Gerechtigkeit
09.10.2026


Jahrestag

70 Jahre „Verkehrssünderkartei“ 

Eine rote Ampel überfahren, mit dem Handy am Steuer erwischt, mit 80 durch die Tempo-30-Zone gebrettert – für all das gibt es „Punkte in Flensburg“. Seit 70 Jahren werden dort gravierende Verkehrsverstöße vermerkt.
   

Zu den häufigsten Verkehrsverstößen zählt Fahren mit überhöhter Geschwindigkeit. Zu den häufigsten Verkehrsverstößen zählt Fahren mit überhöhter Geschwindigkeit. Foto: © imago/Bihlmayerfotografie

Wohl jedem ist das schon passiert: Man ist in Gedanken, fährt mit dem Auto durch die Stadt oder auf der Autobahn und plötzlich – zack. Ein Blitzerfoto holt einen jäh in die Gegenwart zurück. Je nach Geschwindigkeitsbegrenzung wird einem plötzlich angst und bange. Denn wer deutlich über dem Wert liegt, muss nicht nur mit einem saftigen Bußgeld, sondern auch mit sogenannten „Punkten in Flensburg“ rechnen. Seit genau 70 Jahren, dem 11. Oktober 1956, vermerkt dort das Fahreignungsregister (FAER) beim Kraftfahrt-Bundesamt schwere Verstöße am Steuer.  

In dieser Behörde – umgangssprachlich „Verkehrssünderkartei“ genannt – werden bei gravierenden Vergehen hinter dem Steuer die berühmten Punkte in einem zentralen Register vermerkt. So können wiederholt auffällig gewordene Verkehrsteilnehmer leichter aus dem Verkehr gezogen werden. Denn gehäufte Verstöße lassen Zweifel an der Eignung einer Person zum Autofahren aufkommen.  

Gestiegener Nachkriegsverkehr 

Der in den Nachkriegsjahren deutlich gestiegene Straßenverkehr hatte zur Einführung des Registers geführt. Zur Gründung des Kraftfahrt-Bundesamtes 1951 waren hierzulande gerade einmal 700.000 Pkws registriert, heute sind es laut Bundesverkehrsministerium mehr als 49,5 Millionen. Auch dadurch ist der Straßenverkehr viel komplexer geworden, spielen neben Alkohol auch andere Drogen eine Rolle. Und mit illegalen Autorennen, unerlaubter Nutzung von Handys und Radarwarngeräten kommen neue Verkehrsdelikte hinzu.  

Allein 2025 wurden laut Stephan Immen, Sprecher des Kraftfahrt-Bundesamtes, über 4,2 Millionen punkterelevante Verkehrsverstöße vermerkt – von Männern deutlich mehr (3.223.322) als von Frauen (982.650). Vor allem im Alter zwischen 25 und 44 Jahren neigen Menschen demnach zu Regelverstößen. Rasen ist die häufigste Ordnungswidrigkeit. Männer haben 2025 mit 1.918.529 deutlich mehr Geschwindigkeitsverstöße begangen als Frauen (565.936).

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Chronischer Zeitdruck 

Was aber bringt Autofahrerinnen und Autofahrer dazu, es mit den Regeln nicht so genau zu nehmen? Laut einer Online-Befragung der Björn-Steiger-Stiftung führt chronischer Zeitdruck oft zu riskantem Verhalten wie Rasen oder dem Überfahren einer roten Ampel. Bei Jüngeren spiele zudem die Smartphone-Nutzung im Auto eine zunehmende Rolle. Auch aggressives Verhalten wie zu dichtes Auffahren, rechts Überholen oder erzwungenes Einfädeln nimmt demnach zu.  

„Viele Menschen sind wenig belastbar“, beobachtet zudem Verkehrspsychologe Karl-Friedrich Voss. Sie tun sich dann beispielsweise auch schwer mit dem Wechsel des Fahrstreifens und halten sich dann oft nicht an das Rechtsfahrgebot, sagt der Vorsitzende des Bundesverbandes Niedergelassener Verkehrspsychologen.  

Eigene Fehler herunterspielen 

„Das kann daran liegen, dass ein Autofahrer einen anderen damit erziehen will oder er befürchtet, nach einem Wechsel des Fahrstreifens nicht schnell genug wieder auf den linken Fahrstreifen zu gelangen.“ Der Psychologe weiß, dass Verkehrssünder eigene Fehler oft erst einmal herunterspielen, statt sich mit ihnen zu beschäftigen, „oder man schiebt sie anderen unter“.  

Zu ihm kommen Menschen, die ernsthaft einen Punkt in Flensburg abbauen wollen – „da wird nicht Kuchen gegessen“. Voss will dann wissen, wie ist es überhaupt zu dem Verstoß gekommen ist. In zwei 75-minütigen Sitzungen geht der Psychologe aus Hannover mit seinen Klienten die verzeichneten Fahrfehler systematisch an; außerdem wartet in einer Fahrschule ein weiterer, verkehrspädagogischer Teil auf sie, um den Punkt abzubauen.  

Ein Klassiker, der für einen Punkt sorgt: der Fahrstreifenwechsel, allenfalls mit kurzem Blinken und anschließendem Ausscheren auf eine andere Spur – ohne jeden Blick für den anderen Verkehr. Wenn jemand das sein ganzes Leben so gemacht hat, falle ihm das Umlernen schwer, beobachtet Voss. Das hat aus der Erfahrung des Verkehrspsychologen auch etwas mit neuronalen Verknüpfungen zu tun. Deshalb gelte es, gute, neue Routinen zu entwickeln, etwa den Rundumblick vor einem Spurwechsel.  

„Die Umgebung richtig erfassen“ 

„Man muss ein aktuelles Bild von der Umgebung haben – viele machen das nicht“, beobachtet der 77-Jährige. Es gelte, die Augen zu schulen, „damit sie die Umgebung richtig erfassen“. Voss rät, möglichst vorausschauend zu fahren, um Konflikte und Fahrfehler durch plötzliche Ereignisse zu verhindern. Er setzt auf die Einsicht der Verkehrssünder, indem er sie etwa zu einem besseren Zeitmanagement motiviert. Dann könnte man auch eher „mit dem Verkehr schwimmen“.  

Das Flensburger Punkteregister hält der Verkehrspsychologe für eine bewährte Alternative zu höheren Strafen im Straßenverkehr, wie sie mitunter im Ausland erhoben werden. Von seiner intensiven Beschäftigung mit Verkehrsvergehen profitiere er im Übrigen auch selbst. „Ich habe keine neuen Punkte bekommen – man ist informiert.“

Angelika Prauß

KNA
Artikel von KNA
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