Zukunft
19.09.2025

Das Ende der Lügenkultur im Netz? 

Likes und Algorithmen treiben „Fake News“ an – und untergraben Vertrauen, sagt ein Kommunikationsexperte. Er beschreibt die Gefahren für die Demokratie und fordert neue Plattformen als Wahrheitsinseln im Netz. 
    

Josef Krieg, Theologe und Kommunikationsexperte, hat das Buch „Vom Wert der Lüge. Wie die Wahrheit wieder gewinnt“ geschrieben. Josef Krieg, Theologe und Kommunikationsexperte, hat das Buch „Vom Wert der Lüge. Wie die Wahrheit wieder gewinnt“ geschrieben. Foto: © Jutta Thiel/KNA

„Lüge war immer, aber so viel Lüge war nie. Sie ist allgegenwärtig“, beklagt Josef Krieg, der unter anderem als persönlicher Assistent von Heiner Geißler und Pressesprecher von Angela Merkel (beide CDU) gearbeitet hat. In den Sozialen Medien, sagt Krieg, werde die Lüge von den großen Kommunikationsplattformen exponentiell produziert und global verbreitet. Inzwischen könne niemand mehr unterscheiden, ob eine Meldung im Internet wahr oder täuschend echt erfunden sei. „Was wir sehen, hören und lesen, verlangt nach Vertrauen. Und genau dieses Vertrauen gerät ins Wanken“, schreibt er in seinem neuen Buch „Vom Wert der Lüge“. 

Sensationsmeldungen, reißerische Schlagzeilen und dramatisch inszenierte Berichte: Auf TikTok, Instagram und Co. geht es dem Experten zufolge nicht in erster Linie um die Verbreitung von Fakten, sondern darum, möglichst häufig geklickt zu werden. Denn mit steigender Aufmerksamkeit und Verweildauer stiegen auch die Werbeeinnahmen im Netz. „Dadurch ist die Lüge zu einem relevanten politischen und ökonomischen Faktor geworden – sie ist ,Geld wert‘.“ 

Angstthemen verheißen viele Klicks 

Hinzu komme, dass Algorithmen aktiv mitbestimmten, welche Inhalte konsumiert würden. „Alles, was Gefühle wie Wut, Angst oder Empörung auslöst, wird bevorzugt ausgespielt“, erläutert der Autor. Die fatale Folge sei eine Diskursverengung auf Angstthemen und Negativismen. Filterblasen verstärkten diesen Effekt, indem sie das Angebot auf der Grundlage vorheriger Interaktionen personalisierten: „Wer ein Thema einmal geklickt hat, bekommt mehr davon. Wer eine These vertritt, findet sie bestätigt.“ Letztlich entstünden in sich geschlossene, gesellschaftliche Teilräume mit jeweils eigener Logik, die immer weiter auseinanderdrifteten. Das Verhängnisvolle daran: „Der öffentliche Diskurs verliert seine gemeinsame Basis, die Demokratie ihre Gesprächsgrundlage“, so Krieg. 

Doch der Autor analysiert im Buch nicht nur den Status quo. Vielmehr stellt er der gängigen, aus Amerika kommenden Plattformlogik ein Wahrheits-Modell für die Zukunft gegenüber. Dieses soll verlässliche Nachrichten, aber auch aufs Gemeinwohl ausgerichtete Möglichkeiten zum Diskurs bieten. Redaktionen und Verlage könnten, so Kriegs Vorschlag, Lizenzen für den Raum auf speziellen Plattformen vergeben – an Unternehmen, Institutionen und gesellschaftliche Gruppen. Die Lizenznehmer müssten sich dazu verpflichten, nach bestimmten ethischen Maßstäben zu agieren. Da das lokale und regionale Geschehen die Menschen weiterhin am meisten interessiere, bilde ein Lokaljournalismus neuer Ausprägung den Kern des Projekts.
     

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Vision: „Lebendiger Marktplatz“ im Netz 

Anders als bisher sei das „Projekt License“ aber keine Einbahnstraße mehr, in der Informationen an passive Leser weitergereicht würden. Vielmehr, so der Visionär, solle ein „lebendiger Marktplatz“ entstehen, auf dem sich Bürger, Wissenschaftler und Politiker „begegnen“ könnten. Beteiligte könnten Fragen stellen, Hinweise geben und Themen setzen. 

Die Redaktion, die den journalistischen Kern verantworte und über die Lizenzen wache, begleite den Prozess durch moderierte Gespräche, sorge für einen Tonfall, der die Würde des Gegenübers wahre, und dokumentiere die Ergebnisse des Austauschs in einer Wissensdatenbank. Diese könne – etwa unterstützt durch künstliche Intelligenz – bei ähnlichen Problemstellungen hilfreich sein. 

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Raum für Entschleunigung 

Besondere Bedeutung käme auf diesen „Wahrheitsinseln“ den christlichen Kirchen zu, die sich laut Krieg „nicht länger in Nischenmedien verstecken und auf Katzenpfoten in den sozialen Medien schleichen dürfen“. Ob als Betreiber eigener Plattformen, Mitgestalter einer europaweiten Lösung oder Gastgeber von Gesprächen: Die Kirchen müssten in „Kathedralen des digitalen Zeitalters“ investieren, wo mutige Glaubensvertreter ihre Stimme erheben und charismatische Persönlichkeiten als „Influencer Gottes“ auftreten könnten. 

Auch „digitale Klöster“, die unter anderem als Orte der Entschleunigung und Seelsorge dienen könnten, sind für den Visionär denkbar. „Die Plattform im Namen der Kirche soll nicht in erster Linie Reichweiten generieren, sondern Räume schaffen, in denen Vertrauen wachsen kann“, fordert der Autor. Die Mitte wäre deshalb kein Algorithmus, sondern die Überzeugung, dass der Mensch mehr ist als sein Profil im sozialen Netzwerk. 

Jutta Simone Thiel

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KNA
Artikel von KNA
Katholische Nachrichten-Agentur
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