Katholikentag 1922 in München
Ein Leitartikel der Münchener Katholischen Kirchenzeitung zum Katholikentag 1922 in München fordert innere Erneuerung und warnt vor Materialismus und Glaubensverlust.
Heilige Messe mit dem Münchner Kardinal Faulhaber beim Katholikentag 1922 in München. Foto: © IMAGO / Arkivi
Der Leitartikel „Wohin des Wegs?“ in der Münchener Katholischen Kirchenzeitung vom 3. September 1922 anlässlich des gerade zu Ende gegangenen Katholikentags in München beschäftigt sich mit der Zukunft der deutschen Katholiken nach dem Ersten Weltkrieg, Revolution und politischen Umbrüchen. Der Autor stellt fest, dass äußere Erfolge, Organisationen und Versammlungen allein nicht ausreichen, um Kirche und Gesellschaft zu erneuern. Entscheidend sei die Rückbesinnung auf den christlichen Glauben und die persönliche Beziehung zu Gott. Nur wer nach Wahrheit, Schönheit und Liebe strebe, könne dem Leben Orientierung geben.
Der Text kritisiert Materialismus, Sozialismus und eine rein wirtschaftlich geprägte Weltanschauung, weil sie den Menschen auf das Irdische reduzierten und Gott aus dem Leben verdrängten. Dem setzt der Verfasser Gebet, Sakramente, Opferbereitschaft und ein glaubwürdiges christliches Leben entgegen.
Jeder Gläubige solle durch sein persönliches Vorbild Familie, Beruf und Gesellschaft prägen. Kirchentreue bedeute dabei keine Weltflucht, sondern aktives Handeln aus dem Glauben heraus. Nur eine geistige und moralische Erneuerung des Einzelnen könne nach Überzeugung des Autors das Volk und die Kirche dauerhaft stärken und den richtigen Weg in die Zukunft weisen.
In der nächsten Folge: "Oberammergau 1930".
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„Ich bin der Weg …“
Die Katholiken unseres deutschen Vaterlandes sind zum 62. mal zusammengetreten zum Beten, Beraten und persönlichen Gedankenaustausch. Was soll die Frucht, was der Erfolg all der großen Reden, Versammlungen, Entschließungen sein? Ist es uns genug, wenn wir sagen können, es war einzigartig, pompös, überwältigend auf dem Königsplatz? Genügt es zu schreiben, der Begrüßungsabend wies eine beängstigende, unheimliche Menschenmasse auf? Ist das alles, daß die Redner fortlebten, nimmer endenwollenden Beifall fanden, daß die geschlossenen und die einzelnen Abendversammlungen ohne Ausnahme voller Menschen und voller Einmütigkeit gewesen waren? Nein, wir haben fest einen Weg in die Zukunft, ins Neuland der Seelen, des Volkes und der Menschheit gefunden!
Grundsäule ist der Weg. Moses sagt auf das vierte und auf das siebente und auf das achte Gebot Gottes: Das sind unsere Wegweiser zur vollen Wahrheit, zum 100prozentigen Katholiken. Es darf keine katholischen Christen geben, die lügen, die stehlen, die verleumden, die Unkeuschheit denken, Unkeuschheit treiben. Gottesliebe ist das erste, und wir wollen Gott aus ganzem Herzen suchen und lieben, weil wir die Schönheit und Wahrheit und Heiligkeit suchen und lieben. Nicht die Erbenschönheit soll uns darüber hinwegtäuschen, die Kirche zeigt und vermittelt uns die ewige Schönheit. Also beginnen wir uns nicht mit dem Schönen, was uns die Welt bieten kann, gehen wir aufs Ganze und lassen wir uns nicht mit schimmernden Romantik und Ärmelbändern abspeisen. Armut in der Kirche soll im Schlichten zu Christus suchen, von da dann andern bringen. Und von dieser Treue zu unserer Kirche soll uns nichts trennen, nicht einmal der Tod, der uns in die triumphierende Kirche zum Gottesstaat in Himmel führt. Treue ihm! Treue!
Friedensmacht ist der Sieg. In unserm eigenen Volke muß der Friede wachsen; die alten Friedensquellen müssen wieder fließen aus dem alten Volkstum in seinen Liedern, seinen Festen, in seinen Bildern und Bräuchen, aus seinen Wäldern und Wiesen und Kirchen und Kapellen. Laßt doch das liebe, gute, schöne Alte wieder frisch und neu und recht lebendig werden! Strebet im Herzen, das blühe Glaube ist; Friede in den Familien, bei reiner keuscher Ehe und lieben, guten, gehorsamen Kindern, Friede bei den Nachbarn im Dorfe und den Wohnungen der Städte. Liebet einander, helfet einander, meidet Zank und Streit und Feindschaft! Laßt Friede kommen unter die Menschen zwischen Stadt und Land; wo ist der katholische Arbeiter, der sich freut, wenn es dem Bauern gut geht? Wo ist der katholische Beamte und Arbeiter, der sich freut, wenn seine Angestellten einen frohen Tag erleben, wo ist die Hausfrau, die bedacht ist, ihrem Dienstmädchen frohe Stunden, ein liebes trautes Heim und ein glückliches Arbeiten und Ruhen zu verschaffen? Das ist doch aber erst der rechte Katholizismus, hundertprozentig, wahr und echt!
Und im öffentlichen Leben hat die Kirche als weltumspannende Friedensmacht so oft ihr Wort erhoben im Gebet und im Schrifttum an die Mächte — sie ist ungehört geblieben. Darum kranken Vater und Mutter, Bruder und Schwester, Klassen und Stände, Völker und Nationen. Wird es nach dem 62. deutschen Katholikentage wenigstens in Deutschland anders werden? Die Stimmen sind laut genug ertönt, die Festhalle und der Königsplatz erzitterten unter den mächtigen Worten der ewigen Wahrheiten, uns selbst hat es hingerissen und morgen, übermorgen, in einigen Wochen... Gott gebe uns Kraft zur katholischen Tat nach dem herrlichen, katholischen Tag!
Christus ist der Weg. Wenn eine ungläubige Presse unsere Bischöfe fragt aus Anlaß des Katholikentages: Wohin des Wegs? — dann wissen wir die Antwort darauf zu geben: Christi Stellvertreter im Hirtenamt wird nie einen andern Weg als den des guten Hirten gehen, der gesagt hat: „Ich bin der Weg!“
Foto: © Archiv
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