Senioren
Demenz und Theater
Im Caritas-Seniorenheim St. Gisela in Waldkirchen erleben ältere Menschen Theater auf besondere Weise: Ohne Texte oder Bühne entdecken sie mit „Jeux dramatiques“ spielerisch Erinnerungen und Gemeinschaft.
In einem bayerischen Seniorenheim wird Theater ohne Worte gespielt. Foto: © AdobeStock/Artem Mykhailichenko
Sie kommen ohne viele Worte aus; meist verzichten sie auf Sprache. Sprechen können sie teilweise sowieso nicht mehr. Es fehlen ihnen auch größere Zusammenhänge. Manchmal sind es nur Fetzen der Erinnerung, die im Kopf aufscheinen und die sie formulieren. Oder eben spielen. Dann sitzen sie da, in ihre bunten Tücher gehüllt. Eine unsichtbare Krone auf dem Kopf. Drei Könige auf dem Dreisessel. Es ist Theaterzeit im Caritas Seniorenheim St. Gisela. Ein etwas anderes Theater, „jeux dramatiques“ genannt.
Ausdrucksspiel: „Jeux dramatiques“
als kreative Methode
Die alten Menschen lassen sich ein auf „dramatische Spiele“, so die Bedeutung des französischen Begriffs. Diese theaterpädagogische Methode ist Ausdrucksspiel: spontanes Agieren ohne vorgegebenen Text. Gefühle und Beobachtungen werden durch Gebärden und Bewegung zum Ausdruck gebracht. So werden manche zum Baum, wiegen sich im imaginären Wind, der gefühlt durch den lichten Saal im Erdgeschoss des Seniorenheimes weht. Es ist der „Böhmische“, wie ihn die Menschen hier an der Grenze zu Tschechien und Österreich nennen. Er weht über Bergkuppen wie den „Dreisessel“, den „Hochstein“ oder „Plöckenstein“. Monika Lumbe, erfahrene wie einfühlsame Kunst- und Kreativtherapeutin, bringt Geschichten mit. Die Sage vom Dreisessel, die Geschichte vom Lusen oder von der Gründung Grainets am Goldenen Steig. Die alten Menschen kennen die Orte. Da sind, waren sie daheim. Auch wenn ihre Erinnerung an das Zuhause manchmal verblasst.
Theater als persönliche Entdeckungsreise
Einfache Utensilien wie Tücher, Steine oder Kuscheltiere dienen zur Gestaltung von „Spielplätzen“ und zur Verkleidung. Es gibt kein Publikum, keine Bühne im klassischen Sinn und keine Bewertung. Das Erlebnis der Spielenden allein entscheidet. „Diese pädagogische Methode ist die Ausdrucksmöglichkeit inneren Erlebens, ein Prozess des Sichtbarwerdens, des Bewusstwerdens, von persönlichen Vorlieben, Entwicklungsstufen, Lebensstufen“, erläutert Lumbe.
Die Heilpädagogin kommt regelmäßig zu den Seniorinnen und Senioren, um mit ihnen Theater zu spielen. Nur für sich selbst. Selbst mit nachlassenden Kräften, oder gerade deswegen, gehen die bis zu zehn Teilnehmenden auf Entdeckungsreise – zu sich, zu ihrer Herkunft und ihrer derzeitigen Lebenssituation.
[inne]halten - das Magazin 08/2026
Mein Draht zum Himmel
Wie kann ich den Kontakt zu Gott finden und stärken? Unsere neue Serie gibt Antworten
Lesen Sie im [inne]halten-Magazin unseren Themenschwerpunkt und weitere Geschichten und Berichte aus dem kirchlichen Leben.
Märchenhafte Inspiration:
Die drei Könige am Dreisessel
Drei Könige saßen dereinst auf den drei Steintürmen, die wie Sessel angeordnet scheinen. Der Legende nach trafen sich die Herrscher von Bayern, Böhmen und Österreich auf dem Gipfel des Berges, um friedlich über die Aufteilung ihrer Territorien und den Verlauf der Grenzen zu entscheiden. Diese Geschichte ist den Alten bekannt. Es braucht nicht lange, bis die Rollen besetzt sind. Es dürfen natürlich auch Königinnen sein. Niemand muss perfekt sein. Alles darf, nichts muss.
Dann geht die Fantasiereise los. Auf dem sogenannten Goldenen Steig – der einstigen Salzhandels-Straße – hinauf durch den Wald zum Dreisessel-Berg. Wege wie vielleicht vor siebzig, achtzig Jahren. Der Demenz heute vielleicht ein Schnippchen schlagen und die Nebel des Vergessens lichten. Und sei es für kurze Momente.
Die alten Menschen entdecken im hohen Alter die Welt ihrer Kindheit. Und schlüpfen – wie Kinder – in Märchenrollen. Heute huldigt man eben den drei Königen am Dreiländereck. Wer mag, macht mit, wählt eine Rolle. Wer nicht mag, spielt einen Baum am Wegrand oder erklärt sich zum Zaungast, weil jetzt gerade müde. Eine ungewohnte Atmosphäre. Aber so stimmig. Unverstellt.
Mit offenen Augen und wachem Sinn Gemeinschaft erleben. Ein besonderes Spiel auch deswegen, weil nonverbal. Es bedarf keiner Worte. Gesten, Laute, Mimik reichen. Niemand kann etwas falsch machen. Was entsteht, ist weit mehr als ein Spiel: Es ist ein Sichtbarwerden. Es ist Würde, Wertschätzung und Begegnung.
Aufmerksamkeit, Nähe
und Lebensfreude schenken
Die Heilpädagogin hat schon in der Frühförderung der Caritas mit Kindern gearbeitet. Sie probiert, wie sie sagt, gern Neues aus, stößt neue Projekte an. Also fasste sie sich ein Herz und klopfte bei den Seniorinnen und Senioren in Waldkirchen an. Über den Freundeskreis „Zeitschenken“ begann sie mit dem Theaterprojekt.
Weil sie selbst von der Methode begeistert ist, kann Lumbe den Menschen etwas geben – und mehr als nur Zeit schenken: Aufmerksamkeit und Nähe. Kein Wunder, dass die alten Herrschaften gerne teilnehmen, wenn es heißt: Vorhang auf in St. Gisela, rein in die bunte Welt der Tücher und in das Leben mit all seinen Facetten.
Wolfgang Duschl



