125 Jahre Michaelsbund
01.07.2026

125 Jahre Sankt Michaelsbund

1901 wurde mit dem „Katholischen Preßverein“ der Vorläufer des Sankt Michaelsbundes gegründet. Seit 125 Jahren steht der „SMB“ somit für Büchereien, Bildung und Medienvielfalt.
    

Die Michaelsbund-Grafikerinnen Veronika Jakob und Antonia Griesbeck gestalten ein Layout am PC. Die Michaelsbund-Grafikerinnen Veronika Jakob und Antonia Griesbeck gestalten ein Layout am PC. Foto: © SMB

Eine öffentliche Bücherei mitten im Münchner Hauptbahnhof. Zugänglich für alle. Mit einem breiten Medienangebot, das die Besucher kostenlos nutzen dürfen. Einen „third place“ würden Soziologen heute einen solchen Ort nennen – einen „dritten Ort“ ohne Kaufzwänge, der neben das eigene Zuhause und den Arbeitsplatz tritt. Eine visionäre Idee, die einen katholischen Prälaten im Königreich Bayern schon vor 125 Jahren umtrieb.

Georg Triller erkannte genau, wie sehr die moderne Massengesellschaft Vereinzelung und Vereinsamung heraufbeschwört. Dagegen wollte der Priester und spätere Generalvikar der Diözese Eichstätt Orte der Gemeinschaft setzen, die Menschen zusammenführen. Gleichzeitig sollten sie Bildung für alle bieten und so für mehr Chancengleichheit sorgen. Trillers Motto: „Das Volk muss Verständnis für die Wichtigkeit der Lektüre bekommen.“

Third Places werden bei Neu- und Umbauten von Bahnhöfen bis heute nicht mitgeplant. Dafür müssten ja Verkaufsflächen weichen. Aber wenn schon nicht auf Bahnhöfen, so ist Georg Trillers Idee doch in vielen Orten Wirklichkeit geworden. Über 1.000 Büchereien gehören dem Sankt Michaelsbund an, dem katholischen Medienhaus, das auf den für Medienentwicklungen und Bildungsgerechtigkeit so hellwachen Geistlichen zurückgeht. In vielen bayerischen Dörfern sind sie die einzige kulturelle Einrichtung und oft auch der letzte gesellschaftliche Treffpunkt. Dafür sorgen landesweit rund 12.000 ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Beiträge zur Meinungsvielfalt

Neben Büchereien engagierte sich der „Katholische Preßverein“, wie der Sankt Michaelsbund in seinen Anfängen hieß, auch journalistisch; „Preß“ steht dabei für Presse. Der Verein beteiligte sich an Verlagen und gründete eigene Zeitungen. Sie sollten Beiträge zur Meinungsvielfalt sein.

Auch hier bringt sich der Sankt Michaelsbund bis heute ein: mit seinem Magazin [inne]halten, dem von ihm betriebenen Münchner Kirchenradio MKR, mit Beiträgen für Partnersender wie Antenne Bayern im Privatfunk sowie auf eigenen Onlineplattformen und in Social-Media-Kanälen. Ganz im Sinne von Prälat Triller: mitwirken an einer Gesellschaft, in der sich die Kirche engagiert, um deren Zusammenhalt zu fördern, zu dem auch der Meinungsstreit gehört. Heute nennen das Soziologen „demokratiefördernd“.

Mit einem solchen Begriff hätte der 1855 geborene und 1926 verstorbene Prälat vielleicht wenig anzufangen gewusst. Er erlebt eine im Umbruch befindliche Gesellschaft und eine Kirche, die zwischen Erstarrung und der allmählichen Erkenntnis schwankt, auf die grundstürzenden Veränderungen der Moderne reagieren zu müssen. Um sich in den weltanschaulichen und politischen Auseinandersetzungen zu behaupten, setzt sie nicht zuletzt auf die Kraft der Gläubigen. In Deutschland nutzen Laien und aufgeschlossene Priester die rechtliche Möglichkeit, Vereine zu gründen. Damit entsteht eine institutionelle Beteiligung des Kirchenvolks bei einer gleichzeitig scharf ausgeprägten klerikalen Hierarchie mit starkem Führungsanspruch.

Durchaus selbstbewusst und streng blickt auch Prälat Triller auf der Schwarzweißfotografie, die ihm zu Ehren in der Münchner Zentrale des Sankt Michaelsbundes hängt. Es ist eines der wenigen Dokumente, die der Zweite Weltkrieg und der Neubau an der Herzog-Wilhelm-Straße übrig gelassen haben, bei dem viele Unterlagen verloren gingen. Ein bedeutendes Dokument hat sich aber im Haus erhalten, und Stefan Eß entfaltet es vorsichtig und mit großer Ehrfurcht: Es ist die Lizenz Nummer 6 der Amerikanischen Militärregierung für Bayern, mit der die „Münchner Katholische Kirchenzeitung“ wieder erscheinen konnte.

„Mit der Lizenz waren auch die kostbaren Papierzuteilungen verbunden“, erklärt der heutige Michaelsbund-Direktor. Ein begehrtes Gut in Zeiten der Mangelwirtschaft. Die Lizenz Nummer 6 galt zudem für sämtliche bayerischen Kirchenblätter. Mit den Diözesen waren vor allem die Abgaben aus dem vom Michaelsbund verwalteten Papierkontingent auszuhandeln.

Die Münchner Katholische Kirchenzeitung konnte immerhin bereits ab dem 16. September 1945 wieder als Wochenblatt erscheinen. Auf Seite 2 des Blattes schrieb Chefredakteur Erich Wewel zum Neuanfang: „Es wird eine Aufgabe der neuen Kirchenzeitung sein, mitzuhelfen, dass wir erkennen, wohin Gott uns durch die Schickungen dieser Zeit führen will.“

Wewel war bereits zwischen 1938 und dem Verbot der Kirchenzeitung im Jahr 1941 deren Hauptschriftleiter, inklusive häufiger Gestapo-Verhöre. Einen von Wewels Vorgängern, Prälat Michael Höck, sperrten die Machthaber vier Jahre lang in verschiedene Konzentrationslager, weil er Kritik am Nationalsozialismus geübt hatte.
    

[inne]halten - das Magazin 14/2026

Seit 1901 am Puls der Zeit

Der Sankt Michaelsbund, das katholische Medienhaus in Bayern, wird 125 Jahre alt

Lesen Sie im [inne]halten-Magazin unseren Themenschwerpunkt und weitere Geschichten und Berichte aus dem kirchlichen Leben.

Von den Nazis schikaniert

Der Katholische Preßverein war von den totalitären Machthabern schon 1934 gezwungen worden, sich in „St. Michaels-Bund zur Pflege des katholischen Schrifttums in Bayern“ umzubenennen. Damit machten sie klar, dass sich die publizistische Tätigkeit und Medienarbeit der Kirche auf die Frömmigkeit zurückzuziehen habe. Gleichzeitig mit der Umbenennung hatten die gleichgeschalteten Behörden den Verband zum Verkauf fast aller Zeitungen gezwungen, die er in den Jahren zuvor erworben hatte.

Auch in den Büchereien griffen die Nationalsozialisten hart durch. In einer Klarsichthülle im schmalen Hausarchiv liegt ein Manuskript mit Erinnerungen von Josef Haas, der zunächst den Titel „Landessekretär“ führte, der später in „Direktor“ des Sankt Michaelsbundes umgewandelt wurde. Er leitete den Verband von 1930 bis 1955. Bewegt schreibt er, wie ein Ortsgruppenleiter mit Verbindungen zu Parteigrößen die Bestände einer katholischen Volksbücherei ohne jede Rechtsgrundlage beschlagnahmte. Eine Willkürmaßnahme gleich nach Adolf Hitlers Regierungsantritt. Haas traute sich, dagegen vor Gericht zu klagen, bekam sogar Recht und wenigstens Teile des Bestands zurück. Mit solchen Erfolgen war es aber schnell vorbei. Die katholischen Volksbüchereien mussten sich in Pfarrbüchereien umbenennen; den Begriff „Volk“ nahm der NS-Staat exklusiv für sich in Anspruch.

Die Folgen der NS-Kulturpolitik spürte der Sankt Michaelsbund noch lange. Bis in die 1960er Jahre finden sich Unterlagen mit Durchschlägen von Anträgen an den Freistaat Bayern, die erlittenen Bücherverluste finanziell auszugleichen.

1966 versandte der damalige Direktor des Sankt Michaelsbundes, Monsignore Hans Schachtner, zum Pressesonntag einen Brief an bayerische Pfarrer: „Es müssen schon die Kinder an das Lesen herangeführt werden, wenn ihre innere Vorstellungswelt nicht verkümmern soll“, heißt es darin. Schon in seinen Anfängen wollte der Verband mit seiner Bildungsarbeit für Jung und Alt und sämtliche Bevölkerungsschichten da sein, keinesfalls allein für Katholiken. In einer Zeit, in der noch scharfe Konfessionsgrenzen galten, sagte Prälat Triller in einer Rede: „Alle Einrichtungen des Preßvereins sind für die Allgemeinheit, nicht bloß für die Mitglieder da.“ Diese Leitlinie gilt für den Verband von seinen Anfängen bis heute.

Information und Orientierung für alle

„Die Wurzeln und die Geschichte des Michaelsbundes sind immer noch hochmodern“, sagt Stefan Eß. „Es geht ihm seit jeher um Bildung, Information und Orientierung für alle, mit den jeweils aktuellen Mitteln.“ Dazu gehörte, stets offen für neue Entwicklungen zu sein.

So ergriff etwa der langjährige Direktor Erich Jooß die Gelegenheit, den Sankt Michaelsbund 1988 als landesweiten Partner in der privaten TV- und Hörfunklandschaft zu verankern. Die Mitwirkung des Verbandes in diesen Massenmedien sichert der katholischen Kirche in Bayern seitdem jede Woche eine Reichweite von bis zu drei Millionen Zuhörern und Zuschauern.

Weitere Zielgruppen erreichen der hauseigene Sender MKR und das vierzehntägliche Magazin [inne]halten. Letzteres hat zu Ostern 2024 die altehrwürdige Münchner Kirchenzeitung abgelöst. Es entsteht in deutschlandweiter Kooperation mit 14 anderen kirchlichen Verlagen und Bistumsblättern, was eine größere Themenvielfalt und Wirtschaftlichkeit ermöglicht.

Und so viel steht fest: Der Sankt Michaelsbund wird auch in Zukunft wach für das Neue bleiben, um seine Tradition fortsetzen zu können. Vielleicht könnte 2051 eine Zusammenfassung zum 150-jährigen Bestehen so aussehen: Der Sankt Michaelsbund arbeitet seit Langem intensiv mit künstlicher Intelligenz, jedoch in kritischer Distanz und ohne auf Menschen zu verzichten. Seine Redaktion besteht aus Multimedia-Experten, die am Puls der Zeit aus christlicher Grundhaltung das Bedürfnis nach Spiritualität, Gemeinschaft und Bildung begleiten.


Nie hat er sich dabei aus dem so oft vernachlässigten ländlichen Raum zurückgezogen. In seinen Büchereien finden Kinder, Frauen und Männer einen Ort des Austauschs und des Miteinanders, einen durch kein digitales Angebot zu ersetzenden Begegnungs- und Lernraum. Ein Ort, der seit jeher nicht allein Medien vorhält, sondern an dem Menschen zusammenkommen, egal ob zu Lesungen, örtlichen Klimaschutzinitiativen oder zu einem Schafkopfkurs. Die Landespolitik, Bistümer und viele andere Institutionen würdigen ihn sowie seine vielen ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als „einzigartig und unersetzlich“. Sie seien, so wörtlich, „ein starkes Stück Bayern“.

Alois Bierl
Artikel von Alois Bierl
Chefreporter und Kolumnenautor
Beschäftigt sich mit wichtigen Trendthemen wie Spiritualität.