Das Geheimnis des guten Lebens
Was braucht ein gutes Leben? Zum Abschied verrät Angela Krumpen die vielleicht wichtigsten Zutaten: Liebe, Mut und Zuversicht. Und wie eine Nonne in Chiles Armenvierteln und ihr Sohn auf der Kölner Domplatte ihr dies gezeigt haben.
Santiago de Chile. Im Armenviertel Recoleta sitze ich mit Sr. Karoline Mayer auf dem Rinnstein. Neben uns liegt ein Mann, dreckig und erschöpft, ganz in seiner eigenen Welt, den Klebstoff in der Hand. Karoline, die viele die Mutter Teresa Lateinamerikas nennen, hat einen langen Arbeitstag hinter sich. Doch sie nimmt sich Zeit. Sie verweilt ruhig, freundlich, zugewandt. Der Mann entspannt sich sichtlich.
„Ich bin so dankbar, dass mich das Leid immer noch anrührt, dass ich nie gleichgültig geworden bin“, sagt sie. Ich weiß sofort: Das ist ein Schlüssel. Zu ihrem Erfolg. Und zu unserem Thema in dieser Kolumne: ein gutes Leben. Wie viel Berührung braucht ein gutes Leben?
Mama, warum sitzt der Mann da?
Für Kinder ist die Welt noch so neu, Gleichgültigkeit kein Thema. Als ich im Winter mit meinem Sohn, damals im Kindergarten, über die Kölner Domplatte lief, blieb er bei jedem obdachlosen Menschen stehen. Große Augen, offenes Herz, viele Fragen. Er hatte noch nicht gelernt, was wir Erwachsenen oft tun: hastig weiterzugehen. Nicht hinzusehen. Sich abzuwenden. Natürlich gaben wir Geld, kauften Kaffee und Brötchen.
Und ja, natürlich, ich kenne den Einwand: „Man kann doch nicht immer und allen helfen.“ Stimmt. Aber was heißt schon „alle“ und „immer“? Eigentlich geht es doch nur um uns – um unser Hier und Jetzt. Und zu diesem Hier und Jetzt gehören auch Medien, die uns leicht abstumpfen lassen mit ihrer Flut von immer neuen, immer schlechten Nachrichten, im Gepäck eine neue, kalte Härte.
„Es heißt Nächstenliebe. Nicht Fernstenliebe.“
Einen Vorgeschmack auf diese Härte bekam ich früh: Nach einer Radiokolumne über Walter Lübcke – der für christliche Werte und Verantwortung für Menschen in Not einstand und dafür mit dem Leben bezahlte – schrieb mir ein Ehepaar empört: „Es heißt Nächstenliebe. Nicht Fernstenliebe.“ Nächstenliebe meine nun wirklich nicht „jeden dahergelaufenen Fremden“. Ich gestehe, mir wurde eiskalt.
Sicher steckt hinter dieser Kälte auch eine Sorge: dass Mitgefühl uns überfordern könnte, dass wir uns verlieren, wenn wir zu viel geben. Natürlich ist diese Sorge nicht unbegründet – aber sie darf nicht zur Ausrede werden, es gar nicht erst zu versuchen. Statt uns von der Angst vor Überforderung leiten zu lassen, könnten wir sie als Lernfeld betrachten. Wer reiten lernen will, fällt auch mal vom Pferd. Und steigt dann wieder auf.
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Das gute Leben
Dies ist die letzte Ausgabe meiner Kolumne, die sich knapp zwei Jahre dem guten Leben gewidmet hat. Lange habe ich darüber nachgedacht, was ein gutes Leben in diesen Zeiten alter Parolen und neuer Härte wirklich braucht. Ich glaube, es ist einfach: Ein gutes Leben braucht uns – unser Herz, unseren Verstand. Wir machen den Unterschied. Für mehr Kälte. Oder mehr Zuversicht. Mehr Licht. Mehr Wärme.
Dabei meint ein gutes Leben für alle wirklich alle – also nicht nur die anderen. Unser Herz soll auch für uns selbst offenbleiben. Wir müssen uns nicht von den Nachrichten niederdrücken lassen oder so viel spenden, dass für das eigene Wohlergehen nichts bleibt. Gerade das Schöne, Tröstliche, Kleine gehört zum Leben – was immer die eigene Seele braucht. Das Geheimnis für ein wirklich gutes Leben aber liegt für mich darin, dass wir uns vom Dunklen nicht abwenden.
Das Geheimnis ist immer die Liebe
Deswegen zum Schluss noch einmal zurück zu Karoline, zurück in die Armenviertel Chiles. Einmal nahm ich meinen Sohn mit zu ihr. Er sah die Berufsschule, die durch Spenden entstanden war, und im Gesundheitszentrum die Kisten voller Legosteine für die Kindergärten. Nach dem Besuch kletterte er in Karolines weißen VW-Bus. „Ist das dein Auto?“ – „Nein“, sagte sie. „Das habe ich für meine Arbeit geschenkt bekommen.“
Mein Sohn staunte: „Was bekommst du denn alles geschenkt? Häuser! Autos! Legos!“ Ich lächelte. „Das ist Karolines Geheimnis.“ Er überlegte kurz. „Und was ist dein Geheimnis, Karoline?“
Karoline schwieg einen Moment. Dann sagte sie: „Das Geheimnis ist immer die Liebe.“
Ein Geheimnis wie ein Geschenk.
Möge dieses Geschenk uns alle begleiten. Nicht nur in der Weihnachtszeit.



