Krankschreibung
Sind die Deutschen zu oft krank?
Feiern die Deutschen zu häufig krank? Und ließe sich das durch Karenztage oder eine andere Form der Krankschreibungen verhindern? Die Debatte darüber flackert immer wieder auf.
Alle sind sich darüber einig, dass man nicht krank zur Arbeit gehen sollte. Aber hat Deutschland ein Problem mit zu vielen Arbeitnehmern, die sich krank melden, obwohl sie arbeitsfähig sind? Foto: © imago/Zoonar
Krankfeiern, blaumachen, Drückeberger: Solche Wortschöpfungen zeigen, dass Arbeitnehmer, die wegen Krankheit nicht am Arbeitsplatz erscheinen, bisweilen unter Täuschungsverdacht stehen. Immer wieder flammt deshalb die Debatte darüber auf, wie Wirtschaftsstandort und Sozialstaat von hohen Gesundheitskosten befreit werden könnten.
Kanzler Friedrich Merz (CDU) nimmt da kein Blatt vor den Mund. Der Krankenstand sei deutlich zu hoch – sowohl in Unternehmen als auch im öffentlichen Dienst, kritisierte er. Die Beschäftigten in Deutschland kämen im Schnitt auf 14,5 Krankentage. „Ist das wirklich richtig? Ist das wirklich notwendig?“ Und dann legte der CDU-Chef zu Wochenbeginn noch einmal nach: Bei den durchschnittlich 14,5 Krankentagen, die er am Wochenende genannt habe, seien die kurzfristigen Krankmeldungen von ein oder zwei Tagen noch gar nicht dabei, sagte er nach einer Sitzung des CDU-Bundesvorstandes. „Wenn die einbezogen würden, dann läge die Zahl noch deutlich höher.“
82 Milliarden Euro an Kosten
Im vergangenen August hatten die Unternehmer zudem vorgerechnet, dass sie 2024 rund 82 Milliarden Euro für kranke Mitarbeiter aufgebracht hätten. Binnen drei Jahren seien die Aufwendungen für die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall um zehn Milliarden Euro gestiegen, teilte das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) mit.
Die am Dienstag veröffentlichten Zahlen der Krankenkasse DAK-Gesundheit dürften Wasser auf die Mühlen des Kanzlers sein. DAK-versicherte Beschäftigte seien 2025 durchschnittlich 19,5 Kalendertage krankgeschrieben gewesen, teilte die Kasse mit – nur geringfügig weniger als 2024 mit 19,7 Kalendertagen. Die meisten Fehltage gingen erneut auf das Konto von Atemwegserkrankungen. Danach folgten psychische Erkrankungen mit einem Plus von 6,9 Prozent. Sie verdrängten Muskel-Skelett-Probleme als bisher zweitwichtigsten Grund auf Platz drei.
Problemfall telefonische Krankschreibung
Für Merz ist klar: Man müsse sich darüber unterhalten, wie man Anreize schaffe, dass die Menschen ihrer Beschäftigung nachgingen, sagte er. Ein Dorn im Auge ist ihm die telefonische Krankschreibung, die 2021 während der Corona-Zeit eingeführt wurde. Der Kanzler und Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) sehen Missbrauchsgefahr und plädieren für die Abschaffung.
Auch der DAK-Vorstandsvorsitzende Andreas Storm plädiert für Ursachenforschung. Doch er bringt wie der Allensbacher Gesundheitsökonom Volker Nürnberg das Instrument einer Teilkrankschreibung bei bestimmten Diagnosen ins Spiel. Sie sei bereits ein bewährtes Instrument in skandinavischen Ländern. Nürnberg erklärte, viele Arbeitnehmer befänden sich nicht in einem eindeutigen Zustand von gesund oder krank, sondern dazwischen. „Deshalb macht eine Teilkrankschreibung für bestimmte Tätigkeiten oder nur für einen Teil der Arbeitsstunden Sinn – das können zum Beispiel drei von acht Arbeitsstunden pro Tag sein – dort wo möglich auch im Homeoffice.“
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Warnung vor Generalverdacht
Gewerkschaften und die Partei Die Linke wiesen die Vorschläge zurück und warnten vor einem Generalverdacht gegen Arbeitnehmer. „Menschen krank zur Arbeit zu schicken oder von ihnen zu verlangen, später in Rente zu gehen, das bringt keinen einzigen neuen Auftrag in unser Land“, sagte die Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), Yasmin Fahimi, am Wochenende.
Die Linke kritisierte, Einzelfälle würden wider besseres Wissen zum Generalverdacht aufgebauscht. Hausärzte und Krankenkassen hätten klar gemacht, dass die Telefon-Krankschreibung nicht zu mehr Krankschreibungen führe, sagte die zuständige Fraktionssprecherin Julia-Christina Stange. Erkrankte Beschäftigte, gerade in ländlichen Regionen mit wenigen Arztpraxen, wieder in den Praxen vorsprechen zu lassen, verschärfe bestehende Missstände und belaste die Hausarztpraxen.
Debatte über Lohnfortzahlung
Wenn es um die Zahl der Krankentage geht, flammt auch immer wieder die Debatte darüber auf, die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall einzuschränken. Sowohl Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger als auch Allianz-Chef Oliver Bäte hatten im vergangenen Jahr die Einführung eines unbezahlten Karenztags gefordert, wenn Menschen sich krankmelden.
Christoph Arens



