Holzbaracken und Aufbauwille
Vor 80 Jahren kamen hunderttausende Vertriebene nach Bayern, auch nach Waldkraiburg im oberbayerischen Landkreis Mühldorf am Inn. Mit ihrer Geschichte steht die Gemeinde exemplarisch für zahlreiche andere Städte in unserer Heimat.
Waldkraiburgs Stadtarchivar Konrad Kern (rechts) im Gespräch mit (von links) Herbert Schwarz (82), Eduard Kästner (87) und Walter Weiß (87) Foto: © SMB/Bierl
Auf dem Portal der Waldkraiburger Christkönig-Kirche ist eine seltene Darstellung zu sehen: die Flucht der Heiligen Familie nach Ägypten. Und dann die Straßennamen: Nach Grasslitz, Komotau, Teplitz oder anderen Städten sind sie benannt. Wer sich ein bisschen mit Geschichte auskennt, weiß, dass sie im heutigen Tschechien liegen, aber nicht mehr so heißen.
Schon auf den ersten Blick fällt auf: Waldkraiburg liegt mitten in Oberbayern und ist doch anders als andere Gemeinden in der Nähe. Keine barocke Kirche im Ortskern und auch keine anderen historischen Gebäude. Die Stadt sieht aus, als sei sie erst vor wenigen Jahrzehnten entstanden. Und genau so ist es.
Die ersten Bewohner waren Flüchtlinge
Die ersten Bewohner, die sich hier fest niedergelassen haben, waren Heimatvertriebene, Flüchtlinge. 1946 wurden sie vor allem aus der damaligen Tschechoslowakei ausgewiesen und mussten die deutschen NS-Verbrechen büßen, egal ob sie daran mitgewirkt hatten oder nicht.
Walter Weiß war damals sieben Jahre alt und mit seiner Mutter und den Geschwistern in einen Viehwaggon verfrachtet. Unterwegs erlebte er eine Entbindung mit. Der Säugling starb nach wenigen Tagen: „Es gab ja keine medizinische Versorgung, kaum Lebensmittel, und die erschöpfte Mutter konnte das Kind nicht ernähren.“ Nach einer Irrfahrt durch Süddeutschland kam Weiß schließlich in einem Holzbarackenlager im heutigen Waldkraiburg an.
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Stehplätze in der Kirche
Die Familie hatte noch Glück. Die Behörden wiesen sie einem freundlichen Bauern zu und bald danach kehrte der Vater aus der Kriegsgefangenschaft zurück. Der war gelernter Fassbinder, also Schäffler, und was er an Bottichen, Kübeln und Fässern verfertigte, versuchte der kleine Walter an die umliegenden Bauernhöfe zu verkaufen. Sonst halfen er und seine Familie in der Landwirtschaft mit, um Lebensmittel zu verdienen. Sonntags standen sie hinten in der Kirche, denn die Sitzplätze waren ja an die Einheimischen vergeben, die aber sehr wohl registrierten, dass viele Flüchtlinge immerhin Katholiken waren.
1954 baute die Familie dann ein eigenes Haus in Waldkraiburg. So, wie das damals hier üblich war. Einer half dem anderen, jedes Eigenheim war ein Gemeinschaftswerk. Die Vertriebenen hielten fest zusammen, selbst wenn sie in ihrer alten Heimat vieles trennte.
Lebenswelten prallten aufeinander
Eduard Kästners Großvater war in Grasslitz ein bekannter Kommunist. Das bewahrte die Familie zwar nicht vor der Vertreibung, sie kam aber in einen sogenannten Antifaschistentransport und durfte Mobiliar und Hausrat mitnehmen. Den anderen Flüchtlingen waren höchstens 50 Kilogramm Gepäck erlaubt. Den kostbaren Schatz mussten die Kästners aber zunächst einmal unterstellen, da sie zuerst im Barackenlager untergebracht waren und danach im benachbarten Kraiburg nur ein Zimmer zugewiesen erhielten.
„Natürlich prallten da Lebenswelten aufeinander“, sagt der heute 87-Jährige. Um unter den Einheimischen anerkannt zu werden, „lernte ich zuerst einmal schnell eine Fremdsprache, also Bairisch“. Das fiel den Erwachsenen natürlich schwerer. Die mussten sich eine neue Existenz aufbauen „und haben sich gewundert, womit die Leute hier ihr Geld verdienen, wo es doch nirgendwo Schornsteine gab“. Denn die meisten Flüchtlinge kamen so wie Kästners Familie aus den von Industrie und Gewerbe geprägten Regionen Nordböhmens in die landwirtschaftliche Region am Inn.
Baracken als Wohnstätten
Allerdings existierte im heutigen Waldkraiburg eine gewaltige Pulverfabrik mit rund 600 Bunkern und langen Betonpisten, gut getarnt im Forst, um feindliche Fliegerangriffe abzulenken. In den dortigen Baracken waren zuvor Zwangsarbeiter untergebracht, die dann die Flüchtlinge bezogen. Auf diesem Gelände siedelten die Vertriebenen schnell neue Betriebe mit gut ausgebildeten Fachkräften an und bauten dort sogar ihre Häuser.
„Unsere Eltern und Großeltern haben sich dadurch behauptet, dass sie ihr Wissen anwandten, das war ihr wichtigstes Kapital“, ist Kästner überzeugt. Das habe ihnen nach „der ersten verständlichen Ablehnung viel Anerkennung und sogar Bewunderung eingetragen“. Schließlich kamen auch viele Alteingesessene in den neuen Betrieben unter, fanden Ausbildungs- und Lebensperspektiven. Die Vertriebenen einte, dass sie anpacken wollten, auch wenn sie untereinander über vieles hinwegsehen mussten. Sozialdemokraten, aber auch katholische NS-Gegner aus dem Sudetenland lebten im Lager plötzlich nur durch ein aufgehängtes Leintuch von Ex-Nazis getrennt, die sie wenige Jahre zuvor denunziert oder sogar verfolgt haben könnten.
So sah es in den Barackenlagern in Waldkraiburg aus. Foto: © Stadtarchiv Waldkraiburg
NS-Verbrechen vor Augen
„Aber sie waren eben alle miteinander gezwungen, sich zu vertragen und einen neuen Weg zu gehen“, sagt Konrad Kern, der in Waldkraiburg das Stadtarchiv leitet. Dabei hatten die Vertriebenen auch die unmittelbaren Opfer des Naziregimes vor Augen. Denn in dem offiziell 1950 gegründeten Waldkraiburg waren nach der Befreiung zunächst noch jüdische Kinder untergebracht, deren Eltern in den KZs ermordet worden waren, später auch andere Displaced Persons (DPs), die ihre Heimat durch den Krieg verloren hatten.
Es war eine Gemengelage, die auch in den anderen bayerischen Vertriebenenstädten Geretsried, Traunreut, Neugablonz und Neutraubling zu finden war. Schnell haben die Flüchtlinge Vereine und Landsmannschaften gegründet, um ihre Identität zu bewahren. Glaubten anfangs viele, in ihre alte Heimat zurückkehren zu können, zeichnete sich mit den Jahren der unwiederbringliche Verlust immer deutlicher ab.
Kirchen helfen bei schneller Integration
Dass in Waldkraiburg eine schnelle Integration möglich war, schreibt Stadtarchivar Kern zu einem erheblichen Teil auch den Kirchen zu. Der ortansässige Pfarrer zelebrierte in einer eigens eingerichteten Baracke zunächst an den Sonntagen mehrere Messen, „weil es für alle Gläubigen auf einmal viel zu eng gewesen wäre“. Die Baracke war „wahrscheinlich auch die erste Simultankirche in der Region“, weil nachmittags die evangelischen Christen dort Gottesdienst feierten.
Die Münchner Erzdiözese ordnete schon nach Kurzem einen eigenen katholischen Seelsorger ab, der sich um die vertriebenen Katholiken auch karitativ kümmerte. Schließlich waren zahlreiche alleinstehende Mütter mit mehreren Kindern zu versorgen und zu begleiten, deren Männer gefallen oder in oft jahrelanger Kriegsgefangenschaft waren.
Von der ersten Lagerkirche ist heute nichts mehr erhalten. Foto: © Stadtarchiv Waldkraiburg
Aufbauwille prägt die Stadt bis heute
unterschiedlichen Landsmannschaften auch mit ihren eigenen Traditionen präsentieren. „Bei Festgottesdiensten sind sie mit ihren Fahnen und Trachten eingezogen, da war die Kirche voll“, erinnert sich Herbert Schwarz, der in Waldkraiburg die Kolpingfamilie leitet und lange Jahre im Pfarrgemeinderat war. So präsentierte sich eine Gemeinschaft, die gleichzeitig ihre unterschiedliche Herkunft und ihre je eigenen Traditionen pflegte.
Unter den Jüngeren sterbe das allerdings ab, da stimmen die drei Waldkraiburger Zeitzeugen und der Stadtarchivar überein. Erst kürzlich ist der Böhmerwaldbund am Ort aufgelöst worden. „Aber eigentlich zeigt das, dass wir vollständig assimiliert sind“, sagt Schwarz, der aus der heutigen Slowakei stammt. Waldkraiburg, heute also eine ganz normale Stadt? Eduard Kästner widerspricht da entschieden: Der Aufbauwille der Flüchtlinge präge immer noch ihren Charakter: „Es gibt eine Tatkraft, die Waldkraiburg immer ausgezeichnet hat, und ich bin zuversichtlich, dass das bleibt.“
Diese Tatkraft und Zuversicht hält auch Archivar und Stadthistoriker Kern immer noch für wirksam. Etwa als es darum ging, Anfang der 1990er Jahre die vielen zugezogenen Russlanddeutschen und heute neue Zuwanderer zu integrieren. „Da hatten wir in Waldkraiburg einfach die Erfahrung, dass es bei allen Problemen nicht anders geht, als auf neue Bevölkerungsgruppen zuzukommen und zusammenzuwachsen.“ Eine Stärke, die aus der eigenen, schmerzlichen Vertreibungsgeschichte kommt und an die ein Kirchenportal und ungewöhnliche Straßennamen bis heute erinnern.
„Wir sollten unsere Fähigkeit
zur Integration nicht unterschätzen“
Pater Fabian Retschke SJ arbeitet in Berlin für den Jesuiten-Flüchtlingsdienst JRS. Der Jesuit, Jahrgang 1993, stammt aus der Lausitz, Teile seiner Familie haben nach 1945 ebenfalls ihre frühere Heimat verloren.
Pater Fabian Retschke weiß, dass Integration Konflikte mit sich bringt und dennoch möglich ist. Foto: © SMB/Bierl
Pater Retschke, Deutschland musste nach 1945 zwischen zwölf und vierzehn Millionen Flüchtlinge und Vertriebene aufnehmen – trotz Wohnungsnot, Lebensmittelknappheit und zerstörter Infrastruktur. Wie konnte das gelingen?
Es musste zunächst die Einsicht wachsen: Das sind auch wir. Die Menschen kamen zwar aus anderen Regionen Europas, aber sie waren Deutsche. Trotzdem war das nicht selbstverständlich. Das war eine enorme gemeinsame Kraftanstrengung. Im Rückblick wird oft eine scheinbar harmonische Geschichte erzählt, aber tatsächlich war das ein langer Prozess.
Beeindruckt Sie diese Integrationsleistung in Ihrer Arbeit mit Geflüchteten?
Ja, sehr. Vor allem, wenn man die Voraussetzungen betrachtet. Es gab damals noch keine Genfer Flüchtlingskonvention, keine menschenrechtlichen Standards, wie wir sie heute kennen, und noch nicht einmal das Grundgesetz. Trotzdem war die Überzeugung da: Irgendwie muss das jetzt würdig gelingen. Beeindruckend ist auch, dass Deutschland damals ein kriegszerstörtes Land war, das sich gleichzeitig mit seiner eigenen nationalsozialistischen Schuldgeschichte auseinandersetzen musste. Und dennoch gelang es, Millionen Menschen aufzunehmen.
Wenn Sie die Situation von 1946 mit heute vergleichen – wo sehen Sie Parallelen?
Eine wichtige Parallele ist die Herausforderung, ein gemeinsames „Wir“ neu zu bestimmen. Damals wie heute verändert sich eine Gesellschaft. Wer wird als Teil der Gemeinschaft wahrgenommen? Es ist ja immer so, dass nicht nur die Zugewanderten eine Migrations-geschichte haben, sondern auch die Alteingesessenen. Auch bei ihnen formt sich eine Erzählung, eine Geschichte, über das, was sich verändert, und daraus werden Haltungen. Dabei sind die Ängste immer ähnlich. Menschen haben oft Sorgen vor Überforderung oder Kontrollverlust. Wenn Behörden überlastet wirken oder gesellschaftliche Veränderungen als zu schnell empfunden werden, entsteht Unsicherheit. Dann ist das einfachste Argument oft: Schuld sind diejenigen, die neu hinzugekommen sind. Ganz ähnliche fremdenfeindliche Einstellungen gab es auch gegenüber den Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg.
Und wo liegen die wichtigsten Unterschiede?
Die sind erheblich. Die Vertriebenen damals sprachen dieselbe Sprache, brachten verwandte kulturelle Prägungen und oft denselben Glauben mit. Sie mussten keine Sprachkurse besuchen. Auch die Kirchen spielten eine andere Rolle. Sowohl die evangelische als auch die katholische Kirche hatten damals eine deutlich stärkere Integrationskraft. Und Deutschland war zerstört und musste wieder aufgebaut werden. Heute leben wir in einer wirtschaftlich starken Gesellschaft. Zugleich haben wir heute eine andere demografische Situation. Wir brauchen viel mehr Zuwanderung, weil in vielen Bereichen Arbeitskräfte fehlen.
Lässt sich aus der Integration nach 1946 dennoch etwas für heute lernen?
Ja. Wir sollten unsere Fähigkeit zur Integration nicht unterschätzen. Die Bedingungen sind heute besser als damals, und auch die Größenordnungen sind andere. Natürlich brauchen wir Sprachförderung und Unterstützung für Menschen, die zu uns kommen. Aber wir sollten ebenso wenig die Fähigkeiten dieser Menschen unterschätzen. Die Geschichte der Integration der Vertriebenen ist am Ende eine Erfolgsgeschichte geworden, aber nicht ohne Konflikte.
Das heißt: Konflikte gehören dazu?
Ja. Das können wir ebenfalls aus der Geschichte lernen. Integration ist kein geräuschloser Vorgang. Es gibt Spannungen, Vorbehalte und Widerstände. Entscheidend ist, wie wir damit umgehen. Dabei hilft es wenig, Menschen mit ihren Sorgen einfach abzuurteilen.



