Kultur und Wissen
02.01.2026


Dreiecke, Pyramiden und Kirchtürme 

Im Jahr 1761 wurde die Landesvermessung Bayerns mit modernen Methoden in Angriff genommen. Aber erst 1801 gelang mit der Messung der sogenannten Basislinie zwischen Unterföhring und Aufkirchen der Durchbruch, der zur vollständigen Kartierung des Landes bis 1864 führte. Eine zentrale Rolle spielten bei alledem auch Kirchen. 

     

Noch heute steht bei Aufkirchen die Basispyramide. Die Verbindungslinie zwischen Aufkirchener Kirchturm und Pyramide würde nach 21 Kilometern exakt zur zweiten Basispyramide und danach weiter zum Münchner Liebfrauendom führen. Noch heute steht bei Aufkirchen die Basispyramide. Die Verbindungslinie zwischen Aufkirchener Kirchturm und Pyramide würde nach 21 Kilometern exakt zur zweiten Basispyramide und danach weiter zum Münchner Liebfrauendom führen. Foto: © Burghardt

Was haben die Kirchen St. Margaretha in Günzlhofen (Landkreis Fürstenfeldbruck), St. Urban in Mittbach (Landkreis Erding) und St. Johannes der Täufer bei Oberweißenkirchen (Landkreis Traunstein) gemeinsam – abgesehen davon, dass sie in kleinen Dörfern stehen und wenig bekannt sind? Vereinfachen wir dieses schwere Rätsel mit einer zweiten Frage: Was haben nicht nur die drei genannten, sondern auch noch die Gotteshäuser in Schweitenkirchen, Altomünster, Hohenschäftlarn, Andechs und auf dem Hohen Peißen-berg alle miteinander gemeinsam? Jetzt könnte es dämmern: Sie befinden sich alle auf gut sichtbaren Anhöhen. Und genau aus diesem Grund hat man sie gebraucht: zur Landesvermessung Bayerns. 

Das Ziel der Herstellung von genauen Landkarten, die unter anderem für die Besteuerung wichtig waren, verfolgte die bayerische Regierung ab Mitte des 18. Jahrhunderts. Damals besaß man nur die fast 200 Jahre alten Karten des Philipp Apian, die modernen Anforderungen nicht mehr genügten. Eine günstige Gelegenheit ergab sich 1761, als der französische Vermesser und Astronom César-François Cassini de Thury auf der Reise von Paris nach Wien auch in München Station machte. Vertreter der Bayerischen Akademie der Wissenschaften baten Cassini, an Ort und Stelle professionelle Messungen vorzunehmen und damit eine Grundlage für eine Vermessung des ganzen Landes zu schaffen.   

Erste Basislinie zwischen München und Dachau 

Diesem Wunsch kam der Vermesser nach und maß zunächst eine 3,7 Kilometer lange Teststrecke in München ab. Dies diente allerdings nur der Vorbereitung einer deutlich schwierigeren Aufgabe: der Messung der knapp 17 Kilometer langen Strecke von München nach Dachau, konkret vom Nordturm der Frauenkirche bis zum Kirchturm von St. Jakob in Dachau. Diese Strecke sollte als sogenannte Grund- oder Basislinie für die weitere Vermessung Bayerns dienen.  

Zum besseren Verständnis sei hier das damalige Grundprinzip der Landesvermessung erklärt: Zunächst benötigt man eine Basislinie – eine gerade, möglichst lange Strecke zwischen zwei Punkten, die untereinander Sichtkontakt haben. Diese Linie muss händisch gemessen werden, zum Beispiel indem man exakt geeichte Messlatten vom ersten Punkt aus so oft hintereinanderlegt, bis man den zweiten erreicht. Sobald man die Distanz ermittelt hat – in diesem Fall zwischen München und Dachau –, kann man einen dritten Punkt anpeilen, der von beiden Kirchtürmen aus sichtbar ist – stellen wir uns hypothetisch eine Turmspitze von Schloss Schleißheim vor. München, Dachau und Schleißheim bilden jetzt also ein riesiges Dreieck. 
     

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Bei der genaueren Betrachtung der Basispyramide bei Aufkirchen fällt eine verschlossene Metalltür auf, darunter steht eingraviert: „Ende der zwischen München und Aufkirchen im Jahre 1801 gemessenen Grundlinie“. Bei der genaueren Betrachtung der Basispyramide bei Aufkirchen fällt eine verschlossene Metalltür auf, darunter steht eingraviert: „Ende der zwischen München und Aufkirchen im Jahre 1801 gemessenen Grundlinie“. Foto: © Burghardt

Prinzip der Triangulierung 

Nun kommt die Geometrie ins Spiel: Denn wenn man eine Seitenlänge eines Dreiecks kennt (die zuerst gemessene Basislinie München–Dachau!) und zusätzlich die Innenwinkel des Dreiecks bestimmt (was mit optischer Peilung recht einfach ist), kann man die beiden anderen Seitenlängen (also München–Schleißheim und Dachau–Schleißheim) berechnen und spart sich die Arbeit, auch diese im Gelände zu vermessen. Anschließend kann man einen vierten Punkt anpeilen, die Winkel des neu entstehenden Dreiecks messen, die Seitenlängen berechnen und so weiter. Auf diese Weise peilt und rechnet man sich mit immer neuen Dreiecken elegant durchs Land, weswegen diese Methode auch Triangulierung heißt. Alles steht und fällt aber mit einer möglichst langen Basislinie, die zu Beginn exakt von Hand gemessen werden muss. 

Und genau das war gar nicht so einfach: Eine nach den Vorgaben Cassinis durchgeführte erste Messung von München nach Dachau, die Ende 1762 knapp einen Monat in Anspruch nahm, stellte sich aus verschiedenen Gründen als fehlerhaft und unbrauchbar heraus. Peter von Osterwald nahm 1764 eine neue Messung in Angriff und maß dabei nicht nur die einfache Strecke, sondern zur Kontrolle auch wieder von Dachau nach München zurück – und das sogar in insgesamt nur neun Tagen. Doch wiederum gab es ein Problem: Seine beiden Messwerte wichen drei Meter voneinander ab. Osterwald schrieb dies den höheren Temperaturen bei der Rückmessung zu, doch in Wahrheit war die veränderte Luftfeuchtigkeit der Grund dafür, dass sich die Länge der hölzernen Messlatten minimal änderte, was eine aufsummierte Differenz von drei Metern verursachte – zu ungenau für eine gute Basislinie! 

Hilfsmessungen und Berechnungen 

Und es gab noch weitere Herausforderungen: Da man mit dem Verlegen der Messlatten nicht direkt an der Frauenkirche beginnen konnte – es waren ja die Gebäude der Münchner Altstadt im Weg! –, musste man am Stadtrand anfangen, von wo aus eine tatsächlich schnurgerade begehbare Linie bis Dachau frei war; aus demselben Grund musste die Messung vor der Dachauer Altstadt auf freiem Feld enden. Die beiden deswegen fehlenden Anfangs- und Endstücke der Basislinie konnte man nur mittels zusätzlicher Hilfsmessungen und Berechnungen ermitteln. Genau dies wurde 1764 aber nicht zu Ende geführt. Auch die folgenden Jahre brachten keinen Erfolg, mehrere weitere Versuche liefen ins Leere.  

Das änderte sich erst mit der Präsenz französischer Militärs und Gelehrter an der Isar im Zuge der Napoleonischen Kriege. Als der bayerische Kurfürst Maximilian IV. Joseph 1801 die Gründung eines „Topographischen Bureaus“ anordnete, um endlich eine korrekte Karte von Bayern zu bekommen, ging es voran: Unter der Leitung des französischen Obersten Charles Rigobert Marie Bonne beschloss das „Bureau“, noch einmal von vorne anzufangen und eine neue Basislinie zu suchen.  


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In den Weiten des Erdinger Mooses 

Dabei gerieten bald die unbesiedelten Weiten im Nordosten Münchens in den Blick. Bei einer Exkursion wurde die Kirche in Aufkirchen, die westlich von Erding auf einem Hügelzug liegt, als sinnvolles Ende einer Basislinie ausfindig gemacht. Sie war von der Turmstube des Nordturms der Münchner Frauenkirche aus mit einem Fernrohr sichtbar, und es lagen keine nennenswerte Hindernisse dazwischen, abgesehen von den Bächen und Sümpfen des Erdinger Mooses. Wiederum konnte man wegen der Bebauung die Geländemessung nicht direkt von Turm zu Turm ausführen, sondern musste einen Startpunkt am nordöstlichen Münchner Stadtrand und einen Zielpunkt kurz vor Aufkirchen wählen, und zwar so, dass beide exakt auf der Verbindungslinie der beiden Kirchtürme lagen. Fündig wurde man auf einer kleinen Anhöhe zwischen Ober- und Unterföhring und auf einem Hügel bei Aufkirchen.  

Noch im selben Sommer, am 25. August 1801, begannen die Messarbeiten. Hierfür verwendete man Messstangen, die auf exakt fünf Meter Länge geeicht waren und nicht direkt auf dem Boden, sondern auf einem extra dafür konstruierten tragbaren Holzgerüst verlegt wurden. Mit diesem Gerüst konnten Gewässer überbrückt und Höhenunterschiede ausgeglichen werden. Die Arbeit lief so ab, dass man – teils knietief im Moorwasser stehend – zuerst das Gerüst aufbaute, darauf die Messstangen mit äußerster Akribie hintereinanderlegte, dann die hinterste Stange aus der Reihe wegnahm, sie peinlich genau vorne wieder anlegte und so weiter … Dabei wurden Luftfeuchtigkeit sowie Temperatur permanent notiert, um durch Schwankungen entstehende Messungenauigkeiten hinterher wieder herausrechnen zu können. So bewegte man sich durchschnittlich gut 300 Meter pro Tag durch die Weiten des Erdinger Mooses, kam vom Sommer in den Herbst und erreichte am 2. November das Ziel kurz vor Aufkirchen. 

Über 21 Kilometer lange Basislinie 

Als Ergebnis hielt Oberst Bonne fest, dass die neue Basislinie eine Länge von 21.649,021 Metern hatte. Fachleute, die Bonnes Daten studierten, erkannten zwar Zähl- und Messfehler, weshalb der Wert nach oben korrigiert werden musste – doch das dann ermittelte Ergebnis von exakt 21.653,752 Metern hatte Bestand und diente als Grundlage für die weitere Vermessung und Kartierung Altbayerns. (In Franken wurde 1807 unter Leitung des Astronomen Pater Ulrich Schiegg, eines Mönchs aus der Benediktinerabtei Ottobeuren, eine eigene Basislinie angelegt.) 

Um die altbayerische Basislinie zwischen Unterföhring und Aufkirchen nicht nur als Messwert, sondern auch vor Ort für die Zukunft zu sichern, mussten Anfang und Ende dauerhaft befestigt werden. Zu diesem Zweck errichtete man im Jahr 1802 – wiederum millimetergenau vorgehend – Steinpyramiden exakt an den beiden Stellen, wo die Messungen im Jahr zuvor begonnen und geendet hatten. Noch heute stehen diese Pyramiden: die eine beim Heizkraftwerk München-Nord am Straßenrand des Föhringer Rings, die andere auf freiem Feld kurz vor Aufkirchen. 


Dieser Ausschnitt aus dem „Hauptdreyecknetz zum topographischen Atlas des Königreichs Bayern“ von 1831 zeigt einige für die Vermessung wichtige Kirchtürme in der Münchner Region. Eingezeichnet sind auch die beiden Pyramiden der Basislinie. Dieser Ausschnitt aus dem „Hauptdreyecknetz zum topographischen Atlas des Königreichs Bayern“ von 1831 zeigt einige für die Vermessung wichtige Kirchtürme in der Münchner Region. Eingezeichnet sind auch die beiden Pyramiden der Basislinie. Foto: © Landesamt für Digitalisierung, Breitband und Vermessung (LDBV), München

Berggipfel als Vermessungspunkte 

Mit der Basislinie konnte man nun an die weitere Vermessung des Landes gehen, errichtete ein imaginäres Netz aus Dreiecken, richtete Turmstuben als Observatorien ein und peilte sich von Kirchturm zu Kirchturm. Und wenn keine geeigneten Kirchen in Reichweite waren, errichtete man auch künstliche Holztürme, schlug zur Öffnung von Sichtachsen Schneisen in Wälder oder peilte markante Berggipfel wie Watzmann, Wendelstein und Benediktenwand an – die längsten direkten Sichtverbindungen waren dabei über 80 Kilometer lang! 1825 waren die Messungen zum Dreiecksnetz abgeschlossen.  

Im Kleinen wurden alle Grundstücke vermessen und genaue Karten gezeichnet – eine Arbeit, die bis 1864 dauerte. 1867 erschien endlich der „Topographische Atlas des Königreiches Bayern“. Im kostenlosen Online-Kartenwerk www.bayernatlas.de kann man heute, wenn man die „Historischen Karten“ anwählt, die damals entstandenen sogenannten Uraufnahme- und Positionsblätter im Detail ansehen. Welche jahrzehntelangen Bemühungen, Planungen, Geländebegehungen, Erfindungen, Konstruktionen, Messungen und Rechnungen nötig waren, um diese Landkarten entstehen zu lassen, können Laien heute nur noch erahnen.  


Noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein nutzte man Kirchtürme für Vermessungsarbeiten. Im Turm der Wallfahrtskirche Andechs wurde vor jedem Fenster ein Sockel mit Schraubgewinde aufgemauert, auf dem ein Messgerät befestigt werden konnte. Noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein nutzte man Kirchtürme für Vermessungsarbeiten. Im Turm der Wallfahrtskirche Andechs wurde vor jedem Fenster ein Sockel mit Schraubgewinde aufgemauert, auf dem ein Messgerät befestigt werden konnte. Foto: © Burghardt

Verblüffend gute Ergebnisse 

Festzuhalten bleibt, dass der bayerische Staat sich glücklich schätzen durfte, bei alledem auf Dutzende von Kirchtürmen zurückgreifen zu können, die plötzlich nicht mehr nur aus religiösen Gründen, sondern auch für die Wissenschaft (und letztlich für die Besteuerung) wertvoll waren. 

Die aus heutiger Sicht primitiv erscheinenden Messmethoden – man stelle sich das Hantieren mit Messlatten in einem Moorgebiet bildlich vor – haben dabei im Fall der Basislinie von 1801 verblüffend gute Ergebnisse erzielt: Mit moderner Satellitentechnik wurde im Jahr 1992 die Länge der Basis-linie Unterföhring–Aufkirchen noch einmal ganz exakt nachgemessen. Das Ergebnis: Oberst Bonne und sein Team hatten bei ihrer aufwendigen Messung der über 21 Kilometer langen Linie durchs Erdinger Moos letztlich nur 70 Zentimeter daneben gelegen. 

Innehalten-Leseempfehlung
Joachim Burghardt
Artikel von Joachim Burghardt
Redakteur
Immer auf der Suche nach spannenden, kontroversen und kuriosen Themen rund um Glauben und Wissen.