Sie haben die Dinosaurier überlebt
Sie haben die Dinosaurier überlebt – doch Verkehr und Plastikmüll werden zur existenziellen Bedrohung für Schildkröten, deren Welttag am 23. Mai gefeiert wird. Umweltschutzorganisationen mahnen, und eine US-Autorin hat höchst lesenswerte Argumente gesammelt.
Eine Aldabra-Riesenschildkröte im Profil. Foto: © imago/Zoonar
Über 350 Arten, bis zu 150 Jahre alt und seit über 220 Millionen Jahren auf der Erde: Schildkröten sind besondere Tiere. Im Spielfilm-Hit „Konklave“ von 2024 tauchen sie – in einem Wasserbecken hinter den vatikanischen Mauern – mehrfach auf. Verschiedentlich als Symbol für spirituellen Wandel oder für Weisheit interpretiert, betonte Hauptdarsteller Ralph Fiennes seinerzeit einen anderen Aspekt: Es gehe um Sorgsamkeit und die Fähigkeit eines Papst-Kandidaten, Menschen an ihre ethische Verantwortung zu erinnern.
Dem verstorbenen Papst Franziskus, der damals noch an der Spitze der katholischen Kirche stand, wurde wiederum einmal die „Strategie der Schildkröte“ attestiert: Die Tiere gingen langsam, aber stetig weiter, „mit kleinen Schritten, aber vorwärts“, erklärte Vatikan-Experte Marco Politi.
Autos, Mähroboter, Müll
Die Langsamkeit wird Schildkröten mitunter zum Verhängnis. Häufiger als von Autos und Mährobotern werden sie allerdings von illegaler Jagd oder Haltungsfehlern bedroht oder – im Meer – von Plastikmüll, den sie versehentlich fressen. Am 23. Mai erinnert seit dem Jahr 2000 ein Aktionstag an ihren Schutz.
Sy Montgomery ist Naturforscherin und in den USA sowohl für Kinderbücher als auch Sachliteratur bekannt. Über Schildkröten hat sie mehrfach geschrieben; zuletzt ist ihr persönlicher Bericht als Reptilien-Helferin erschienen. Das liest sich mal amüsant, mal amerikanisch-kitschig, aber insgesamt schlicht überzeugend. Schon auf den ersten Seiten staunt man: über Schildkröten, die sich zielstrebig bewegen, Menschen erkennen, schwerste Verletzungen nach Monaten überwinden.
Anekdoten über Schildkröten
In den Anekdoten aus der „Turtle Rescue League“ lernt man viel – etwa über Nester, die Schildkröten für ihre Eier graben, darüber, warum viele Arten im Winter eher im Wasser überleben als an Land, oder auch, wie man eine Schnappschildkröte gefahrlos hochhebt. Auch die Wahrnehmung verschiedener Tiere wird erklärt; während etwa Insekten deutlich mehr Bilder pro Sekunde verarbeiten können als der Mensch, sind es bei Schildkröten viel weniger.
Manche Beobachtungen sind pointiert und herzerwärmend zugleich: etwa, dass Babyschildkröten besonders süß seien, weil ihre Gesichter so faltig sind, wie man es eigentlich von alten Lebewesen erwarte. An anderer Stelle berührt das Buch mit überraschenden Erfahrungen. „Ich helfe dir“ sei oft das Einzige, was man jemandem sagen könne – auch einer Schildkröte mit gebrochenem Panzer.
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Technik zum Panzerkleben
Montgomery vergleicht die Technik, nach der die Panzer geklebt werden, mit dem japanischen Kintsugi: „Anstatt zu versuchen, das Gefäß wie neu aussehen zu lassen und die Brüche zu verbergen, klebt der Handwerker die gebrochenen Kanten mit einem speziellen Lack zusammen, der mit Gold, Silber oder Platin versetzt ist. Dies spiegelt die Philosophie des Wabi-Sabi wider, die die Idee des Alterns und der Unvollkommenheit umarmt, die Schönheit zerbrochener Dinge feiert, die Auswirkungen der Zeit ehrt.“
In den USA leben zahlreiche Populationen in freier Wildbahn; hierzulande kommt nur die Europäische Sumpfschildkröte vor. Sie ist vom Aussterben bedroht und streng geschützt. Gefährdet sind sie laut Bundesamt für Naturschutz, weil Gräben im Winter geräumt werden, aber auch durch Reusenfischerei und die Trockenlegung von Gewässern, auf Wanderungen durch den Straßenverkehr. Etwa in der Mecklenburgischen Seenplatte erholen sich die Bestände laut Medienberichten allmählich – weil Schutzmaßnahmen greifen.
Kuscheln bedeutet oft Stress
In Teichen leben oft eher Schmuckschildkröten. Nicht alle Arten sind jedoch für private Haltung geeignet. Nötig sind laut Fachleuten in jedem Fall ausreichend Platz sowie ein passend ausgestattetes Terrarium beziehungsweise ein Außengehege. Streicheln oder Kuscheln bedeuten für die Wildtiere eher Stress – und für einige Arten braucht man eine offizielle Genehmigung, die sogenannte EG-Bescheinigung. In Teichen leben oft eher Schmuckschildkröten. Nicht alle Arten sind jedoch für private Haltung geeignet. Nötig sind laut Fachleuten in jedem Fall ausreichend Platz sowie ein passend ausgestattetes Terrarium beziehungsweise ein Außengehege. Streicheln oder Kuscheln bedeuten für die Wildtiere eher Stress – und für einige Arten braucht man eine offizielle Genehmigung, die sogenannte EG-Bescheinigung.
Die Tierschutzorganisation Peta kritisiert, dass Interessierten oft nahegelegt werde, Schildkröten-Haltung sei bequem. Dies sei nicht der Fall – vielmehr handle es sich um „überaus anspruchsvolle und sensible tierische Mitbewohner“.
Paula Konersmann



