Gerechtigkeit
02.02.2026


Appell gegen die Gleichgültigkeit 

81 Jahre nach Ende des NS-Terrors fällt es immer schwerer, angemessene Formen des Erinnerns zu finden; manche kritisieren das ritualisierte Gedenken als leer oder gar heuchlerisch. In einer Bundeswehrkaserne gelang nun eine stilvolle, aufrüttelnde und informative Gedenkveranstaltung.  
    

Flottenarzt a. D. Volker Hartmann hielt eine bemerkenswerte Rede über den Holocaust und die Gefahr der Gleichgültigkeit. Flottenarzt a. D. Volker Hartmann hielt eine bemerkenswerte Rede über den Holocaust und die Gefahr der Gleichgültigkeit. Foto: © Burghardt/SMB

In der Münchner Ernst-von-Bergmann-Kaserne werden Themen wie Gesundheit, Rettung und Schutz großgeschrieben – ist hier doch die Sanitätsakademie der Bundeswehr beheimatet. Ganz anders vor 85 Jahren, als sich an selber Stelle ein SS-Standort befand, in welchem zudem das Nebenlager „SS-Standortverwaltung“ des Konzentrationslagers Dachau eingerichtet war. Der Geschichte dieses KZ-Außenlagers im Bereich der heutigen Ernst-von-Bergmann-Kaserne galt das Augenmerk einer Gedenkveranstaltung am 27. Januar, dem Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus.  

Am Beispiel des polnischen Gärtners Franciszek Pietrzak zeigte Stabsfeldwebel Mirko Lange, welche geringfügigen Gründe damals schon zur KZ-Haft führen konnten: Pietrzak hatte als Kind einen Ladendiebstahl begangen, galt daher als vorbestraft und wurde 18-jährig als „Berufsverbrecher“ inhaftiert; nach über zwei Jahren im KZ Dachau wurde er ins besagte Außenlager nach München überstellt. Mit den anderen dort eingesetzten Zwangsarbeitern hatte er Reinigungs-, Transport- und Instandhaltungsarbeiten durchzuführen.
     

Anzeige

Misshandlungen bis zum Tod

Da die Häftlinge durch die Kantine der SS-Kaserne mitverpflegt wurden, gab es zwar besseres Essen als im Dachauer Stammlager, doch waren sie unter unwürdigen Bedingungen untergebracht und der Gewalt der SS-Leute ausgeliefert. Belegt sind Prügelstrafen und weitere körperliche Misshandlungen, die in einem Fall zum Tod eines Häftlings führten. Auch eine Hinrichtung als Strafe für einen Diebstahl von Essen ist dokumentiert. 

Angesichts der überschaubaren Dimensionen, die das Nebenlager „SS-Standortverwaltung“ im Gesamtbild der NS-Verbrechen einnimmt, erfährt dieser historische Schauplatz kaum Beachtung durch die Öffentlichkeit. Doch erst diese Überschaubarkeit – mit Namen von Opfern und Tätern, mit konkreten Lebensläufen und Dokumenten – ist es, die Erinnerung begreifbar macht. Exakt darauf lag der Fokus der Gedenkveranstaltung in der Ernst-von-Bergmann-Kaserne: Anstatt nur abstrakt wirkende Gesamt-Opferzahlen des NS-Terrors zu nennen, richtete sich die Aufmerksamkeit bewusst auf einzelne Individuen; statt des anonymen Netzwerks einer riesigen Todesmaschinerie wurde ein bestimmter Ort Gegenstand des Gedenkens.  

[inne]halten - das Magazin 10/2026

Uralt und wunderschön

Eine einzigartige Lage, eine über tausendjährige Geschichte und eine romanische Kirche voller Schätze: Das ist Kloster Seeon.

Lesen Sie im [inne]halten-Magazin unseren Themenschwerpunkt und weitere Geschichten und Berichte aus dem kirchlichen Leben.

Gleichgültigkeit und Schamlosigkeit 

Das machte auch Flottenarzt a. D. Volker Hartmann deutlich, der in seiner Rede zwar durchaus auf den Holocaust als Ganzen, dabei jedoch immer wieder auf einzelne namentliche wie auch namenlose Opfer einging und für eine Individualisierung des Gedenkens warb. Er arbeitete am Beispiel von NS-Tätern heraus, dass das Böse oft nicht in erkennbar dämonischer oder sadistischer Gestalt zu Werke ging, sondern mit Gleichgültigkeit, Schamlosigkeit, der Unfähigkeit zu denken und zu urteilen, manchmal sogar nur mit der Banalität von „Klischees und Phrasen“ (Hannah Arendt). 

Ein jüdisches Sprichwort aus dem Talmud sagt: „Wer ein Leben rettet, rettet die ganze Welt.“ Für das Gedenken, dem in der Ritualisierung ebenfalls eine aushöhlende Gleichgültigkeit droht, gilt wohl Ähnliches: Wer einen einzigen gepeinigten Menschen mitfühlend in den Blick nimmt, erblickt in ihm alle Leidenden. 


Innehalten-Leseempfehlung
Joachim Burghardt
Artikel von Joachim Burghardt
Redakteur
Immer auf der Suche nach spannenden, kontroversen und kuriosen Themen rund um Glauben und Wissen.