Wie ist wieder Versöhnung möglich?
Der Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober 2023 und Israels Reaktion darauf haben auch in Deutschland einiges verändert: Jüdisches Leben steht immer mehr unter Druck, interreligiöse Kontakte vor allem zwischen Judentum und Islam sind zum Erliegen gekommen. Wie sind unter diesen Umständen wieder Dialog, gegenseitige Annäherung und gemeinsame Zukunft möglich? Beim Michaelsbund waren kürzlich drei Experten zu Gast, die uns ihre Einschätzung der Lage verrieten: Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Ahmad Mansour, palästinensischer Autor und Psychologe mit israelischer und deutscher Staatsbürgerschaft, und Professor Michael Wolffsohn, deutsch-jüdischer Historiker und Publizist.
Zu Gast im Michaelsbund, von links: Josef Schuster, Michael Wolffsohn, Ahmad Mansour. Foto: © Bierl/SMB
Was sagt Josef Schuster auf die sicherlich nicht einfache Frage, was man gegen den Antisemitismus tun kann? Der Zentralratspräsident empfiehlt zweierlei: Bildung und Begegnung. Beides diene dazu, Vorurteile und Hemmnisse abzubauen. Speziell die Bildung müsse früh ansetzen – Schuster stellt sich unter anderem vor, dass man bereits in der Schule über die jüdische wie auch die muslimische Religion aufklärt.
Dass Schuster ganz praktisch und realistisch denkt, beweist er, indem er zwei konkrete Erfolgsbeispiele nennt. Bei einer Veranstaltung zum Thema „Ende des Lebens“ habe er erlebt, wie verschiedene Teilnehmer aus der Perspektive ihrer jeweiligen Religion berichten – und die Unterschiede seien „minimalst“ gewesen. Die monotheistischen Religionen hätten so viel gemeinsam, „dass man sich viel mehr auf die Gemeinsamkeiten als auf die Gegensätze konzentrieren sollte“.
„Was koscher ist, ist auch halal“
Im zweiten Beispiel erzählt Schuster über das jüdische Gemeindezentrum in seiner Heimatstadt Würzburg. Dort sei auch die Nachmittagsbetreuung einer nahe gelegenen Realschule untergebracht. Und weil in der Küche des Gemeindezentrums koscher gekocht werde, nähmen in der Nachmittagsbetreuung überproportional viele muslimische Schüler das Essensangebot in Anspruch – denn „was koscher ist, ist auch halal“. Dass muslimische Kinder auf diese Weise in eine jüdische Gemeinde kommen und jüdisches Leben sehen, sei eine gute „Impfung“, die sie gegen antisemitische Propaganda immunisieren könne – und das komme, vermutet Schuster, auch in den Familien dieser Kinder an.
Ahmad Mansour, der sich unter anderem gegen Extremismus und Radikalisierung engagiert und dafür unter anderem aus muslimischen Kreisen angefeindet und bedroht wird, stellt fest, dass wir in einer „Welt der Echokammern“ leben. Für Muslime, Juden und Menschen weltweit gelte: Man zeigt nur Empathie für die Seite, die in das eigene Weltbild passt. Mansours These ist: Im Israel-Palästina-Konflikt gehe es „nur noch darum, der anderen Seite die eigene Entschlossenheit zu demonstrieren“.
Leid bringt neues Leid hervor
Selbstkritische israelische Stimmen, die beispielsweise nach dem rechten Maß der Kriegsführung in Gaza fragten, störten da nur die Entschlossenheit im Kampf gegen die Hamas. Ja mehr noch, das Trauma und die Schockstarre nach dem 7. Oktober seien in Israel so groß, „dass wahrscheinlich die psychologischen Kapazitäten fehlen, das Leid der Palästinenser zu zeigen“ – ein bedrückender Hinweis darauf, wie Leid neues Leid hervorbringt.
Mansour erzählt auch von seinem Vater, einem knapp 80-jährigen Palästinenser, der jeden Tag mit der Hoffnung aufwache, „dass die Israelis besiegt werden, damit er ein bisschen Selbstwertgefühl bekommt“. Der alte Herr sei tief gekränkt, „genauso wie seine Familie, die ganze arabische Welt“. Dass am 7. Oktober 2023 überraschenderweise und erstmals Israel gekränkt und gedemütigt wurde, sei wie eine Genugtuung gewesen.
Neue Wege zum Frieden
Doch Mansour, der in seiner Jugend Verbindungen zum Islamismus hatte, stellt einmal mehr klar, dass er selbst diesen Weg – das verzweifelte Warten auf einen endgültigen Sieg über Israel, den Hass und die Vernichtungsfantasien gegen Juden – nicht mitgeht. Er glaubt, Friede ist nur möglich, wenn man neue Wege beschreitet; wenn man das Leid der anderen Seite sieht und anerkennt.
Einen Kontrast zu Schusters und Mansours Statements, die Lösungen und Auswege aufzeigen, bietet Professor Michael Wolffsohn mit einer eher pessimistischen Analyse. Er betont, dass er derzeit zwischen der jüdischen und der muslimischen Community in Deutschland „weder gemeinsame Interessen noch Solidarität“ erkennen könne. Auch die Frage, ob er Brücken zur Verständigung sehe, verneint er.
Nicht endende Radikalisierung
Mehrere Faktoren verschlimmern nach Ansicht Wolffsohns die Situation, so zum Beispiel die demografische Entwicklung, die eine weitere Zunahme der muslimischen Bevölkerung erkennen lasse, die fortschreitende und noch immer nicht endende Radikalisierung in der muslimischen Welt seit 1979, aber auch die Tatsache, dass die Mehrheit der deutschen Bevölkerung „ihr Christentum verlernt“ habe und daher die nötige Auseinandersetzung mit dem Islam auf einer religionspolitischen und religiösen Ebene gar nicht leisten könne.
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In der AfD sieht Wolffsohn übrigens nicht die Hauptgefahr für das jüdische Leben hierzulande. Auch wenn ihm diese Partei „höchst unsympathisch“ sei, müsse man die Bedrohung für die Juden in Deutschland eher unter den Islamisten, ihren Anhängern und ihren Legitimatoren auf der linksextremistischen und linksliberalen Seite der alteinheimischen Deutschen suchen. Und er erinnert an „haufenweise antisemitische Äußerungen und Aktionen der Linkspartei, auch von weiten Teilen der Grünen, auch von Teilen der SPD“.
Die teils hoffnungsvollen, teils betrüblichen Einschätzungen von Schuster, Mansour und Wolffsohn zeigen: Von einer echten Heilung der Wunden, die der 7. Oktober 2023 aufgerissen oder vertieft hat, ist nicht nur das Heilige Land, sondern auch Deutschland noch ein gutes Stück entfernt.



