Flurkreuze
Der Wegkreuzkümmerer
Michael Förster hat 16 Flurkreuze und religiöse Bildstöcke im Münchner Pfarrverband Vier Heilige Trudering Riem dokumentiert. Dem 72-Jährigen liegt daran, dass diese Glaubenszeugnisse aus vergangener Zeit erhalten bleiben.
Michael Förster neben dem Kramer-Kreuz am Leonhardiweg 65 in München-Trudering. Foto: © Hammermaier
Sein Interesse an diesen Kreuzen geweckt hat vor zwei Jahren ein Aufruf im Pfarrbrief des Pfarrverbands Vier Heilige Trudering Riem, in dem der 72-Jährige heute wohnt. Darin wurden Menschen gesucht, die sich um die 16 Flurkreuze und religiösen Bildstöcke in diesem Pfarrverband kümmern. „Da habe ich mich angesprochen gefühlt“, erinnert sich Förster, wollte sich der Lektor doch im Ruhestand ohnehin stärker kirchlich engagieren. Also begann er, „die Kreuze alle systematisch zu dokumentieren mit Foto und Abmessungen und auch die Historie herauszufinden“. Dazu recherchierte er im Internet, sprach mit Anwohnern und fragte im Erzbischöflichen Ordinariat nach. „Ich habe alles zusammengetragen und das gibt insgesamt ein tolles Bild“, berichtet der Marketing-Experte.
Jedes Kreuz bekommt ein Gesicht und einen Namen
Ein bis zwei Stunden pro Woche widmet er sich seither diesen Glaubenszeugnissen aus vergangener Zeit. „Ich möchte Menschen Informationen zur Verfügung stellen über die Kreuze, so dass jedes Kreuz praktisch ein Gesicht bekommt. Soweit die Kreuze nicht schon Namen hatten, habe ich auch versucht, ihnen Namen zu geben“, verrät der Wegkreuzkümmerer.Die Kreuze wurden aus unterschiedlichen Anlässen errichtet: „Vielleicht Dank für eine gelungene Ernte, für ein überstandenes Unwetter oder einfach als Bitte, dass solche landwirtschaftlichen Unglücke nicht wieder stattfinden. Vielleicht auch als Dank für einen geborenen Sohn nach langer Zeit, denn bei den Bauern war das ja sehr wichtig, einen Nachfolger auf den Hof zu haben“, weiß der Flurkreuzforscher.
Am Gedenkkreuz an der Münchner Karotschstraße 11 haben Fans von Manchester United einen Schal abgelegt. Es wurde zur Erinnerung an einen Flugzeugabsturz dieser Fußballmannschaft errichtet. Foto: © Förster
Flurkreuz erinnert an Flugzeugabsturz von Fußballprofis
Hinzu kommen Kreuze, die an Unfälle in neuerer Zeit erinnern, zum Beispiel an Flugzeugabstürze, die sich in der Nähe des ehemaligen Flughafens München-Riem ereigneten: „1958 ist ausgerechnet die Fußballmannschaft von Manchester United abgestürzt. Die Startbahn war im Februar eisig, das Flugzeug ist unmittelbar beim Startvorgang abgestürzt und es gab viele Tote“, hat Förster herausgefunden. „Noch heute kommen jedes Jahr Fans der Mannschaft aus Manchester zu diesem Kreuz, erinnern sich an das, was passiert ist, und lassen zum Beispiel auch mal einen Fußballschal beim Kreuz zurück.“Försters Lieblingskreuz befindet sich am Permoserplatz im Stadtteil Berg am Laim. „Das ist neugotisch. Die Christusfigur ist geschnitzt. Das ist etwas ganz Besonderes. Zu meiner großen Freude hat es die Stadt München jetzt restaurieren lassen. Und ich habe auch rausgebracht, welcher Bauer es errichtet hat. Das war wahrscheinlich der Riegerbauer um etwa 1880 herum“, schwärmt Förster.
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Marienfigur während Restaurierung vermisst
An diesem Kreuz hat er auch eine besondere Beobachtung gemacht: Als die Marienfigur zur Restaurierung abgenommen worden war, fehlte sie offenbar einer Anwohnerin. „Sie hat dann einen Kranz aus Buchsbaum mit einem weiß-blauen Schleiferl anstelle der Maria angebracht. In dem Buchsbaumkranz war ein Foto der bekanntesten Marienikone aus der Ukraine“, erzählt Förster. „Das hat mich sehr bewegt. Es war wahrscheinlich eine Ukrainerin, die damit eine Brücke in ihre Heimat geschlagen hat.“
Und wer weiß, vielleicht überträgt sich Försters Faszination für Flurkreuze ja auch auf seine Nachkommen. Unlängst hat seine zweijährige Enkelin jedenfalls mit einer Kreide zuerst einen Längsstrich und dann einen Querstrich auf den Teerboden gezeichnet und gejubelt: „Hurra, ich habe einen Jesus ’malt!“



