin Sophie Charlotte persönlich die Gruppe der betagten Gäste für eine Stunde in Empfang. Viele von ihnen sind im Rollstuhl unterwegs, alle sind an Demenz erkrankt. Manchmal wissen sie nicht mehr, wo sie wohnen oder wie alt sie sind. So wie Sigrid Schade, Jahrgang 1937, die auf die Frage nach ihrem Alter etwas ratlos den Kopf schüttelt. „So alt wie Greta Garbo - immer 30", scherzt Tochter Irina.
Ein Projekt für mehr kulturelle Teilhabe
Vor zehn Jahren fing ihre Mutter an, dement zu werden, erzählt sie. Sie habe in dieser Zeit die Erfahrung gemacht, dass man zu wenig vom Bedarf der Betroffenen her denke. „Sie brauchen Gesellschaft und Anregung." So lese sie der alten Dame, die stets an Politik interessiert gewesen sei, regelmäßig aus einer überregionalen Zeitung vor.
1,8 Millionen Menschen mit Demenz leben hierzulande. Bis zum Jahr 2050 wird die Zahl der Betroffenen voraussichtlich auf 2,8 Millionen steigen. Viele von ihnen können bislang nur eingeschränkt am kulturellen Leben teilhaben - nicht aus mangelndem Interesse, sondern weil passende Angebote fehlen, kritisieren die Malteser.
Dabei belegen Studien, dass Museumsbesuche besser gegen depressive Verstimmung bei Demenzerkrankungen helfen als Medikamente: Eine Untersuchung der TU Dresden kam unlängst zu diesem Ergebnis. Die Kunstwerke ermöglichten es den Betroffenen, an individuelle Erfahrungs- und Erinnerungswelten anzuknüpfen und so ins Gespräch zu kommen.
Sinnliche Erinnerungen im Gartensaal
Königin Sophie Charlotte empfängt ihre Gäste im Gartensaal, der den Blick auf den prächtigen Schlossgarten freigibt. „Ich habe Ihnen etwas aus meinem Garten mitgebracht", sagt sie und lässt die betagten Damen und Herren an einem Zweig Lavendel schnuppern. „An was erinnert dich das, Mama?", fragt Irina Kummert. „Frankreich", sagt die Mutter ganz richtig. Vielleicht sieht sie vor ihrem inneren Auge die blauen Lavendelfelder der Provence, die sie einmal besucht hat.
Erinnerungen, die durch sinnliche Erlebnisse wieder wach werden: Darum geht es bei der Führung. „Bei Demenz nehmen die kognitiven Fähigkeiten ab, etwa das Planen", erklärt Christine Gruschka alias Sophie Charlotte. Stattdessen stünden andere Dinge im Vordergrund. „Dazu zählt etwa das emotionale und das sinnliche Erleben", sagt die Sozialpädagogin. Der Hauptfehler sei, zu denken, diese Menschen seien nicht mehr in der Lage zu kommunizieren. „Sie kommunizieren - aber auf ihre Art", sagt sie. Zugewandtheit sei wichtig.
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Lernen mit allen Sinnen im Museum
Der Königin zur Seite steht Museumspädagogin Christiane Schrübbers. Sie übernimmt die Vermittlung der Fakten. „Es ist wichtig, in kurzen, klaren Sätzen zu sprechen und nicht zu viele Infos hineinzupacken", sagt sie. Im roten Damastzimmer erklärt sie, dass der Damast an den Wänden eine Seide ist, die ursprünglich in der syrischen Stadt Damaskus erfunden wurde. Königin Sophie Charlotte reicht den Teilnehmern eine Seidenstoffprobe: „Fühlen Sie mal, wie weich das ist."
Im Audienzzimmer, in dem die ganze preußische Herrscherfamilie von großen Gemälden auf die Besucher herabschaut, werden Fächer verteilt. Zu höfischer Musik wiegen sich die Teilnehmer und verbeugen sich mit einem Fächergruß. „Das Mehr-Sinneprinzip ist bei der Führung wichtig", sagt Schrübbers - also Tasten, Riechen, sich Bewegen und Singen. "Besonders das Singen gefällt den Menschen. Hier können sie an Erinnerungen anknüpfen."
Ein bewegender Abschluss in der Schlosskapelle
So endet auch die Führung in der Schlosskapelle mit zwei Liedern, die die Männer und Frauen laut mitsingen dürfen: „Großer Gott, wir loben Dich" und „Die Gedanken sind frei". Eine Frau, die bei allen bisherigen Kommunikationsversuchen ablehnend reagiert hat – „Mögen Sie an der Kerze riechen?" – „Nein!", „Soll ich Ihnen ein bisschen Wind mit dem Fächer zu wedeln?" – „Nee!" - ist plötzlich in ihrem Element. „Schön!", sagt sie ganz laut und glücklich in den Raum hinein, als die Gruppe ihr Lied beendet hat.



