Oberammergau 1930: Ein Gelübde für die Welt
Oberammergau 1930: Wie die Passionsspiele als Zeichen von Glaube, Hoffnung und Versöhnung neu begannen.
Die neu errichte Oberammergauer Passions-Bühne 1930. Foto: © IMAGO / United Archives International
Als sich Oberammergau im Frühjahr 1930 auf die Passionsspiele vorbereitete, herrschte im Dorf Hochbetrieb. Die neu errichtete Bühne wurde mit modernster Technik ausgestattet, Häuser geschmückt und Unterkünfte für die zahlreichen Gäste hergerichtet. Die Münchener Katholische Kirchenzeitung betonte, das weltberühmte Spiel sei weit mehr als Theater: Für die Mitwirkenden müsse der christliche Glaube ebenso wichtig sein wie schauspielerisches Können. Das Passionsspiel solle ein Zeichen für Frieden und Versöhnung sein.
Mit der feierlichen Einweihung des Passionstheaters begann am 11. Mai schließlich die Spielsaison. Kardinal Michael von Faulhaber bezeichnete die Bühne als „heiligen Boden“ und das Passionsspiel als „kein Geschäft“, sondern ein Gelübde und Gottesdienst. Gerade in einer Zeit politischer Spannungen und gesellschaftlicher Krisen solle Oberammergau der Welt zeigen, dass christlicher Glaube, Hoffnung und Versöhnung lebendig seien.
In der nächsten Folge: "Trümmerzeiten 1945".
[inne]halten - das Magazin 14/2026
Seit 1901 am Puls der Zeit
Der Sankt Michaelsbund, das katholische Medienhaus in Bayern, wird 125 Jahre alt
Lesen Sie im [inne]halten-Magazin unseren Themenschwerpunkt und weitere Geschichten und Berichte aus dem kirchlichen Leben.
Am 11. Mai beginnen die Oberammergauer wieder ihr weltberühmtes Passionsspiel. Die neue Bühne wurde mit den modernsten Einrichtungen versehen, alle Hände sind beschäftigt, den Ort zu schmücken und gastlich herzurichten. Wer einmal das Spiel gesehen, wird dessen gewaltige Wirkung auf den Beschauer nicht vergessen.
Vor der Wahl der Träger der Hauptrollen hat Pfarrer Dr. Bogenrieder die schönen Worte gesprochen: „Nicht das Schauspielerische allein befähigt zum Passionsspiel, sondern das Bekenntnis zur Religion. Die unter den Augen von Hunderttausenden, vor der ganzen Welt, spielen und von dem Geheimnis der ewigen Liebe des Vaters reden werden, müssen nicht bloß so reden, sondern auch so leben. Das Spiel, das in dem großen Versöhnungsopfer auf Golgatha gipfelt, soll ein Spiel des Friedens und der Versöhnung sein.“
Foto: © Archiv
Se. Eminenz Kardinal Faulhaber hat das Passionstheater in Oberammergau eingeweiht. Während der Weihe sang der Engelschor in neuen Gewändern das „Alleluja“. Von der neuen Bühne aus hielt der Herr Kardinal an die Oberammergauer eine längere Ansprache, in der er u. a. ausführte:
Der Boden Eurer Bühne ist heiliger Boden. Der Schatten des Kreuzes fällt auf diese Bühne, die mehr als andere Bühnen die Welt bedeutet. Ihr seid Sendboten mit der Botschaft des Kreuzes. Die Zuschauer werden aufs neue empfinden, welche Fundgrube dramatischen Stoffes das Evangelium ewig bleibt. Hier wird das Evangelium nicht bloß vorgelesen oder vorgesungen, hier wird es vorgespielt und vorgelebt. Das Passionsspiel von Oberammergau ist eine einzigartige Bibelstunde, eine Vertiefung in den Geist des Evangeliums. Anderswo wird heute das Kreuz zerschlagen und verbrannt vom Moskowiter-Haß. Hier in Oberammergau steht ein unsichtbarer Altar. Unser heutiges Leben ist oft zum Erdrücken schwer. Mit dieser Verzweiflung hängt zusammen, daß sogar gegen das Oberammergauer Passionsspiel schwerste Anklagen erhoben worden sind. Ihr werdet aber auch diesen Anklagen gegenüber sprechen: Vater, verzeihe ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun.
Aber der Bischof wird es heute hinausrufen in das In- und Ausland: Das Oberammergauer Passionsspiel ist kein Geschäft, es ist ein Gelübde, es ist ein Gottesdienst.Wenn wir das Passionsspiel nicht hätten, wir müßten es heute neu schaffen in dieser Zeit, in der trostlose Seelen Trost und Lebensmut brauchen. Oberammergau hat eine Weltmission zu erfüllen. Das Ausland soll kommen und soll sehen und lernen von Oberammergau: Die Deutschen sind kein Barbarenvolk, die Deutschen sind kein Bolschewistenvolk, bei uns steht das Kreuz noch in Ehren. Das Ausland soll sehen, in unserem lieben bayerischen Volke ist die Religion nicht Außenseite, nicht Fassade.
So werde ich jetzt die Weiheworte der Kirche sprechen mit dem Weihesegen des Bischofs. Das Spiel soll nicht profaniert werden, es soll den Oberammergauern nicht feil sein um den Dollar, es soll nicht als Geschäft verfilmt werden. Die Augen der Welt sind auf Euch gerichtet, meine lieben Oberammergauer. Der Segen Gottes begleite die Spieler und die Spiele in diesem Sommer!
Foto: © Archiv



