Kultur und Wissen
31.10.2024

„In God we trust“ – die USA und ihr Glaube

Politik und Religion sind in den USA eng verflochten – das zeigt der Wahlkampf zweier Kandidaten, die von ihren Anhängern messianisch verehrt und von den Gegnern verteufelt werden. Der Theologe und US-Experte Andreas Weiß erklärt im Interview, warum das so ist.

Andreas Weiß lernte die USA ab 2010 im Zuge mehrerer Studien- und Lehraufenthalte gut kennen. Andreas Weiß lernte die USA ab 2010 im Zuge mehrerer Studien- und Lehraufenthalte gut kennen. Foto: © eds/naghshi

Herr Weiß, gemäß dem ersten Verfassungszusatz herrscht in den USA Religionsfreiheit bei gleichzeitiger Trennung von Staat und Religion – welche Bedeutung hat Religion trotzdem für das politische System in den Vereinigten Staaten?

Andreas Weiß: Zuallererst einmal: Für viele Europäer erscheint die US-Politik und speziell der Stellenwert der Religion manchmal wie eine fremde Welt – und umgekehrt. Die gegenseitige Wahrnehmung ist geprägt von Stereotypen. Die Realität ist sehr viel komplexer. Die USA haben einen vollkommen anderen geschichtlichen Hintergrund als Europa.


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Inwiefern?

In Europa waren Politik und Religion über Jahrhunderte eng verwoben, umso stärker war die Säkularisierung, mit der sie nach Aufklärung getrennt wurden. In Amerika dominierte hingegen keine einzelne Religion. Es gab schon von Beginn an eine große Vielfalt unterschiedlicher Bekenntnisse. Als die Vereinigten Staaten im 18. Jahrhundert gegründet wurden, entschied man sich deshalb dazu, keine bestimmte Religion zu protegieren oder zu reglementieren, sondern das Thema politisch weitestgehend auszuklammern. Die Verfassung garantiert stattdessen Religionsfreiheit in sehr liberaler Form: Jede Religion darf sich frei entwickeln, solange sie die öffentliche Ordnung nicht stört.

Seit der Gründung der Vereinigten Staaten bis zum heutigen Status-Quo hat sich offensichtlich einiges getan, denn heute ist Religion aus der US-Politik nicht mehr wegzudenken, oder?

In den USA gibt es keine Berührungsängste der Politik mit Religion. In Europa hingegen werden religiöse Äußerungen und Positionen von Politikern in der öffentlichen Wahrnehmung eher als unpassend empfunden. Für viele Europäer ist Religion nicht Aufgabe von Politikern. In Amerika wird Religion hingegen als Teil der persönlichen Glaubwürdigkeit gesehen und auch vorausgesetzt. Politiker und Politikerinnen tun sich sehr schwer, Authentizität nach außen zu artikulieren, wenn sie nicht auch eine religiöse Position beziehen. Daher wird mit religiösen Themen auch offensiv Wahlkampf gemacht.

„In God we trust“ ist seit 1956 Wahlspruch der USA – welche Rolle spielt die Religion denn für das Selbstverständnis der amerikanischen Bürger?

Sie ist Teil des amerikanischen Patriotismus. Spannend ist daran, dass der Gottesbezug zwar hergestellt wird, aber kein bestimmtes Bekenntnis hervorgehoben wird. Es wird nicht gesagt, ob dieser Gott auf den Dollarnoten nun christlich, jüdisch oder muslimisch ist. Es handelt sich um ein bewusst sehr inklusiv gehaltenes Gottesbild, mit dem sich möglichst viele Menschen unterschiedlichen Glaubens identifizieren können sollen. Die Perspektive vieler Europäer auf die USA bildet diese Vielfalt selten ab. Hier wird häufig geglaubt, traditionell oder konservativ bedeutet automatisch so viel wie evangelikal oder fundamentalistisch.

Genau diese Strömungen versuchen doch auch den amerikanischen Gottesbegriff zu vereinnahmen?

Dass religiöse Gruppen den Gottesbegriff gemäß ihrer eigenen Tradition und Strömung interpretieren, ist ganz normal. Von politischer Seite problematisch ist aber, dass immer mehr Gruppierungen das Gelingen des ganzen Landes von ihrem Gottesbild und folglich auch von der Einhaltung ihrer Wertvorstellungen und Dogmen abhängig machen, ohne Spielräume für Kompromisse bei bestimmten Themen offen zu lassen. Ganz anders, als das zum Beispiel noch im 20. Jahrhundert unter Billy Graham der Fall war. Der evangelikale Prediger hat sein Wirken gerade nicht auf ein bestimmtes Bekenntnis hin ausgerichtet, sondern stattdessen versucht, auch konservative Katholiken und Orthodoxe für die Republikaner zu gewinnen. In den letzten Jahren zeigt sich nun ein starker Trend zur Fragmentierung. Bestimmte Pastoren propagieren immer stärker das Zusammenfallen ihrer partikulären Bekenntnisformen und Wertvorstellungen mit der – man kann sagen – Berufung der USA. Verlässt die Politik den von ihnen gepredigten Pfad, wird darin das Scheitern des ganzen Landes gesehen. Deshalb werden gerade die Debatten innerhalb der Republikanischen Partei immer schwieriger.

Wie schafft es gerade Donald Trump, der zwar presbyterianisch getauft ist, aber sich als nicht konfessionsgebundenen Christen beschreibt, die gespaltene religiöse Konservative hinter sich zu einen?

Bis heute gelingt es ihm, den Menschen in Amerika zu suggerieren, dass es ihnen sehr schlecht geht und sie sich in einer der größten Krisensituationen der Landesgeschichte befinden. Obwohl Zahlen und Fakten das eindeutig widerlegen. Trotzdem wird diese Krisenstimmung von der republikanischen Partei gezielt weiterverbreitet – quasi als politische Autosuggestion. Wird etwas Falsches häufig genug und von ausreichend vielen Personen wiederholt, wird es geglaubt. Die Folge: Die Wähler sehnen sich nach einem Retter, der von außen kommt und das System repariert. Dem politischen Quereinsteiger Donald Trump ist es nachhaltig gelungen, sich als diesen Erlöser zu inszenieren. Er wird von seinen Anhängern teils verehrt wie der Messias. So ist es ihm gelungen, diverse religiöse Strömungen für sich zu gewinnen, wobei er gleichzeitig als Präsident vermieden hat, sich vor den Karren einer bestimmten Gruppe spannen zu lassen. Stattdessen hat er sehr erfolgreich religiöse Symbolpolitik betrieben. Zum Beispiel die Verlegung der amerikanischen Botschaft in Israel von Tel Aviv nach Jerusalem oder die Nachbesetzung von obersten Richtern am Supreme Court mit Abtreibungsgegnern.

Abgesehen von Symbolpolitik – was haben konservative religiöse Kräfte davon, sich so stark für Trump einzusetzen?

Zentrale Figuren der Religionslandschaft, die vor allem in der Republikanischen Partei eine Rolle spielen, sehen die heutige Zeit als endzeitlichen Kulturkampf. Viele ihrer Anhänger glauben an die wörtliche Interpretation der Bibel und deuten die Gegenwart geschichtstheologisch als Zeit der Entscheidung. Vor dem Hintergrund dieser vermeintlichen Endzeit erfüllen konservative Kräfte die Sehnsucht nach Stabilität und Sicherheit vieler Gläubiger, während die Demokraten und allgemein die Suche nach neuen Wegen und modernen Konzepten als Gefahr wahrgenommen werden. Gleichwohl nutzen auch die Demokraten dieses eschatologische Setting und inszenieren wiederum Kamala Harris als die Retterin vor Trump. Als Frau ethnisch-diverser Abstammung und Angehörige einer modernen baptistischen Strömung ist sie damit für viele progressive Christen die ideale Kandidatin.

Wenn, wie Sie sagen, Zahlen die Krise im Land kaum belegen können, woher kommt dann die endzeitliche Stimmung, die ja offensichtlich in Teilen parteiübergreifend ist?

Betrachtet man die Entwicklung der letzten 20 Jahren, lässt sich eine weitverbreitete Orientierungslosigkeit beobachten. Das Selbstverständnis als Vorreiternation beziehungsweise Vorbild für die Welt und der damit verbundene Nationalstolz bröckeln. Viele fragen sich schon seit Jahren: Warum engagieren sich die USA in der Welt? Das Vertrauen in die eigene Stärke bekommt immer tiefere Kratzer. Das Land befindet sich in einer Art Identitätskrise. Die Ursprünge dafür liegen schon in den 90ern, als mit dem Kommunismus der große gemeinsame Feind wegfiel. Inzwischen stellen viele Amerikaner auch fest: Man ist nicht mehr die unangefochtene Nummer 1 in der Welt. Politisch und wirtschaftlich erstarkt die Konkurrenz. Darunter leidet das Selbstvertrauen der USA, wo man sich lange als das gotterwählte Volk verstanden hat. Für viele konservative Religiöse haben die Vereinigten Staaten ihre göttliche Berufung verloren, wofür sie besonders die Liberalen verantwortlich machen. Aktuell tobt ein Richtungskampf: Wo soll es mit den USA hingehen und was ist eigentlich das ideologische Fundament des Landes? Der Sturm auf das Kapitol hat gezeigt, dass die Verfasstheit der ganzen Nation in Frage gestellt wird – nicht von Feinden aus dem Ausland, sondern von Teilen der eigenen Bevölkerung. Das hat ein tiefes Trauma hinterlassen, das meiner Meinung nach noch schwerer wiegt als die Anschläge vom 11. September.

Welche Lehren kann Europa aus der Situation in Amerika ziehen?

Klar muss sein: Trump ist kein amerikanisches Phänomen. Ähnlich wie er 2016 die altehrwürdige Republikanische Partei komplett um sich herum konstruiert und vereinnahmt hat, ist das Sebastian Kurz auch mit der österreichischen ÖVP gelungen. Politischen Personenkult sieht man auch bei Meloni in Italien oder bei Macron in Frankreich. Davor waren es die Europäer jahrzehntelang gewohnt, dass die Politik vor allem von parteilichen Narrativen geprägt war. Ganz anders als heute, wo Spitzenpolitiker sich vor allem situativ inszenieren und sich damit profilieren, dass sie nicht an irgendwelche Parteigrundsätze gebunden sind.

Welche Rolle wird Religion in der künftigen Politik spielen?

Selbst wenn Donald Trump die Wahl verliert, wird er und sein Stil die Politik noch lange prägen. Das gilt für die USA, aber auch darüber hinaus. Aktuell habe ich wenig Grund zum Optimismus, dass sich die religiöse Deutung von Politik entschärft. Grund dafür ist, dass das religionspolitische Feld aktuell überall auf der Welt von rechten und populistischen Kräften beackert wird. Ich hoffe, dass es auch konstruktiven Kräften wieder gelingt, Religion, Spiritualität und Werte von anderer Seite aufzugreifen. Und zwar produktiv – als Gegenangebot zu religiösen Deutungen, die nur von Angst, Unsicherheit und Abwehrhaltung getragen werden. Dazu müssten andere Parteien aber bereit sein, religiöse Themen offener anzusprechen. Gemäßigte politische Kräfte dürfen Religion nicht länger ignorieren und sie den Rechten überlassen. Sie müssen Religion stattdessen als die gesellschaftsgestaltende Kraft wahrnehmen, die sie immer noch ist.

Zum Nachhören

Im MKR-Magazin in der Episode vom 4.11. Kapitelmarke „US-Wahlkampf" ab Minute 2:23:

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Korbinian Bauer
Artikel von Korbinian Bauer