Stadtentwicklung
Geisterdörfer rund um München
Rund um München wurden im 19. und 20. Jahrhundert einige Dörfer abgerissen. Unterschiedlichste Gründe waren dafür verantwortlich – von der Epidemie bis zum modernen Großbauprojekt. In diesen Wüstungen, wie die aufgegebenen Siedlungen heißen, blieben oft nur die Kirchen stehen.
St. Martin in der Wüstung Mallertshofen. Foto: © Burghardt
Zunächst deutete nichts auf das Schicksal hin, das Mallertshofen ereilen sollte. Rund ein halbes Jahrtausend lang hatte der kleine Weiler in der weiten Heidelandschaft nördlich von München existiert, war zwischenzeitlich Sitz einer Pfarrei geworden und durfte sich im Jahr 1628 sogar darüber freuen, dass Kurfürst Maximilian die Anwesen erwarb und eine Ortsverschönerung inklusive Kirchenrenovierung veranlasste.
Plötzlich folgte ein Unglück auf das andere: 1632 zog das plündernde schwedische Heer durch, 1634 brach die Pest aus, noch im selben Jahr und abermals 1644 kam es zu extremen Trockenperioden, die Hungersnöte auslösten. Doch die Mallertshofener trotzten vorerst diesen Widrigkeiten. Eine weitere tiefe Krise beutelte den Weiler Anfang des 19. Jahrhunderts, als wiederum Soldaten – diesmal französische – plünderten, sich einquartierten und die Bewohner misshandelten. Zudem kam es abermals zu einer großen Trockenheit, und eine Viehseuche dezimierte den Nutztierbestand drastisch.
Die Einwohnerzahl sank
„Ganz isoliert und vereinödet“ sei die Kirche gewesen, verzeichnet die Chronik, der Abriss drohte, konnte aber mit Spenden und der Hilfsbereitschaft von Bauern aus der Umgebung verhindert werden. Doch als Wohnort war Mallertshofen nicht mehr zu retten: Die Einwohnerzahl sank von 13 im Jahr 1818 auf nur noch acht im Jahr 1849, wenig später begann man die ersten Höfe abzureißen. Mit dem Abbruch der letzten Wirtschaftshöfe im Jahr 1879 endete nach über 700 Jahren die Siedlungsgeschichte, Mallertshofen verwandelte sich in eine sogenannte Wüstung. Nur ein einziges Gebäude blieb stehen: die romanische Kirche St. Martin.
Und heute? Nur gute 500 Meter von der vielbefahrenen Bundesstraße 13 entfernt, nahe der Kreuzstraße bei Lohhof, steht das Kirchlein von Mallertshofen noch immer an seinem angestammten Platz. Durch Bäume den Blicken entzogen, liegt es im Naturschutzgebiet Mallertshofer Heide inmitten einer weitläufigen Wiesenlandschaft mit Kiefernwäldern und ist nur zu Fuß oder mit dem Fahrrad erreichbar. Ein paar stark verwitterte Grabkreuze erzählen Geschichten aus alter Zeit, als hier noch Begräbnisse stattfanden.
Sporadische Gottesdienste und Konzerte
Der Blick ins Innere der Kirche fällt hingegen auf zwei Wandgemälde, die erst 1998 angefertigt wurden. Rund zweimal jährlich fand bis zur Corona-Pandemie noch ein Gottesdienst in St. Martin statt, sporadisch gab es auch danach noch kleine Freiluftkonzerte. Etwa 50 Gläubige aus der Lohhofer Pfarrei St. Korbinian fühlen sich dem Kircherl bis heute verbunden und sind regelmäßige Gäste.
Mallertshofen ist kein Einzelfall. Noch einige weitere Wüstungen, aufgegebene Siedlungen also, gibt es in der Münchner Umgebung, und um jede einzelne ranken sich kuriose Geschichten. Zum Beispiel Oberberghausen im Kranzberger Forst westlich von Freising. Keine schwedischen oder französischen Heere, sondern die eigene staatliche Forstverwaltung wurde diesem Ort zum Verhängnis, denn er befand sich inmitten des Staatswalds und sollte einer großflächig angelegten Weidenkultur weichen. Man spekulierte im Hinblick auf die regionale Korbflechterei auf großen Profit, zudem wollte man in einem Versuchsgarten mit exotischen Gehölzen experimentieren.
St. Clemens in der Wüstung Oberberghausen. Foto: © Burghardt
Beliebte Waldkirche Oberberghausen
1884 – und damit nur fünf Jahre nach Mallertshofen – nahm der letzte Oberberghauser Bauer seinen Hut, die Gebäude des Ortes wurden abgebrochen. Doch auch hier rührte man die Kirche nicht an: St. Clemens blieb mitsamt dem Friedhof und seinen sehenswerten Grabkreuzen stehen und erfreut sich bis heute eines regen gottesdienstlichen Lebens. Unter maßgeblicher Hilfe des „Vereins zur Erhaltung der Waldkirche Oberberghausen“ instand gehalten, wird hier zwischen Ostern und Weihnachten monatlich Eucharistie gefeiert, zudem ist die Kirche für Hochzeiten beliebt. Zwischen 100 und 200 Gläubige kamen zuletzt vor allem aus Freising und Thalhausen zu den meist im Freien gefeierten Gottesdiensten. Am weihnachtlichen Hirtenamt nahmen sogar regelmäßig an die tausend Besucher teil. Damit erfuhr das Kirchlein paradoxerweise in jüngster Vergangenheit mehr Zulauf, als es zu Zeiten des Dorfs Oberberghausen jemals hatte.
Und auch Bittgänge haben die einsame Waldkirche St. Clemens zum Ziel: Im Jahr 2020 feierten die Bewohner von Sünzhausen und Gremertshausen, zwei nahe gelegenen Ortschaften, das 100. Jubiläum ihres Bittgangs, der 1920 anlässlich der Heimsuchung durch die Maul- und Klauenseuche ins Leben gerufen worden war. Die Weidenkultur, der Oberberghausen seinerzeit weichen musste, hatte sich übrigens als Reinfall erwiesen und war zu diesem Zeitpunkt längst wieder aufgegeben worden. Die Pflanzung exotischer Bäume hatte man jedoch fortgeführt – sie bildete die Keimzelle des heutigen Bayerischen Landesarboretums, das unter dem Namen „Weltwald Freising“ zum Waldspaziergang und zur Erkundung von über 300 verschiedenen Baum- und Straucharten einlädt.
St. Ulrich über dem Würmtal
Ein merkwürdiger Ort ist auch St. Ulrich in Königswiesen. Südlich von Gauting direkt an der Hangkante über dem tief eingegrabenen Würmtal gelegen, versteckt sich der im Kern spätgotische Bau tief im Wald. Auch hier war im 19. Jahrhundert Schluss mit der kleinen Siedlung. Als Anfang ihres Endes gilt der Bau der Bahnlinie von München nach Starnberg 1854, der die Flächen des Gutes Königswiesen zerschnitt. 1865 wurden die Gebäude abgerissen, als einziges Gebäude blieb wiederum die Kirche stehen. Nur am Ulrichstag fand dort in den vergangenen Jahren noch eine Messfeier statt, sonst wurde das einsame Gotteshaus gelegentlich noch für Andachten mit Gautinger Firmlingen sowie von der evangelischen Gemeinde genutzt, die in der Kirche auch regelmäßig nach dem Rechten sah.
Die Kirche St. Ulrich steht einsam im Wald über dem Würmtal. Foto: © Burghardt
[inne]halten - das Magazin 25/2025
Suche nach Einheit
Papst Leo beschwört am Ort des Konzils von Nizäa die Gemeinschaft der Christen.
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Älteste Kirche auf Münchner Stadtgebiet
Die weitaus bekannteste Wüstung rund um München dürfte Fröttmaning sein, das immerhin als Name einer U-Bahn-Haltestelle, eines großen Schuttbergs mit Windrad und vor allem als Standort der weltbekannten Münchner Fußballarena weiterlebt. Mittendrin auch hier eine Kirche, deren ungewöhnlicher Standort – gut versteckt unmittelbar neben einer Abbiegespur des Autobahnkreuzes München-Nord – sich gleichermaßen mit „am Ende der Welt“ und „im Auge des Sturms“ beschreiben ließe. Hunderttausende Pendler und Reisende brausen hier auf einer der europäischen Hauptverkehrsachsen vorbei, ohne von dem unscheinbaren Gotteshaus Notiz zu nehmen. Und nur die Wenigsten wissen, dass die Heilig-Kreuz-Kirche die älteste Kirche auf Münchner Stadtgebiet ist. Mehr noch, in ihrem Inneren verbirgt sich auch die älteste Christus-Darstellung in ganz Bayern!
Die Kirche Heilig Kreuz in Fröttmaning. Foto: © Burghardt
Das romanische Gotteshaus ist der letzte Überrest eines kleinen Dorfs, in dem weit über tausend Jahre lang Menschen gelebt, gearbeitet und gebetet haben – bis die moderne Welt nach dem Zweiten Weltkrieg mit dem Bau der Autobahn und der Mülldeponie unbarmherzig über die Fröttmaninger Gutshöfe hereinbrach und das Ende des Orts besiegelte. Wer die Kirche heute besuchen will, muss sie erst einmal finden – kann aber im Gegensatz zu den anderen Wüstungskirchen rund um München mit dem Auto hinfahren.
Auch Kapellen wurden abgerissen
Natürlich wurden auch einige kleine Siedlungen aufgegeben, in denen es keine Kirche oder Kapelle gab, so zum Beispiel die Einödhöfe Dürnberg bei Straßlach, Brunnhaus bei Grünwald und Harring bei Weyarn. Diese lösten sich buchstäblich in Nichts auf und leben nur als Namen in historischen Karten fort. Aber auch wenn ein Gotteshaus vorhanden war, genoss dieses nicht automatisch Schutz vor dem Abriss: Im Kreuzlinger Forst südlich von Germering wurde die uralte Waldschwaige Kreuzing mitsamt ihrer Nikolaus-Kapelle abgebrochen – auch sie, wie so viele andere, im späten 19. Jahrhundert.
Deutlich später schlug der Streusiedlung Franzheim im Erdinger Moos die Stunde: Erst Anfang des 19. Jahrhunderts gegründet und seit 1957 Standort einer dem heiligen Rasso geweihten Filialkirche, war schon Ende der 1970er Jahre wieder Schluss: Um Platz für den neuen Münchner Flughafen zu schaffen, musste Franzheim weichen. St. Rasso wurde nach einem letzten Gottesdienst 1977 profaniert und danach abgerissen, über 200 Einwohner suchten eine neue Heimat. Franzheim dürfte damit in der Münchner Umgebung vermutlich die Wüstung mit der geringsten vormaligen Lebensdauer und zugleich die mit den meisten Einwohnern sein.
Versetzung des Dorfes Fall
Und dann wäre da noch das Dorf Fall im Isarwinkel: Da der Weiler dem geplanten Sylvenstein-Stausee im Weg stand, beschloss man, ihn abzureißen. Nur einen Kilometer weiter südlich baute man 1956 einen höher gelegenen Ersatzort, Neu-Fall, und siedelte die Bewohner dorthin um. Eine Zeit lang existierten beide Dörfer parallel, doch dann stand unweigerlich die Flutung des Stausees bevor, und Alt-Fall sah mitsamt der Marienkapelle seinem Ende entgegen. Im August 1958 las der Pfarrer die letzte Messe und schrieb hinterher: „Wir sangen am Schluss – zum Teil unter Tränen – ein Dank-Te-Deum für allen Gnadensegen, der in mehr als zwei Jahrhunderten von diesem zum Abbruch bestimmten Gotteshaus ausgeströmt ist.“
Doch schon eine Woche später wurde die neue, mit Gemälden und Figuren aus der alten Kapelle ausgestattete Kirche Maria Königin im neuen – heutigen – Dorf Fall eingeweiht. Die Ruinen von Alt-Fall aber gingen 1959 im Isar-Wasser unter – und anders als im Südtiroler Dorf Graun, das wenige Jahre zuvor im aufgestauten Reschensee versunken war und wo noch heute der berühmte Kirchturm aus dem Wasser ragt, verschwand die Kapelle von Alt-Fall vollständig.
Wehrhafte Zeitzeugen
Die Geschichte der Wüstungen und ihrer Kirchen ist also eine Geschichte von Umbrüchen und Zeitenwenden. Sie erzählt von plündernden Heeren, Epidemien, Hungersnöten, und später von gewaltigen Bauprojekten – Bahnlinien, Autobahnen, Flughäfen, Stauseen –, nach denen nichts mehr war wie zuvor. Umso verblüffender ist es, dass nicht wenige Gotteshäuser diesen schicksalhaften Ereignissen standgehalten haben. An heute verlassenen Orten halten sie beinahe unbemerkt weiterhin die Stellung, die Kirchentür an den meisten Tagen des Jahres fest verriegelt. Als versteckte Mahnmale der Vergänglichkeit bestehen sie fort – wehrhafte Zeitzeugen im Zeichen des Kreuzes.



