Appell gegen die Gleichgültigkeit
81 Jahre nach Ende des NS-Terrors fällt es immer schwerer, angemessene Formen des Erinnerns zu finden; manche kritisieren das ritualisierte Gedenken als leer oder gar heuchlerisch. In einer Bundeswehrkaserne gelang nun eine stilvolle, aufrüttelnde und informative Gedenkveranstaltung.
Flottenarzt a. D. Volker Hartmann hielt eine bemerkenswerte Rede über den Holocaust und die Gefahr der Gleichgültigkeit. Foto: © Burghardt/SMB
In der Münchner Ernst-von-Bergmann-Kaserne werden Themen wie Gesundheit, Rettung und Schutz großgeschrieben – ist hier doch die Sanitätsakademie der Bundeswehr beheimatet. Ganz anders vor 85 Jahren, als sich an selber Stelle ein SS-Standort befand, in welchem zudem das Nebenlager „SS-Standortverwaltung“ des Konzentrationslagers Dachau eingerichtet war. Der Geschichte dieses KZ-Außenlagers im Bereich der heutigen Ernst-von-Bergmann-Kaserne galt das Augenmerk einer Gedenkveranstaltung am 27. Januar, dem Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus.
Am Beispiel des polnischen Gärtners Franciszek Pietrzak zeigte Stabsfeldwebel Mirko Lange, welche geringfügigen Gründe damals schon zur KZ-Haft führen konnten: Pietrzak hatte als Kind einen Ladendiebstahl begangen, galt daher als vorbestraft und wurde 18-jährig als „Berufsverbrecher“ inhaftiert; nach über zwei Jahren im KZ Dachau wurde er ins besagte Außenlager nach München überstellt. Mit den anderen dort eingesetzten Zwangsarbeitern hatte er Reinigungs-, Transport- und Instandhaltungsarbeiten durchzuführen.
Misshandlungen bis zum Tod
Da die Häftlinge durch die Kantine der SS-Kaserne mitverpflegt
wurden, gab es zwar besseres Essen als im Dachauer Stammlager, doch
waren sie unter unwürdigen Bedingungen untergebracht und der Gewalt der
SS-Leute ausgeliefert. Belegt sind Prügelstrafen und weitere körperliche
Misshandlungen, die in einem Fall zum Tod eines Häftlings führten. Auch
eine Hinrichtung als Strafe für einen Diebstahl von Essen ist
dokumentiert.
Angesichts der überschaubaren Dimensionen, die das
Nebenlager „SS-Standortverwaltung“ im Gesamtbild der NS-Verbrechen
einnimmt, erfährt dieser historische Schauplatz kaum Beachtung durch die
Öffentlichkeit. Doch erst diese Überschaubarkeit – mit Namen von Opfern
und Tätern, mit konkreten Lebensläufen und Dokumenten – ist es, die
Erinnerung begreifbar macht. Exakt darauf lag der Fokus der
Gedenkveranstaltung in der Ernst-von-Bergmann-Kaserne: Anstatt nur
abstrakt wirkende Gesamt-Opferzahlen des NS-Terrors zu nennen, richtete
sich die Aufmerksamkeit bewusst auf einzelne Individuen; statt des
anonymen Netzwerks einer riesigen Todesmaschinerie wurde ein bestimmter
Ort Gegenstand des Gedenkens.
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Gleichgültigkeit und Schamlosigkeit
Das machte auch Flottenarzt a. D. Volker Hartmann deutlich, der in
seiner Rede zwar durchaus auf den Holocaust als Ganzen, dabei jedoch
immer wieder auf einzelne namentliche wie auch namenlose Opfer einging
und für eine Individualisierung des Gedenkens warb. Er arbeitete am
Beispiel von NS-Tätern heraus, dass das Böse oft nicht in erkennbar
dämonischer oder sadistischer Gestalt zu Werke ging, sondern mit
Gleichgültigkeit, Schamlosigkeit, der Unfähigkeit zu denken und zu
urteilen, manchmal sogar nur mit der Banalität von „Klischees und
Phrasen“ (Hannah Arendt).
Ein jüdisches Sprichwort aus dem Talmud sagt: „Wer ein Leben rettet,
rettet die ganze Welt.“ Für das Gedenken, dem in der Ritualisierung
ebenfalls eine aushöhlende Gleichgültigkeit droht, gilt wohl Ähnliches:
Wer einen einzigen gepeinigten Menschen mitfühlend in den Blick nimmt,
erblickt in ihm alle Leidenden.



