Fünf Jahre Betroffenenbeirat
„Wir sind da, wir werden bleiben“
2021 wurde mit der Einrichtung des Betroffenenbeirats ein fester Rahmen für die Beteiligung von Betroffenen sexualisierter Gewalt in der Erzdiözese München und Freising geschaffen. Anlässlich des fünfjährigen Bestehens trafen wir den Sprecher des Gremiums, Richard Kick.
Bei der Romreise 2025 besuchten die Mitglieder des Betroffenenbeirats (Richard Kick ist der Zweite von links) auch die Europakapelle an der Brenner-Autobahn. Foto: © SMB/Christine Schmehrer
Der Betroffenenbeirat versteht sich nicht nur als beratendes Gremium in der Erzdiözese, sondern auch als Ansprechpartner für Betroffene selbst. Sie geben an, dass es bisher mit rund 200 Personen direkten Kontakt gab. Werden eigentlich immer noch neue Fälle gemeldet?
Ja, vereinzelt. Insbesondere wenn wir als Betroffenenbeirat irgendwo aktiv sind, sei es bei einer Veranstaltung im Dom oder bei einem Besuch in einer Gemeinde, kommen danach Anrufe.
In den vergangenen Jahren wurden von der Kirche bedeutende Anstrengungen unternommen, sich der Problematik zu stellen, Fälle sexuellen Missbrauchs aufzuarbeiten und Maßnahmen der Prävention zu ergreifen. Über welche Erfolge freuen Sie sich dabei?
Das Wesentliche war, dass etwa ein Jahr, nachdem wir begonnen hatten, eine Gemeinsamkeit gewachsen ist zwischen der Kirchenführung und uns. Da ist eine Art menschlicher Funke übergesprungen und man hat uns nicht mehr nur als Betroffene sexualisierter Gewalt gesehen, sondern verstanden: Da stehen Menschen, da stehen Schicksale. Und wir waren in der Lage, zu sagen, was es für uns eigentlich bedeutet hat, als Kinder missbraucht worden zu sein. Ab da war es möglich, deutlich zu machen, was nötig und wichtig ist. In den gut fünf Jahren seit Gründung des Betroffenenbeirats ist dann so vieles entstanden, das kann ich gar nicht alles einzeln aufführen. Aber eine besondere Rolle spielten sicherlich unsere zwei Besuche in Rom, 2023 bei Papst Franziskus und 2025 bei Papst Leo. Das hat mit der weltweiten Aufmerksamkeit, die wir damals bekommen haben, auch dazu beigetragen, dass vieles hier in der Erzdiözese noch mal genauer betrachtet worden ist und wir noch leichter die Möglichkeit hatten, Dinge umzusetzen.
Als Sie Papst Franziskus und Papst Leo persönlich trafen, wer stand da vor Ihnen: der oberste Vertreter einer Täterorganisation oder ein mitfühlender, vielleicht mitleidender Glaubensbruder?
Zuerst konnte ich mir gar nicht vorstellen, nach Rom zu fahren. Ich dachte mir, weil ich ja als Kind selbst von sexualisierter Gewalt betroffen war: Ich werde doch jetzt nicht zu demjenigen fahren, der der Hauptverantwortliche in der Weltkirche ist! Wir haben es aber doch gemacht und zwei Dinge geschafft: Erstens, wir Betroffenen haben gezeigt, dass wir nicht ausschließlich zerstört sind, sondern dass wir in der Lage sind, Dinge zu bewegen. Zweitens konnten wir uns auch medial zeigen und einen Schritt in die Öffentlichkeit tun. Papst Franziskus ist dann empathisch auf uns zugegangen, hat uns nicht nur kurz im Vorbeigehen begrüßt. Das war für uns unglaublich erhebend und wichtig. Bei Papst Leo war es noch mal eine andere Hausnummer: 40.000 Menschen haben unsere Begegnung über die großen Leinwände gesehen, und als gesagt wurde, dass wir als Betroffene sexualisierter Gewalt jetzt dort stehen, ist Applaus aufgebrandet, die Menschen sind aufgestanden. Papst Leo kam auf uns zu und sagte zu uns, dass er es ganz außerordentlich findet, dass wir auf dem Weg der Heilung sind, dass sich aber auch die Kirche auf diesen Weg begeben muss. Und er würde sich freuen, uns auf diesem Weg zu begleiten.
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Sie haben bei verschiedenen Gelegenheiten auch erkennen lassen, dass Sie mit dem Agieren der Erzdiözese bei der Aufarbeitung nicht ganz zufrieden sind. Wie ist die Situation heute – wird die Kirche ihrer Verantwortung voll gerecht?
„Voll gerecht“ ist ein großes Wort. Da und dort sind immer noch Stellschrauben, die man versuchen muss zu justieren. Die Aufarbeitung und die Sicht auf Betroffene sexualisierter Gewalt wird nie zu Ende gehen und soll nie zu Ende gehen. Die großen Fortschritte waren, dass Betroffene endlich gehört wurden, gesehen wurden, eingeladen wurden. 2021 hat man noch gesagt: „Na ja, die können ja kommen!“ Ich sagte dann: „Sie glauben doch nicht, dass die Betroffenen kommen und an die Tür klopfen und sagen: ,Bitte, bitte, könnten Sie mich mal anhören?‘“ Es hat eine Zeit lang gedauert, bis Kardinal Marx in der Lage war, das zu begreifen, und nach einer heftigen Diskussion hat er einmal zu mir gesagt: „Herr Kick, jetzt habe ich es verstanden!“ Damit ist ein großes Tor geöffnet worden. Wir sind da und wir werden bleiben.
Manch einer denkt vielleicht: Wenn einmal alle Möglichkeiten ausgeschöpft sind, wenn bei der Aufarbeitung wie auch bei der Prävention alles Denkbare getan ist, dann könnte doch das Thema irgendwann mal wieder von der Agenda verschwinden. Warum, sagen Sie, darf das nicht passieren?
Die jüngste Vergangenheit hat gezeigt, dass es nicht nur um die Betroffenen geht, sondern auch um deren Familien, um deren Kinder. Auch die Partner von Betroffenen waren oft unglaublich stark involviert, und zwar schon bevor sie überhaupt erfahren haben, was geschehen ist. Sie mussten Ängste und Nöte aushalten, haben sich gefragt: „Was ist denn los mit meinem Mann oder meiner Frau?“ In Rosenheim haben wir kürzlich das Angebot geschaffen, dass auch Kinder von Betroffenen sexualisierter Gewalt mit ihren Eltern mitkommen und darüber reden können, was das Missbrauchsgeschehen auch für sie bedeutet hat. Auch die Kinder von Betroffenen können beispielsweise Waschzwänge oder Essstörungen entwickeln. Das zeigt, dass es noch lange nicht zu Ende ist. Missbrauch wird immer da sein, wo ein Machtgefälle herrscht, nicht nur in der katholischen Kirche.
Wo sehen Sie die Kirche im Vergleich zu anderen Orten, an denen sich sexualisierte Gewalt ereignet? Ist sie heute ein sicherer Raum für Kinder geworden?
Die Kirche hat mit uns zusammen vieles erreicht und umgesetzt, und sie ist heute sicherlich ein deutlich sensiblerer Bereich geworden. In der Kirche ist heute klar, wie vorzugehen ist, wenn es zu sexualisierter Gewalt kommt. Das ist in anderen öffentlichen Räumen wie Sportvereinen und Schulen nicht der Fall. Es gibt insbesondere in Schulen noch immer keine gesetzliche Grundlage, Bayern ist hier Schlusslicht. Die Kirche aber hat hier im Erzbistum gezeigt, dass man hinschauen und anpacken muss.
2025 haben Sie im Bayerischen Landtag die Petition „Gewalt an Kindern und Jugendlichen entschlossen entgegentreten“ übergeben. Sie bezeichnen das als „Schlüsselmoment“ im Engagement des Betroffenenbeirats. Warum?
Weil damit gelungen ist, das Thema von der Kirchenebene hinaus in die Gesellschaft und in die Politik zu tragen. Denn was die Kirche getan hat, nämlich Verantwortung im Rahmen des klerikalen Kontexts zu übernehmen, das steht im öffentlichen Raum ja noch aus. Die Bayerische Staatsregierung hat eine große Verantwortung für viele Dinge, die heute noch passieren und nicht aufgearbeitet werden. In Sportvereinen wurden Hunderte und Tausende von Kindern über Jahrzehnte hinweg schwer sexuell missbraucht, und der Täter, zum Beispiel ein Trainer, braucht nur den Landkreis oder das Bundesland zu wechseln, und macht anderswo weiter. Dafür muss der Staat Verantwortung übernehmen – deutlich mehr, als er es bis heute getan hat.
Am 16. Oktober findet bei uns im Erzbistum der nächste „Tag der Begegnung“ statt. Worum geht es da?
Wir führen diese Treffen seit einigen Jahren jährlich durch. Es geht um die Gemeinschaft der Betroffenen innerhalb der Kirche. Das Schönste für mich ist, dass sie mit all ihren Nöten, auch mit ihren Angehörigen, sich treffen können und dass sie sich gern treffen. Sie können sich dort austauschen und ohne Vorbehalte über alles reden. Auch das Erzbistum ist vertreten: mit dem Kardinal, dem Generalvikar, der Amtschefin und weiteren Helfern und Mitarbeitern. Jeder Betroffene kann hier das Gespräch suchen und auch ganz unkompliziert den Kardinal ansprechen.
In der Krypta des Münchner Doms gibt es seit 2025 ein Mahnmal zum Gedenken an Betroffene sexualisierter Gewalt, ein Kunstobjekt in Herzform. Auf seinem Sockel steht: „Wer heilt die gebrochenen Herzen?“ Auch Ihre neue Broschüre zur Dokumentation von fünf Jahren Betroffenenbeirat trägt diesen Titel. Gibt es eine Antwort auf diese Frage? Sind die Herzen heilbar?
Ja. Ein eindeutiges Ja. Heilung heißt nicht, dass die Wunde verschwindet, dass der Schmerz verschwindet … (Richard Kick ringt um Fassung und schweigt eine Minute lang.) … sondern Heilung heißt, nicht nur überlebt zu haben, sondern das Leben heute wieder zu 99,9 Prozent, zu 100 Prozent, manchmal auch nur zu 80 oder 60 Prozent annehmen zu können, in seiner Schönheit, mit all den positiven Dingen, die uns bereichern und uns guttun. Heilung heißt, dass wir mit der Stärke, die wir zurückgewonnen haben, heute wieder am sozialen Leben teilnehmen, in die Kirche gehen, Gottesdienste miterleben, mitsingen, mitbeten. Das war auch für mich persönlich das Entscheidende in den vergangenen fünf Jahren. Und wir schaffen es nur gemeinsam.



