Gerechtigkeit
25.07.2024

Ein soziales Pflichtjahr für Senioren?

Aktuell wird nicht nur über die Wiedereinführung der Wehrpflicht sowie über ein verpflichtendes Gesellschaftsjahr für alle junge Menschen diskutiert – es wurde auch der Vorschlag gemacht, Rentnerinnen und Rentner zum Dienst an der Gesellschaft zu verpflichten. Ursula Münch, die Direktorin der Akademie für Politische Bildung Tutzing, erklärt, was sie davon hält.

Ursula Münch wirbt für eine Debatte darüber, wer sich wie für die Gesellschaft einbringen kann – auch im Rentenalter. Ursula Münch wirbt für eine Debatte darüber, wer sich wie für die Gesellschaft einbringen kann – auch im Rentenalter. Foto: © Akademie für Politische Bildung, Tutzing

Gründe, über ein „Senioren-Pflichtjahr“ nachzudenken, gibt es viele. Beim Nachdenken sollte man meines Erachtens aber zur Schlussfolgerung kommen, den Gedanken nicht weiter zu verfolgen – zumindest nicht mit dem Wortteil „Pflicht“.  

Zweifelsohne gibt es gute Argumente, die dafür sprechen. Dazu muss ich nur an meine regelmäßigen Besuche bei der Tante meines Mannes im zweieinhalb Fahrstunden entfernten Pflegeheim denken. Für die Tante sind wir fast die einzige Gelegenheit, das Pflegeheim im Rollstuhl verlassen zu können und in den Park oder ein Café geschoben zu werden. Auch wenn wir das abwechselnd meistens einmal in der Woche schaffen: Die anderen sechs Tage ist häufig niemand da. Aus der sonstigen Verwandtschaft hat selten jemand Lust oder Zeit, sich ihrer anzunehmen, und die eigentlich organisierte ehrenamtliche Helferin ist oft verhindert. Wie schön wäre es, wenn ein rüstiger Rentner oder eine rüstige Rentnerin ihr und den vielen anderen Einsamen im Heim zusätzlich gelegentlich Zeit und Muskelkraft schenken könnte.  


Anzeige


Zwingen möchte ich dazu aber niemanden. Und zwar schon deshalb nicht, weil viele der über 65-Jährigen eben nicht als „Silver Ager“ Wanderpfade, Hörsäle, Konzerthäuser und Strände bevölkern, sondern sich bereits um so vieles kümmern müssen: den pflegebedürftigen Partner, die Abholung der Enkel aus Kindergarten oder Schule, den Zusatzverdienst zur überschaubaren Rente oder auch den Erhalt der eigenen Gesundheit. Natürlich, man könnte für alle diese Fälle Ausnahmeregelungen schaffen, also einen Dispens vom Pflichtjahr vorsehen. Damit würden wir jedoch genau das produzieren, was wir alle doch so hassen: Bürokratie.  

Deshalb mein Plädoyer: Kein Pflichtjahr, aber eine öffentlichkeitswirksame Debatte darüber, wer sich wo ohne allzu große Hürden einbringen könnte, und welche Anreize sinnvoll und finanzierbar sind. Da könnte auch das sperrige Wort der Reziprozität fallen: Wer heute anderen hilft, wird morgen – also wenn er oder sie selbst Unterstützung benötigt – bevorzugt.  

Prof. Dr. Ursula Münch
Direktorin der Akademie für Politische Bildung Tutzing