Trümmerzeiten 1945
Den Schutt der Herzen wegräumen – ein Aufruf zu Versöhnung und Neubeginn nach dem Zweiten Weltkrieg.
München in Trümmern: Deutsche Kriegsgefangene bei Aufräumarbeiten in der Münchener Altstadt im Juli 1945. Foto: © IMAGO / Rolf Poss
Der Artikel „Die Bauhütte“ aus der Münchner Katholischen Kirchenzeitung im Jahr 1945 nutzt die Trümmerlandschaft der Nachkriegszeit als Bild für die seelischen Verwüstungen, die Nationalsozialismus und Krieg hinterlassen haben. Nicht nur Städte, sondern auch Herzen, Familien, Freundschaften und das gegenseitige Vertrauen seien zerbrochen.
Der Verfasser fordert dazu auf, den „Schutt“ aus Hass, Misstrauen, Hochmut und Verletzungen bewusst wegzuräumen. Dies gelinge, indem Menschen ihre Lasten der grenzenlosen Liebe und Vergebung Gottes anvertrauen. Erst dann könne auf dem unzerstörbaren Fundament des christlichen Glaubens ein neues Miteinander entstehen. Besonders die Jugend wird aufgerufen, Vorurteile und Streit zu überwinden, Brücken zwischen Menschen zu bauen und mit klarem Glauben und Offenheit am geistigen Wiederaufbau der Gesellschaft mitzuwirken.
Die Bauhütte
Den Schutt weg!
Ja, wenn das so leicht wäre heutzutage. Wo du hinkommst, liegt der Schutt; nicht nur auf den Straßen und Plätzen, auch in den Häusern, in den Kellern und auf den Speichern. Aber wenn überhaupt vom Neubau gesprochen werden soll, dann muß zuerst der Schutt weg; es hilft alles nichts. Am besten sind die Städtchen oder Dörfer dran, die draußen an der Grenze ihrer Gemarkung eine Schuttkuhle haben, einen verlassenen Steinbruch, ein Baggerloch oder etwas Ähnliches. Für eine Stadt wie München wäre es jetzt ein Glück, wenn sich irgendwo in ihr eine tiefe Schlucht befände, in die man Wagen um Wagen Haustrümmer, Bauschutt usw. hineinkippen könnte, ohne befürchten zu müssen, daß die Tiefe jemals ausgefüllt würde. Für eine solche Großstadt wäre schon ein Abgrund nötig, um allen Schutt aufzunehmen.
Welch ein Abgrund wäre nötig, um allen Schutt aufzunehmen, der sich in den Jahren um den wahnsinnigen Krieg in den Herzen abgelagert hat. Mit der absoluten Parteiung und dem „Totalitätsanspruch“ damals fing es an. Gute Bekannte verstanden sich plötzlich nicht mehr, gingen verärgert auseinander, verachteten sich schließlich. Freundschaften zerbrachen an der Frage Für oder Wider. Kinder lehnten sich gegen die Eltern auf, und ganze Familien wurden durch den Irrglauben einer Partei auseinandergesprengt. Was anderes blieb zurück als Verachtung, Verleumdung, Mißverstehen, Hochmut, Größenwahn; was anderes als die Tränen der Mütter über ihre verführten Kinder und die Trauer der Männer über ihre verblendeten Freunde! Wer zählt die zertrümmerten Familien, Freundschaften, Gemeinschaften, Bünde, Vereine, Organisationen, die damals daran glauben mußten. Dann kam der Krieg, und der schwere, scheinbar unerbittliche Hammer des Schicksals zerschlug auch die heiligsten Bindungen – nicht nur durch den Tod. Wer zählt z. B. die zertrümmerten Herzen jener Frauen, denen die Unzahl der Gelegenheiten in der Fremde den Mann raubte? Wer die zertrümmerten Altäre in den Herzen der Männer, die ihren besten Glauben an die Treue der Frau im Leichtsinn vertan sahen?
Aber es sind nicht die schweren glatten Brüche allein, die uns statt des organischen Lebens Trümmerbrocken hinterließen. Unzählig sind die feinen Risse, die durch alle Lebensbeziehungen hindurchgehen: Jeder mißtraut dem andern. Die Menschen haben zu eng beieinanderwohnen müssen, mit zu nahem, unverbrämtem Charakter voreinander gestanden, zu rückhaltlos einander anvertrauen müssen, was besser hinter dem Schweigen verblieben wäre. Es ist, als hätten wir uns alle im Bilde überscharfer Groß- und Nahaufnahmen gesehen, ohne die wohltuende Retusche. Da gibt sich keine Stirn mehr rein, kein Auge mehr klar und keine Haut mehr ohne Runzeln und Schrunden, es fehlt der Schmelz ihres Karnats. Man weiß zu viel von der Schwäche, der Not, der Versuchung des Menschen schlechthin. Was einst die Liebe bereitwillig zudeckte, die Ehrfurcht aufbaute, die Sehnsucht überbrückte, der Idealismus erhöhte, das alles ist zerbröckelt, eingestürzt, ruiniert.
Wir haben ganze Städte in Ruinen verwandelt gesehen. Aber schauerlicher sind die Ruinen der ungezählten Menschenherzen, der zerstörten, zerschlagenen, von tausend Rissen zersprengten Innenwelten der Seele.
Wohin mit diesem Schutt? Niemand hat für den andern einen freien Platz, ein wenig Zeit, ihn anzuhören, die Weihe, ihn zu erlösen von seinen toten Trümmerfeldern. Nie noch standen die zerstörten Herzen so allein und verlassen in der Welt.
Da plötzlich tut sich vor ihnen ein Abgrund von solcher Tiefe und Bereitschaft, verschwinden zu lassen, auf, daß die ungezählten Großstädte der Seele unbedenklich ihren Schutt hineinkarren können. Denn nie wird die Tiefe, der Abgrund der Liebe Gottes ausgefüllt. Alles Leid und alle Sorge, alle zerstörten Lebensverhältnisse, aller Haß und aller Neid, alle Mißgunst und all die anderen trüben, unverstandenen Gefühle des Menschen unserer Tage haben Raum darin. Er muß sich nur endlich die Mühe machen, die Brocken heranzuschleppen an den Rand des Abgrundes und ihnen einen Fußtritt zu geben, daß sie endlich in der Bodenlosigkeit des göttlichen Verstehens und Verzeihens verschwinden. Dann wäre freier Raum in den Herzen, um wieder aufzubauen, denn die Fundamente, die unzerstörbaren, die im Zeichen des Kreuzes bei der Taufe grundgelegt wurden, stehen noch, fest und ohne Risse wie am ersten Tage. Der lebendige Eckstein aber liegt bereit, den neuen Herzbau zu tragen. Zuerst jedoch muß der Schutt weg.
Am wenigsten belastet vom Lebensschutt ist der junge Mensch. Seine Beziehungen zur Umwelt waren noch nicht so kompliziert und ausgebaut, seine Verhaltungsweisen noch weniger fest vermauert. Seine Wege sind von Vorurteilen, Gewohnheiten, eingewachsenen Untugenden nicht in dem Maße verschüttet, wie das bei so vielen Alten leider der Fall ist. An sie geht vor allem mein Ruf: Haltet euch frei oder macht euch mit einem schnellen Entschluß frei von allem alten klebrig-zähen Hader, vom Waschküchengezänk und vom Putzweibergeschwätz.
Es ist ja nicht wahr, daß der Nachbar ohne jeden guten Willen ist und die Nachbarin es darauf anlegt, jedem die Ehre abzuschneiden. Glaubt es nicht, glaubt statt dessen, daß da auch ein Menschenherz von all dem Elend unserer Zeit verschüttet wurde und sich nach Licht, nach schuttfreier Fläche sehnt, um endlich wieder damit beginnen zu können, in die Höhe zu bauen. Wenn die Jungen das nicht an sich erreichen, die Alten können es kaum mehr schaffen. Räumt ihr also mit hellen Augen und freier Seele und frischem Glauben die Schuttwände zwischen den Herzen weg. Das wäre wahrhaftig Arbeit und Aufgabe genug für eine neue Bauhütte.
Peter Tauquet
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