Sind Mini-AKW die Zukunft?
Das Reaktorunglück von Tschernobyl erschütterte vor 40 Jahren die Welt, weiterhin leiden Millionen Menschen unter den Folgen. Die Gefahr der Atomenergie ist seitdem offensichtlich – und doch wird sie wieder gefördert.
Die Aufnahme vom 10. August 2023 zeigt den Bau des weltweit ersten kommerziellen Mini-Atomkraftwerks in China. Foto: © imago/VCG
Leere Hochhäuser ragen in den Himmel, dazwischen ein verlassener Rummelplatz mit einem Riesenrad, der aussieht wie aus dem Set eines Horrorfilms. Ein paar Kilometer entfernt eine enorme weiße Kuppel, die einen der schlimmsten Unglücksorte der modernen Geschichte zwar verdeckt, aber zugleich umso mehr hervorhebt.
Das ukrainische Prypjat ist eine Geisterstadt – seit nunmehr 40 Jahren. Damals, am 26. April 1986, mitten in der Nacht, explodierte der Reaktor des nahe gelegenen Atomkraftwerks Tschernobyl. Der folgenschwerste Unfall der friedlichen Atomkraftnutzung ist je nach Schätzungen für mindestens 4.000 bis hunderttausend Todesfälle verantwortlich, Millionen Menschen leiden zudem noch heute unter den gesundheitlichen Folgen der Strahlung.
Bis heute Sperrzone
Die Region um das havarierte AKW in seinem weißen Sarkophag ist bis heute Sperrzone. Der rege Katastrophentourismus, der besonders nach der Netflix-Serie „Tschernobyl“ ab 2019 Fahrt aufnahm, ist seit dem Ausbruch des Krieges in der Ukraine praktisch zum Erliegen gekommen.
Die Strahlung, die von Tschernobyl ausging, breitete sich über ganz Europa aus. Doch mehr noch als die unsichtbare Gefahr war es damals vor allem der Schrecken über das Unglück, der sich wie ein Lauffeuer verbreitete und der Anti-Atomkraft-Bewegung neuen Antrieb verlieh.
Angst vor der Unsicherheit
Eine Reaktion auf höchster Ebene war die Einrichtung des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit im Juni 1986. Spätestens von da an war die Atomkraft neben ihrem Nutzen immer mit der Angst vor ihrer Unsicherheit belegt. Die Katastrophe von Fukushima 2011 war schließlich der Sargnagel für die Atomkraft – zumindest in Deutschland. Die damalige Bundesregierung beschleunigte den Atomausstieg; 2023 gingen die verbleibenden drei Kraftwerke vom Netz.
Beendet ist die Diskussion um die Atomkraft damit jedoch noch lange nicht. Im Gegenteil erhielt sie nun sogar wieder einen neuen Anstoß durch die EU. Anfang März kündigte Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen an, den Bau neuer Reaktortypen mit EU-Geldern fördern zu wollen. Entnommen würden die Mittel aus dem Emissionshandel, dem zentralen Element zur Reduktion von Kohlenstoffausstößen.
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Neuste Technik: Mini-AKW
Neuer Hoffnungsträger sind dabei sogenannte Small Modular Reactors, vereinfacht auch Mini-AKW genannt. Diese sollen flexibler und kostengünstiger als herkömmliche Atomkraftwerke errichtet werden können. Ihre Leistung sei zwar geringer, dafür produzierten sie auch weniger Wärme und sollen deswegen ungefährlicher sein. Ein Vorfall wie in Tschernobyl oder Fukushima sei mit ihnen praktisch ausgeschlossen, versprechen einige Technikexperten.
Gleichzeitig müssen sie aber auch eingestehen: Ein funktionsfähiger Prototyp eines solchen Mini-AKW existiert bisher nicht. Ob und wann die Technik großflächig eingeführt werden könnte, ist also noch unklar.
Krieg weckt alte Angst vor einem Blackout
Dennoch stellt die EU nun wieder Mittel für Atomstrom bereit. Stellt sich die Frage: Wie kann es 40 Jahre nach Tschernobyl zu dieser Renaissance kommen? Der Grund dafür hängt wohl auch mit der Ukraine zusammen. Denn durch den Krieg und die Sanktionen gegen Russland kam bekanntermaßen der Handel mit russischem Gas zu erliegen, das aber zuvor wichtig für die Energiegewinnung in Europa war. Nicht zuletzt durch russische Propaganda, die sich über Soziale Medien verbreitete, wuchs die Angst vor dem Blackout – dem großflächigen Stromausfall.
Dagegen sollen Atomkraftwerke helfen, verlässlicher und zumindest auch auf kurze Sicht umweltfreundlicher als Kohle oder Gas, da sie weder auf die fossilen Brennstoffe angewiesen sind noch im selben Maße CO2-Emissionen produzieren.
Umweltschützer: Zu teuer, zu gefährlich
Umweltschützer haben aber erhebliche Zweifel an dem Beschluss. „Neue Atomreaktoren wären viel zu teuer und kämen deutlich zu spät, um einen nennenswerten Beitrag zur Erreichung der Klimaziele zu leisten“, erklärt etwa der Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe, Sascha Müller-Kraenner. „Eine Förderung solcher technologisch unerprobten Konzepte aus dem EU-Haushalt ist deswegen falsch.“
Doch nicht nur das; auch Sicherheitsbedenken macht die Umwelthilfe geltend. „Die russischen Angriffe auf die Atomkraftwerke in der Ukraine zeigen, dass ein weiterer katastrophaler Atomunfall mitten in Europa jederzeit Realität werden könnte“, betont Müller-Kraenner. „Sogenannte kleine Modulare Reaktoren würden die Zahl der Ziele für einen militärischen oder terroristischen Angriff vervielfachen und damit das Risiko einer Atomkatastrophe multiplizieren.“
Johannes Senk



