Ausstellung
Von Liebe und Leiden
Das Diözesanmuseum Augsburg widmet sich in einer Ausstellung der Farbe Rot. Sie zeigt, für welch starke Gegensätze sie in der Religion steht – vom Feuer des Heiligen Geistes über die Wundmale Jesu bis zur Glut der Hölle.
Bis Franziskus trugen Päpste Rot an den Füßen. Hier die Schuhe von Papst Pius VI. Foto: © Diözesanmuseum St. Afra Augsburg/Jürgen Bartenschlager
Farben hat jedes Museum zu bieten und kirchliche allemal. Das Augsburger Diözesanmuseum rückt sie jedoch bewusst in den Mittelpunkt und gestaltet eine ganze Serie von Ausstellungen unter dem Titel „Farbe bekennen“. Schwarz und Weiß und Gold waren schon dran. Nun fragt sich das Haus: „Wo ist der rote Faden?“
Museumsleiterin Melanie Thierbach hat ihn gefunden, auch wenn es ein verwickelter Faden ist. Denn gerade das Rot symbolisiert starke Gegensätze. Es steht für Liebe und Leidenschaft, aber auch für Gewalt, verzehrendes Feuer, für das Leben und Würde. So zeigt das Museum aus seinem Depot ein großes Höllenbild, in dem die Rottöne des Feuers nur so lodern und wie eine Signalfarbe auf einem Verkehrsschild wirken: Vorsicht, dass du da bloß nicht hineingerätst, bieg vorher besser ab.
Melanie Thierbach, Leiterin des Augsburger Diözesanmuseums, vor einem Bild von Christus mit Spottmantel. Foto: © Alois Bierl
Rot steht für Leidenschaft und Würde
Andererseits ist das feurige Rot in Darstellungen des Heiligen Geistes zu finden, der in Flammenzungen auf Maria und die Apostel herabkommt und die leidenschaftliche Hingabe an Gott entzündet. Das Höllische und das Rot der Feuerzungen treffen eine theologische Aussage: Es gibt Böses, das die Menschen verzehrt, aber auch Heil, wenn der Mensch sich Gottes Geist zuwendet. Beides hat mit Leidenschaft zu tun, schlimmer wie guter.In einem anderen Gemälde steht die Farbe für Würde und deutet gleichzeitig erlittene Gewalt an. Es zeigt Christus in einem knallroten Umhang, dem Spottmantel, den ihm die Folterknechte übergeworfen haben. Der Maler hat ihn aber wie einen Königsmantel dargestellt. Fast sind die Wundmale mit ihren Blutspuren zu übersehen, die daran erinnern, dass es sich hier um eine Passionsdarstellung mit einer starken Aussage handelt: Es ist gerade seine Leidensgeschichte, die den gezeichneten Menschen zu einem ausgezeichneten, von Gott verherrlichten Menschen macht, der ein neues Leben gewinnt und die erlittene Gewalt hinter sich lassen darf.
Diese Gewalt macht ein anderes und besonderes Objekt deutlich: eine bewegliche Karfreitagsfigur. Im liturgischen Spiel nahmen Gläubige die Jesusfigur vom Kreuz, legten die mit einem Gelenk versehenen Arme übereinander und anschließend den Korpus in ein „Heiliges Grab“. Die Figur fordert die Andacht und Anteilnahme des Betrachters heraus, die nicht zuletzt die Farbe auslöst. Farben sind eben mehr als elektromagnetische Strahlungen, die auf das menschliche Auge treffen. Sie sind Botschaften, die jeder verstehen kann.
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Farben sprechen Gefühle an
Darum hat Thierbach diese Reihe ins Leben gerufen: „Wir möchten allen Besuchenden etwas anbieten und zu Farben hat jeder Mensch einen Zugang, weil sie unser ganzes Leben begleiten.“ Sie sind ein Medium, das Gefühle anspricht und auch Glaubensinhalte vermittelt. Darüber hinaus erfahren und sehen die Besucher manches Wissenswerte, zum Beispiel wie Farben vor ihrer synthetischen Herstellung gewonnen wurden. Für Rot war Färberkrapp gebräuchlich. Nicht umsonst trägt die Pflanze den lateinischen Namen Rubia tinctorum, also „Röte der Färber“. Das aus Schnecken gewonnene Purpur ist dagegen in der Ausstellung nicht zu finden. „Es verbräunt sehr rasch“, erläutert die Museumsleiterin. „Außerdem ist es selten, weil es extrem teuer und den Gewändern höchster Würdenträger vorbehalten war.“ Auf Gemälden oder in illustrierten Prachthandschriften kommt es so gut wie nie vor. Landläufig steht der Begriff für das leuchtende Scharlachrot, etwa beim Kardinalspurpur. Dabei geht der wirkliche Purpur stark ins Blaue.
Mit dieser Farbe will sich die nächste Ausstellung der Reihe befassen. Auch da geht es gar nicht anders, als sie in religiöse Zusammenhänge zu stellen: egal, ob es sich um Himmel oder Wasser handelt. Wer bedauert, die vorangegangenen Ausstellungen nicht gesehen zu haben, muss sich nicht grämen. Denn bewusst bezieht das Diözesanmuseum Prunkstücke der Dauerausstellung in das Konzept der Serie mit ein.
Etwa die Funeralwaffen Kaiser Karls V. Augsburger Kunsthandwerker haben diese Meisterwerke nach dessen Tod 1558 geschaffen. Sie standen im Zentrum der Trauerfeierlichkeiten für den Monarchen. Besonders der Schild sticht hervor. Auf schwarzem Hintergrund prangt auf einem goldenen Feld das Wappen des Habsburgers, darüber die rote Kaiserkrone. Selbst nach bald 600 Jahren erzählen allein die Farben, dass hier jemand gestorben war, der eine machtvolle Würde innehatte und der sein Amt in Verbindung mit Gott sah, denn das Gold drückt das Heilige aus. Farben erzählen – und drücken den Betrachtern ganz von selbst einen roten Faden in die Hand. Oder genauer: aufs Auge.



