OEZ-Anschlag: Todesangst-Erfahrung bleibt
Der Anschlag am Münchner Olympia-Einkaufszentrum hat sich tief in das Gedächtnis der Stadt eingeprägt. Andreas Müller-Cyran war damals als Notfallseelsorger und Fachberater der Einsatzleitung im Einsatz. Zehn Jahre später erinnert er sich an einen Abend, der nicht nur München verändert hat – sondern auch den Blick auf psychische Verletzungen nach Katastrophen.
Trauermarsch in München für die Opfer des rechtsextremen Anschlags am Olympia Einkaufszentrum 2016. Foto: © IMAGO / aal.photo
Als sein Handy vibrierte, betete Andreas Müller-Cyran gerade die Vesper, das Abendlob im Stundengebet der Kirche.
Es war der 22. Juli 2016. An diesem Tag leitete er eine Fortbildung für rund 25 Einsatzkräfte der Bergwacht Bayern im Kloster St. Ottilien vor den Toren Münchens. Dann erreichte ihn die Nachricht: In München gebe es eine größere Einsatzlage, hieß es.
„Ich bin aus der Vesper rausgegangen und habe sofort gemerkt: Das ist etwas Besonderes.“ Wenig später bestätigte sich, was zunächst niemand überblicken konnte. Im und um das Olympia-Einkaufszentrum waren Schüsse gefallen. Die ersten Notrufe waren gegen 17.52 Uhr eingegangen. Zu diesem Zeitpunkt wusste niemand, wie viele Täter unterwegs waren oder ob an weiteren Orten geschossen wurde.
Eine Stadt im Ausnahmezustand
Die Fortbildung wurde sofort abgebrochen, erzählt Müller-Cyran. Die Bergwacht bot ihre Unterstützung an, fuhr mit mehreren Fahrzeugen nach München und richtete eine Sammelstelle für Betreuungskräfte ein. Der Notfallseelsorger selbst wechselte in den Stab der Gefahrenabwehrleitung an der Feuerwache 3.
Seine Aufgabe war zunächst nicht die Begleitung einzelner Einsatzkräfte. Im Mittelpunkt standen die Menschen, die den Anschlag erlebt hatten oder glaubten, mitten in einem Terrorangriff zu sein. Denn die Lage war unübersichtlich. Über soziale Medien verbreiteten sich Meldungen über angebliche Schüsse an verschiedenen Orten in der Stadt. Viele Menschen flohen, suchten Schutz oder gerieten in Panik.
„Die Polizei musste die Gefahr bewältigen. Für die Betreuung der Menschen waren dann Krisenintervention und Notfallseelsorge zuständig“, erinnert sich Müller-Cyran. Besonders an einer von der Polizei eingerichteten Zeugensammelstelle wurden zahlreiche Menschen betreut, die den Täter gesehen oder die Schüsse unmittelbar erlebt hatten.
Sicherheit ist die Voraussetzung für Hilfe
Was Müller-Cyran bis heute beschäftigt, ist weniger die organisatorische Herausforderung als eine Erfahrung, die viele Einsatzkräfte damals zum ersten Mal machten. Denn: „Ich kann nur Sicherheit geben, wenn ich mich selbst sicher fühle.“ Bei Bränden oder Verkehrsunfällen seien Risiken zwar groß, aber kalkulierbar. Beim OEZ-Anschlag war das anders. Niemand wusste, ob weitere Täter unterwegs waren oder wo der nächste Schuss fallen könnte.
Viele Einsatzkräfte arbeiteten deshalb in einer Situation, in der sie selbst nicht sicher waren. „Das war eine völlig neue Qualität.“ Seitdem sei noch deutlicher geworden, wie wichtig geschützte Bereiche seien, in denen Helferinnen und Helfer arbeiten können, ohne ständig um die eigene Sicherheit fürchten zu müssen.
Anders als Paris oder New York
Terrorlagen hatte Andreas Müller-Cyran schon vorher erlebt. Er war nach den Anschlägen von Paris 2015 im Einsatz und arbeitete nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in New York. Trotzdem empfindet er den OEZ-Anschlag als etwas grundlegend anderes.
Er erinnert sich an die Fahrt von St. Ottilien nach München. Neben ihm saß ein leitender Notarzt. Im Auto sei es lange still gewesen. „Wir haben nur gedacht: Das darf doch nicht wahr sein.“ Der Unterschied sei einfach gewesen. „Ob ich nach Paris fahre oder in meiner eigenen Heimatstadt Menschen betreuen muss – das ist nicht dasselbe.“
Diakon und Notfallseelsorger Andreas Müller-Cyran. Foto: © privat
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Was München gelernt hat
Rückblickend zieht Müller-Cyran eine positive Bilanz der Zusammenarbeit. Schon vor 2016 hatten Polizei, Krisenintervention und Notfallseelsorge gemeinsame Abläufe entwickelt und miteinander geübt. Die Verantwortlichen kannten sich persönlich. Dadurch seien Entscheidungen schnell möglich gewesen. „Diese Vernetzung hat uns enorm geholfen.“
Auch deshalb sei München nach seiner Einschätzung besser vorbereitet gewesen als manche anderen Orte, an denen später Anschläge geschahen – etwa in Berlin, Halle oder Hanau. Heute arbeiten Polizei und psychosoziale Akuthilfe in Bayern noch enger zusammen. Diese Entwicklung sei eine direkte Folge der Erfahrungen von damals.
Die unsichtbaren Verletzungen
Trotzdem sieht Müller-Cyran zehn Jahre später auch eine große Lücke. Sie betrifft nicht Feuerwehr, Rettungsdienst oder Polizei. Sie betrifft die Menschen, die äußerlich unverletzt geblieben sind.
„Wer Todesangst erlebt, macht eine psychotraumatologisch relevante Erfahrung.“ Viele hundert Menschen hätten an diesem Sommerabend geglaubt, sterben zu müssen. Manche standen direkt am OEZ. Andere waren Kilometer entfernt und flohen, weil sich Gerüchte über weitere Schüsse in der Stadt verbreiteten.
Im Nachhinein hätten viele ihre Angst kaum noch erzählen können. „Sie hörten dann oft: Da war doch gar nichts. Warum hast du dich so aufgeregt?“ Gerade darin sieht Müller-Cyran ein Problem. Die Todesangst sei in diesem Moment real gewesen – unabhängig davon, ob sich später herausstellte, dass sich der Täter ganz woanders befand.
„Psychische Traumatisierung
gehört zur Gefahrenabwehr“
Für den Notfallseelsorger reicht es deshalb nicht aus, auf das private Umfeld oder die Eigenkräfte der Betroffenen zu vertrauen. Er wünscht sich, dass psychische Traumatisierungen genauso selbstverständlich Teil der Gefahrenabwehr werden wie die Versorgung körperlicher Verletzungen.
„Wir schützen Häuser. Wir versorgen Verletzte. Aber psychisch traumatisierte Menschen haben bis heute keinen vergleichbaren verlässlichen Anspruch auf qualifizierte Hilfe.“ Gerade nach dem OEZ-Anschlag habe sich gezeigt, wie viele Menschen noch Jahre später unter den Folgen litten.
Zehn Jahre später
Ein Anschlag, betont der Diakon, endet nicht in dem Moment, in dem die Schüsse verstummen. Für viele beginnt dann erst das, was andere nicht sehen können. Die Erfahrung von Todesangst setze sich bleibend im Gedächtnis fest. Erinnerungen kehren zurück. Orte bekommen eine neue Bedeutung. Manche Menschen vermeiden Menschenmengen oder öffentliche Plätze. Andere schämen sich bis heute für ihre Angst, obwohl sie in dieser Situation völlig verständlich war.
Für Müller-Cyran ist das dann auch die wichtigste Erkenntnis, zehn Jahre nach dem OEZ-Anschlag: Dass nicht alle Wunden sichtbar sind. Und dass eine Gesellschaft, die Menschen nach einer Katastrophe begleiten will, auch lernen muss, diese unsichtbaren Verletzungen ernst zu nehmen.
Bei dem Anschlag am und im Münchner Olympia-Einkaufszentrum am 22. Juli 2016 ermordete ein 18-Jähriger neun Menschen und verletzte fünf weitere schwer, bevor er sich selbst erschoss. Die Opfer waren überwiegend junge Menschen zwischen 14 und 21 Jahren. Lange wurde die Tat als Amoklauf eingestuft. Erst auf Druck von Angehörigen kamen eingeschaltete Gutachter zum Ergebnis, dass es sich um einen rechtsterroristischen und rassistischen Anschlag gehandelt habe. Dieser Bewertung schlossen sich dann auch die Behörden an. (kna)



