Ellen Ammann
Christlich, engagiert, wirkmächtig
Im Oktober fand eine Tagung zu Ellen Ammann statt. Die gebürtige Schwedin lebte von 1890 bis 1932 in München und war eine der bedeutendsten Frauen ihrer Zeit. Mithilfe ausgewählter Tagungsbeiträge spüren wir dem Wirken dieser außergewöhnlichen Katholikin nach.
Die Verdienste von Ellen Ammann sind so zahlreich, dass sie kaum zu überblicken sind. Foto: © KDFB/Archiv
„Ellen Ammann war eine Frau, die so wirkmächtig war, dass wir kaum fassen können, dass es zu ihr bisher so wenig Forschung gibt“, betonen die Direktorin der Domberg-Akademie, Claudia Pfrang, und der Vizepräsident der Katholischen Stiftungshochschule (KSH), Professor Andreas Schwarz, gleich zu Beginn der Tagung „Mut zum Aufbruch“, die ihre Einrichtungen gemeinsam veranstalten. Tatsächlich hat Ammann die Soziale und Caritative Frauenschule als direkte Vorläuferin der KSH gegründet, ebenso den bayerischen Landesverband des Katholischen Deutschen Frauenbundes, die Katholische Bahnhofsmission München, den Sozialverband „In Via“ und die „Vereinigung katholischer Diakoninnen“, heute Säkularinstitut Ancillae Sanctae Ecclesiae.
1919 wird die gebürtige Schwedin als Abgeordnete der Bayerischen Volkspartei (BVP) in den Landtag gewählt, dem sie bis zu ihrem Tod angehört. Als Abgeordnete ruft sie unter anderem die Polizeiseelsorge ins Leben, ist 1923 aber auch maßbeglich daran beteiligt, dass der Hitler-Putsch scheitert. Die Tagung zeigt aktuelle Forschungszugänge auf und benennt, wo noch weitere auf ihre Umsetzung warten.
Zu den vielen Initiativen und Gründungen von Ellen Ammann zählt auch die Bahnhofsmission am Münchner Hauptbahnhof. Foto: © imago/HRSchulz
Das Gemeinwohl im Blick
Eingangs erhält Inge Broy das Wort. Die persönliche Referentin von Kardinal Reinhard Marx trägt in Vertretung des Erzbischofs, der gerade in Rom Verpflichtungen hat, dessen Grußbotschaft vor. Marx bescheinigt Ellen Ammann darin, eine starke Persönlichkeit gewesen zu sein sowie in vielen Engagements Haltung gezeigt und das Gemeinwohl im Blick gehabt zu haben.
Sie habe Frauen empowert, sich für die Stärkung ihrer Rechte eingesetzt und sich für Frieden und Demokratie starkgemacht. Ammanns Leben zeige, dass „Spiritualität und Weltverantwortung, Mystik und Politik zusammengehören“, so Kardinal Marx im Grußwort. Sie sei für viele bis heute ein Vorbild und er setze sich persönlich dafür ein, dass ein Seligsprechungsverfahren für Ammann eingeleitet werde.
„Mut zum Aufbruch: Ellen Ammann (1870–1932) im Spannungsfeld sozialer, religiöser und politischer Realitäten“ lautete der Titel der Tagung in München. Foto: © Riffert
Mitarbeit an der bayerischen Verfassung
Die Historikerin Nikola Becker stellt Ammanns politische Aktivitäten und Themen in der Landtagsarbeit vor. Nach intensivem Quellenstudium lässt sich sagen, dass Ammann bereits im Umfeld der Gründerpersönlichkeiten der BVP 1919 engagiert ist. Obwohl sie 1914 noch Bedenken wegen eines möglichen Wahlrechts für Frauen hat, lässt sie sich nach dessen Einführung 1918 sofort darauf ein, kandidiert selbst für den Landtag und ermutigt andere, dasselbe zu tun. Sie ist eine der beiden Frauen, die als Mitglieder des Verfassungsausschusses die damalige bayerische Verfassung erarbeiten.
Im Lauf ihrer Landtagskarriere behandelt
sie vor allem Themen aus dem sozial-karitativen, Familien- und
Bildungsbereich. Sie ist gegen Prostitution, aber zugleich gegen die
Bestrafung der Prostituierten, denen sie eine andere Ausbildung
ermöglichen möchte. Sie arbeitet für eine Prüfungsordnung für
Beschäftigte in der Wohlfahrt und für eine angemessene Bezahlung für das
Pflegepersonal in Heilanstalten. Sie bekämpft Abtreibung und engagiert
sich zugleich für Hilfen für betroffene Frauen und deren Kinder.
Manchmal stimmt sie auch mit anderen Parteien, etwa mit den
Sozialdemokraten, als diese den Frauen das Amt des Schöffen bei Gericht
öffnen wollen.
Patriotisch gegen Nationalsozialisten
Becker geht auch auf Fragen ein, die Ellen Ammann aus heutiger Sicht in einem negativeren Licht darstellen könnten, etwa ihre dokumentierte Landtagsäußerung gegen die „schwarze Schmach“, mit der sie auf das Problem der Vergewaltigungen von Frauen durch afrikanische Hilfstruppen der französischen Armee hinweist. Oder ihre Ablehnung des Versailler Vertrags, den sie als Ursache für die Verelendung weiter Teile der Bevölkerung ansieht. Die bürgerliche Abgeordnete mit den schwedischen Wurzeln zeigt sich patriotisch, bekämpft aber zugleich die Nationalsozialisten, denen sie Unvereinbarkeit mit dem Christentum attestiert.Der Münchner Kirchenhistoriker Professor Klaus Unterburger stellt
Ammanns Verortung im Münchner Katholizismus der Jahrhundertwende vor.
Ammann, die seit 1890 in München lebt, stammt aus dem liberalen
schwedischen Bildungsbürgertum Stockholms. Zugleich ist sie als
Konvertitin sehr entschieden in ihrer Positionierung. Sie knüpft in
München rasch Kontakte zu Katholikinnen aus Adel und Bürgertum und
gründet überall da, wo sie die Notwendigkeit zum Handeln sieht,
Hilfsorganisationen und -vereine. Da infolge des bayerischen
Kulturkampfes die Jesuiten in Bayern bis 1905 verboten sind und erst ab
1920 wieder öffentlich wirken können, sucht sie ihre spirituelle
Beheimatung bei den Kapuzinern.
Diskriminierung von Katholiken in Schweden
Wie die Historikerin Yvonne Maria Werner, Professorin an der Universität Lund in Schweden, darlegt, haben Konvertiten in Schweden lange viele Nachteile zu erdulden. 1858 werden sechs Schwedinnen wegen ihres Religionswechsels des Landes verwiesen. Als Ammann im Jahr 1884 katholisch wird, stehen keine so drakonischen Maßnahmen mehr an. Aber sie hätte als Katholikin nicht in den Staatsdienst eintreten und auch nicht an staatlichen Schulen unterrichten dürfen. Katholiken werden weiter diskriminiert. Das katholische Weltbild der jungen Ellen wird in Stockholm von Ordensgemeinschaften und deren Wirken, vor allem im sozialen Bereich, bestimmt.
Raika Lätzer, Professorin für Musikpädagogik in der Sozialen Arbeit an der KSH, zeigt, dass Ammann in der historischen Forschung im Kontext des zeitgenössischen Frauenbilds betrachtet wird. Die Salzburger Professorin für Christliche Persönlichkeitsbildung Ines Weber legt Ammanns Engagement im Zusammenhang mit den zeitgenössischen Tätigkeitsfeldern bürgerlich-katholischer Frauen dar: Religion, Caritas, Verbandsarbeit, Frauen- und Mädchenbildung, Mission und zunehmend auch Kultur, Pressearbeit und Politik.
„Frau Hofrat Ellen Ammann“ ist auf dem Alten Südfriedhof in München bestattet. Noch heute werden hier regelmäßig Kerzen für sie angezündet. Foto: © Demling
Relativ wenig bekannt
Als Ellen Ammann 1932 unmittelbar nach einer Rede im Landtag stirbt, ist die öffentliche Trauer groß. Rund 10.000 Menschen aus allen Bevölkerungsschichten geben ihr das letzte Geleit. Weshalb ist Ammann dennoch heute relativ wenig bekannt – etwa im Vergleich zu Pater Rupert Mayer?Einen Unterschied dürfte das Sterbejahr markieren: Ammann stirbt, kurz bevor die Nationalsozialisten an die Macht gelangen. Diese unterbinden sofort ab 1933 das Andenken an ihre erklärte Gegnerin – über zwölf Jahre lang. Pater Rupert Mayer stirbt hingegen erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, als die Kirche wieder eine wichtige gesellschaftliche Rolle innehat – so kann das Andenken an ihn unmittelbar nach seinem Tod weitergetragen werden.
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Ellen-Ammann-Chatbot
Damit die Forschungsergebnisse über Ellen Ammann und das Interesse an
ihr zu mehr Menschen finden, werden im Rahmen der Tagung auch heutige
Wege gezeigt. So stellt Laura Baumgarten ihren Podcast „Frau
Abgeordnete“ sowie ihren Instagram-Kanal vor. Auf beiden gibt es
Beiträge zu Ammann. Und die Pädagogik-Professorin Susanna Endres (KSH)
bringt den Teilnehmenden den „Ellen-Ammann-Chatbot“ nahe, den man alles
fragen kann und der dann mit künstlicher Intelligenz für Ammann in der
Ich-Form antwortet. Davon machen die Anwesenden auch gleich Gebrauch:
Von der Frage „Was ist deine Lieblingsfarbe?“ durch Professorin Lätzers
Tochter Alma-Marie bis hin zur naheliegenden Frage „Möchten Sie
seliggesprochen werden?“ reicht die Bandbreite.
Wissenschaftlich
verlässlich sind die Antworten nicht, aber der Chatbot kann sicher das
Interesse an Ellen Ammann wecken. Und auch wenn die virtuelle
Gesprächspartnerin auf die Frage nach der Seligsprechung ausweichend
reagiert und darauf hinweist, dass es nie ihr Bestreben gewesen sei, für
ihr Engagement geehrt zu werden, scheinen sich in der Realität der
Gegenwart doch die Stimmen zu mehren, die genau das für angebracht
halten.
Gabriele Riffert
Ellen Ammann
Es war die Liebe, die das Leben von Ellen Ammann, geb. Sundström, prägte. So folgte die 20-Jährige dem Orthopäden Ottmar Ammann, der für eine Weiterbildung in Stockholm zur Untermiete bei Familie Sundström wohnte, mit der Heirat 1890 nach München. Es war ein großer Sprung: aus dem von Protestantismus und progressiven gesellschaftlichen Strömungen geprägten Schweden in ein Land, das von katholischer Frömmigkeit sowie den Herausforderungen der Industrialisierung und ihren gesellschaftlichen Veränderungen bestimmt wurde.Zwar durch die konvertierte Mutter katholisch erzogen und durch die St.-Josephs-Schwestern ihrer Stockholmer Schule fürs Ordensleben interessiert, musste sie erst ihre Rolle finden. Sie nahm vor allem die virulent werdende Frauenfrage aufmerksam wahr. Sie wurde Begründerin zahlreicher Institutionen, die noch heute bestehen: Marianischer Mädchenschutzverein, Bahnhofsmission, Katholische Stiftungshochschule München, Diözesan- und Landesverband des KDFB, Polizeiseelsorge. Außerdem war sie eine der wenigen weiblichen Abgeordneten im Landtag, verhinderte 1923 maßgeblich den Hitler-Putsch. Obschon bis zur Grenze des Leistbaren engagiert, war die sechsfache Mutter eingebunden in die Organisation der Klinik ihres Mannes. Hatte die Liebe zu ihm sie nach München geführt, so war der frühere Wunsch nach einem Ordensleben so stark, dass sie im Geheimen und in enger Abstimmung mit Kardinal Faulhaber die Vereinigung der Diakoninnen gründete. Ammann starb an einem Schlaganfall kurz nach einer Landtagsrede am 23. November 1932.
Stephan Mokry
Vorbild und Leitfigur
Welche Bedeutung haben Ellen Ammann, ihre Werke und Initiativen heute noch? Wir hörten uns um.
Marie Gabel, Vorständin IN VIA München, Katholischer Verband für Mädchen- und Frauensozialarbeit. Foto: © IN VIA München
Bettina Spahn, Leiterin Katholische Bahnhofsmission München. Foto: © privat



