Zukunft
27.02.2026


Stell dir vor, die Zukunft wird gut 

Stell dir vor, die Zukunft wird gut. Genau diese Vorstellungskraft besitzt Ronja von Wurmb-Seibel – und krempelt die Ärmel hoch, um selbst dazu beizutragen. Ein Gespräch über die Macht negativer Nachrichten, eine nicht ganz stubenreine Formel gegen Ohnmacht und darüber, wie viel Spaß Kommunalpolitik bringt. 

     

Heimatvertriebene Kinder in einem Lager in Kabul, Afghanistan. Heimatvertriebene Kinder in einem Lager in Kabul, Afghanistan. Foto: © imago/Xinhua

2013 zog Ronja von Wurmb-Seibel nach Afghanistan, um vor Ort als Redakteurin zu berichten. Bis dahin hatte sie im politischen Ressort der ZEIT gearbeitet. Ihr Job war es gewesen, „Probleme zu suchen und zu finden“ – und sie hat das liebend gern getan. Doch ihre erste Geschichte in Kabul warf sie aus der Bahn. Sie handelte von opiumabhängigen Kindern. „Das jüngste Kind, das ich kennenlernte, war ein Jahr alt. Mir haben buchstäblich die Worte gefehlt, diese Geschichte aufzuschreiben“, erinnert sie sich in unserem Gespräch im Podcast GANZ SCHÖN MUTIG.

Die damals 27-jährige Journalistin stellte sich vor, wie Menschen in Deutschland ihren Text lesen, sich davon betreffen und erschüttern lassen – und irgendwann schulterzuckend abwinken: „Halt wieder so eine schlimme Begebenheit aus Afghanistan. Was kann ich da schon machen?“ In diesem Moment spürte sie: „Ich will keine Geschichten erzählen, die Menschen ohnmächtig zurücklassen.“ Seitdem erzählt die Journalistin und Filmemacherin Geschichten anders: Nach wie vor berichtet sie über Probleme – und zugleich berichtet sie immer auch über Lichtblicke, die sich darin finden lassen. Etwa, welche Schritte anderswo schon gesetzt werden, um besser mit einem Problem umzugehen. 

Formel gegen Ohnmacht und für Zuversicht 

Für diese Art des konstruktiven Journalismus hat Ronja von Wurmb-Seibel in ihrem Buch „Wie wir die Welt sehen“ eine nicht ganz stubenreine Formel kreiert. Sie lautet: „Scheiße plus X“. Das klingt zwar derb, trifft aber zu: „Scheiße“ repräsentiert all die Krisen und Katastrophen in der Gesellschaft, aber auch die Momente, in denen es bei uns persönlich mies rennt: Zahnschmerzen, Stress im Beruf oder wenn mit den Kindern etwas schief läuft.
     


Das „X“ steht für die Ergänzung, die wir finden können, um eine positive Perspektive zu eröffnen. Es steht für den Hoffnungsschimmer. Das X ist der berühmte erste Schritt in Richtung Besserung. Auch wenn dieser noch so klein ist und noch lange keine Lösung beinhaltet, so ist er doch wegweisend. Denn er zeigt uns, dass wir nicht hilflos und ohnmächtig sind. Das X erinnert uns daran, dass wir immer etwas tun können, um die Welt und auch unser eigenes Leben ein wenig besser zu machen. Das X ist der Moment, an dem wir wieder neuen Mut schöpfen, Zuversicht gewinnen und Sinn erahnen. 


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Echte Veränderung beginnt
vor der eigenen Haustür 

Ronja von Wurmb-Seibel ist nicht nur in ihren Texten und Filmen auf der Suche nach dem X, sondern auch in ihrem Leben. Dies ist mir im Verlauf unseres Podcast-Gesprächs, wunderbar moderiert durch Tim Niedernolte, immer deutlicher geworden. In diesen Wochen kandidiert sie als Landrätin in Bayern. Das war nicht von langer Hand geplant, sondern auch das begann mit dem berühmten ersten Schritt: Als im Frühjahr 2025 in ihrem Wohnort die AfD über 20 % der Stimmen bekommen hatte, und weil zugleich der Gemeinderat fast nur aus Männern bestand, hat sie eine überparteiliche Veranstaltung organisiert. Ihr Ziel: Frauen zu motivieren, sich für ein politisches Amt zu bewerben. Nun kandidiert sie selbst. 
 

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Ronja von Wurmb-Seibel ist überzeugt: Echte Veränderung beginnt vor der eigenen Haustür. Denn wenn wir selbst den ersten Schritt setzen, ziehen ganz oft andere Menschen mit. Und mit der Zeit können wir gemeinsam Dinge erreichen, von denen wir kaum zu träumen gewagt haben. Ihre Freude steckt an, wenn sie mit einem Strahlen im Gesicht sagt: „Es macht wahnsinnig Spaß zu erleben, wie viel wir vor Ort verändern und verbessern können!“

Und ich stelle mir vor: Die Zukunft wird gut.

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Melanie Wolfers
Artikel von Melanie Wolfers
Philosophin, Theologin und Mutmacherin
Melanie Wolfers gehört zur internationalen Ordensgemeinschaft der Salvatorianerinnen, ist Bestseller-Autorin, betreibt den Podcast GANZ SCHÖN MUTIG. Sie ist freie Mitarbeiterin beim Michaelsbund und stellt als Host der ZDF-Serie "Die letzte Bank" Fragen an das Leben.