Kultur und Wissen
16.10.2026

Drei Stimmen zu Tee und Kaffee

Die einen schwören auf Tee, die anderen können sich ein Leben ohne Kaffee nicht vorstellen. Aber es gibt auch kritische Töne, die die koloniale Vergangenheit unseres Konsums in den Blick nehmen.
    

Eine gute Tasse Tee oder ein schöner Kaffee – das ist für viele mehr als nur ein Getränk. Eine gute Tasse Tee oder ein schöner Kaffee – das ist für viele mehr als nur ein Getränk. Foto: © imago/Westend61

Warum ich Teetrinker bin

Die Welt rennt. Und der Kaffee rennt mit. Im Sekundentakt wird er durch Vollautomaten gepresst, mit Sirup aromatisiert und in Pappbecher abgefüllt, die wir Sekunden später in die Tonne donnern. Effizient, funktional, rastlos. 

Ich gestehe: Ich bin kein Kaffeetrinker. Das hat geschmackliche Gründe – aber nicht nur. Es ist auch ein leiser Protest gegen die Schnelllebigkeit. Meine Leidenschaft gehört dem Schwarztee. Zu ihm fand ich erst spät, dafür aber mit einer tiefen, fast nostalgischen Liebe, die mich mit Ostfriesland und Großbritannien verbindet. Denn Tee besitzt eine Tugend, die uns heute oft abhandenkommt: Er erzwingt die Langsamkeit. Man kann ihn nicht durch eine Maschine jagen. Er verlangt Geduld. Seine Zubereitung ist ein Ritual, eine kleine Alltagstaktung der Meditation. 

Besonders das ostfriesische Teeritual gleicht einer eigenen kleinen Schöpfungsgeschichte im Becher: Zuerst schmeckt man die Milde der Sahne, dann die herbe Tiefe des Tees. Und ganz am Ende, am Grund der Tasse, wartet die süße Belohnung des Kandis. Ein Plädoyer für den Moment. Denn wer Tee trinkt, gibt der Seele Zeit, hinterherzukommen. 

Bruder Jens Kusenberg OFMCap, Guardian der Kapuziner in Frankfurt am Main 


[inne]halten - das Magazin 21/2026

Gemeinsam durchs Leben

Warum  die christliche Ehe nicht irgendeine Institution, sondern ein mystisches Bündnis der Liebe ist

Lesen Sie im [inne]halten-Magazin unseren Themenschwerpunkt und weitere Geschichten und Berichte aus dem kirchlichen Leben.

Ein Leben lang Espresso

Den italienischen Espresso trinkt man „caldo, amaro e in compagnia“ – heiß, bitter und in Gesellschaft. Das hat mir ein Jugendlicher aus Neapel erzählt. Ich wohnte mit ihm als frisch gebackener Theologe in einer Wohngemeinschaft, bevor es dann in den Pastoralkurs ging. Und: Ich trank damals schon nur Espresso. Vor 40 Jahren war das echt noch eine Herausforderung hier bei uns in Bayern. Mein Heilpraktiker empfahl mir das. Seitdem hab ich keine Magenbeschwerden und keine zittrigen Hände mehr … Schnell hab ich mir die erste Caffettiera für die Herdplatte zugelegt und bald im Priesterseminar für bis zu zehn Leute Espresso gemacht. Das war Kult!  

Die neapolitanische Lebensweisheit ist für mich nicht nur zur Gewohnheit, sondern auch zur Kultur geworden. Frühmorgens zur Meditation den ersten Espresso in Gemeinschaft mit meinem Gott. Mittags nach dem Essen einen weiteren, gern amaro, bitter, weil genau das für die Verdauung gesund ist. Wo’s den besten Espresso in der nördlichsten Stadt Italiens gibt? Bei uns in der „Mitleb-WG“ in München-Schwabing, in der junge Erwachsene für eine Zeit der Orientierung zusammen mit zwei Priestern wohnen können … gern gemeinsam mit anderen – „in compagnia“ eben.  

Pfarrer Klaus Hofstetter, Leiter der Berufungspastoral im Erzbistum München und Freising 


Das koloniale Erbe in unserer Tasse

Kaffee und Tee sind die beliebtesten Heißgetränke der Welt. Sie stehen für Genuss, Gastfreundschaft und Alltag. Doch hinter ihrer Erfolgsgeschichte verbirgt sich auch eine Geschichte von Kolonialismus, Ausbeutung und Umweltzerstörung. 

Als die europäische Nachfrage nach Kaffee und Tee ab dem 17. Jahrhundert stark anstieg, wurden die Pflanzen in den Kolonien der europäischen Mächte großflächig angebaut. In Asien, Afrika und Lateinamerika entstanden Plantagen, auf denen Menschen unter Zwang oder unter äußerst harten Bedingungen arbeiten mussten. Besonders die Ausweitung des Kaffeeanbaus in der Karibik und in Lateinamerika war eng mit Sklaverei und dem transatlantischen Menschenhandel verbunden. Millionen versklavter Afrikanerinnen und Afrikaner wurden zur Arbeit auf Plantagen gezwungen. Auch beim Teeanbau in Indien und Sri Lanka profitierten die Kolonialmächte von der Aneignung von Land und von Arbeitskräften, die zwangsumgesiedelt wurden.  

Die formale Kolonialherrschaft endete zwar im 20. Jahrhundert, viele problematische Strukturen bestehen jedoch bis heute fort. Internationale Organisationen weisen darauf hin, dass in einigen Regionen prekäre Arbeitsverhältnisse, fehlende Arbeitnehmerrechte und weitere ausbeuterische Beschäftigungsformen vorherrschen. Auch die Umwelt zahlt einen hohen Preis. Für Plantagen werden Wälder gerodet, Böden ausgelaugt und Pestizide eingesetzt. Die Folgen reichen von Artenverlust über Bodenerosion bis hin zu höheren Treibhausgasemissionen. Viele dieser sozialen und ökologischen Kosten erscheinen nicht in der Unternehmensbilanz der Importeure, werden aber von Menschen und Natur in den Anbauregionen getragen. 

Welche Ausmaße dies annehmen kann, verdeutlicht eine gemeinsame Studie von Misereor und der TH Nürnberg: Am Beispiel von Honduras und Uganda weist sie erhebliche verdeckte Folgeschäden des Kaffeeanbaus nach. Sie spiegeln die oft prekären Lebens- und Arbeitsbedingungen vieler Kaffeebäuerinnen und -bauern wider. 

Damit werden Kaffee und Tee nicht nur als Kulturgetränke sichtbar, sondern auch als Waren einer globalen Wirtschaftsgeschichte, deren Schatten bis in die Gegenwart reichen. Wer die Hintergründe verstehen will, sollte auch die Menschen und Landschaften im Blick haben, von denen die Kaffee- und Tee-Produktion abhängt. Mehr zu den versteckten Kosten im Kaffeesektor unter www.misereor.de/wahrekosten. 

Wilfried Wunden, Referent für Fairen Handel beim katholischen Hilfswerk Misereor 

Innehalten-Leseempfehlung
Joachim Burghardt
Artikel von Joachim Burghardt
Redakteur
Immer auf der Suche nach spannenden, kontroversen und kuriosen Themen rund um Glauben und Wissen.